„Dann war klar: Wenn nicht heuer, dann nie“

von Redaktion

Von Berlin bis Mannheim: Der Weg zum Meistertitel für die Bundesliga-Tennisspieler von 1860 Rosenheim

Rosenheim –Am Anfang ist es rein um den Klassenerhalt gegangen – die Tennisspieler von 1860 Rosenheim wollten eigentlich nur eine ruhige Bundesliga-Saison spielen, dem Heimpublikum spektakuläre Begegnungen bieten und frühzeitig für Klarheit in Sachen Liga-Verbleib sorgen. Am Ende kam dann alles ganz anders. Unaufhaltsam marschierten die Rosenheimer an die Tabellenspitze der stärksten Tennis-Liga der Welt – und ließen sich dann nicht mehr stoppen. Der deutsche Meistertitel für die Mannen von der Mangfall ist sicherlich eine der größten Überraschungen im deutschen Ligasport in den letzten Jahren. Der Weg zum Meistertitel:

1. Spieltag am Sonntag, 5. Juli: SCC Berlin – 1860 Rosenheim 2:4. Zum Start ging es zu einem Aufsteiger – und die Sechziger hatten richtig Probleme. Nach den Einzeln hieß es 2:2, nachdem Nikoloz Basilashvili und Federico Agustin Gomez siegten, die Neuzugänge Hugo Dellien und Gonzalo Bueno aber verloren. „Da habe ich einen Fehler gemacht“, bekannte Teamkapitän Lukas Jastraunig im Nachhinein. „Wir haben so ein gutes Teamgefüge und ich stelle gleich zwei Neue auf. Da lief dann nicht alles rund, die kannten unsere Abläufe nicht. Das fing schon mit dem Einspielen und der Teampräsentation an.“ Seine Erkenntnis: Man müsse wieder mit mehr Alteingessenen spielen. Das Spiel war auf Messers Schneide. „Da ist es rein um den Klassenerhalt gegangen“, sagt Jastraunig. Seine Gedanken: „Wenn wir da nicht gewinnen, dann wird es eine schwere Saison.“ Aber Rosenheims Spieler sind nervenstark und gewinnen beide Doppel im Match-Tiebreak: „Es war ein Riesenglück, dass wir das Match gewonnen haben“, meinte der Teamkapitän hinterher. Vorstand Dieter Dörfler denkt auch an Berlin zurück: „Die beiden Doppel waren der Knackpunkt.“

2. Spieltag am Freitag, 10. Juli: 1860 Rosenheim – Blau-Weiß Neuss 4:2. Das erste Heimspiel findet vor 500 Zuschauern statt. Neuss hat mit Artur Rinderknech einen der Top-Spieler der Liga, der das Spitzeneinzel gegen Basilashvili auch gewinnt. Sebastian Ofner, Stefano Napolitano und Thoago Seyboth Wild landen aber drei Einzelsiege. Und dann macht das Doppel mit Lucas Miedler und Petr Nouza alles klar.

3. Spieltag am Sonntag, 12. Juli: TC Bredeney – 1860 Rosenheim 3:3. Auch beim Titelverteidiger bewähren sich die Sechziger. Napolitano, Seyboth Wild und das Doppel mit Andrew Paulson und Manuel Guinard holen die Punkte. Der Chef der Gastgeber flüstert Jastraunig nach dem Match anerkennend zu: „Rosenheim spielt eklig wie immer.“ Mit 5:1 Punkten sind die Sechziger bärenstark gestartet.

4. Spieltag am Sonntag, 19. Juli: 1860 Rosenheim – Kurhaus Aachen 4:2. Das erste Spitzenspiel, denn Aachen reist als Tabellenführer an. Regenbedingt wird erst um 14.30 Uhr begonnen, später wird in die Halle ausgewichen. Die Emotionen kochen über, Aachens Top-Spieler Sebastian Baez ist mächtig sauer. „Das war ein Hin und Her“, erinnert sich Jastraunig. Der Oberschiedsrichter notiert im Spielbericht: „Der Heimverein war nur eingeschränkt motiviert, alles zu unternehmen, um im Freien zu spielen – im Gegensatz zu den Gästen, welche tatkräftig beim Herrichten der Plätze mithalfen.“ Vorstand Dörfler sagt: „Dass es dann in die Halle gegangen ist, war nicht zu unserem Nachteil.“ Ofner kommt aus Kitzbühel angereist und schlägt Baez in einer „Bombenpartie“, wie es Jastraunig ausdrückte, auf Sand, Napolitano beginnt im Freien und gewinnt dann unter dem Hallendach. Weil auch Paulson sein Einzel gewinnt, fehlt noch ein Doppelsieg. Was im Ärger rund um den Spielort fast runterfällt: Jastraunigs Geniestreich. „Ich habe später von mehreren Teamchefs gehört, dass die Aufstellung im Doppel eine taktische Meisterleistung war“, erzählt der Teamkapitän stolz. Er konzentriert seine stärksten Spieler auf eine Partie, Paulson und Nouza holen den entscheidenden Punkt. „Nach diesem Sieg habe ich zum ersten Mal darüber nachgedacht, dass wir vielleicht um die Meisterschaft mitspielen können“, bekennt Manager Thomas Detterbeck. Jastraunig denkt: „Das war der Klassenerhalt.“

5. Spieltag am Sonntag, 26. Juli: 1860 Rosenheim – Gladbacher HTC 4:2. Dieses Gefühl verstärkt sich nach diesem Duell deutlich. Eine nicht so gut aufgestellte Rosenheimer Mannschaft, bei der die Doppel-Spezialisten Paulson und Jiri Vesely im Einzel ran mussten, holt sich die Punkte. Lorenzo Giustino bezwingt im Spitzeneinzel den in der Weltrangliste um rund 150 Plätze höher stehenden Botic van de Zandschulp. „Das war eines der besten Spiele“, schwärmt Detterbeck. Und wieder stechen die Doppel, Rosenheim gewinnt – und Dörfler denkt sich: „Wenn nicht heuer, dann nie.“

6. Spieltag am Freitag, 31. Juli: TC Großhesselohe – 1860 Rosenheim 2:4. Es ist der große Auftritt von Routinier Gastao Elias. Der bestreitet seine Saisonpremiere und gewinnt sein Einzel sowie das Doppel mit Vesely. Das Derby geht an Rosenheim, das von vielen Fans begleitet wird. „Die haben das Auswärtsspiel zu einer Heimveranstaltung für uns gemacht“, freut sich Jastraunig. Die Rosenheimer Verantwortlichen hatten da schon alles unternommen, um die Voraussetzungen für den Titel-Endspurt zu festigen: Von den Sponsoren bekommen sie viel Unterstützung.

7. Spieltag am Sonntag, 2. August: 1860 Rosenheim – TC Augsburg Siebentisch 5:1. Gegen das Schlusslicht gelingt der wichtige Heimsieg. Mit 800 Zuschauern merkt man an der Pürstlingstraße auch das deutlich gestiegene Interesse. Die Meister-Euphorie ist bei den Sechzigern angekommen.

8. Spieltag am Freitag, 7. August: 1860 Rosenheim – Kölner THC Rot-Weiß 5:1. Die Gäste stecken noch im Abstiegskampf, dennoch sind sie in Rosenheim chancenlos. Hugo Dellien war schon in Nordamerika, hat sich aber wieder in den Flieger gesetzt und gewinnt das Spitzeneinzel. An Position vier spielt der Olympia-Teilnehmer von 2024, Thiago Monteiro. Jetzt ist klar: Die Sechziger lassen nichts anbrennen.

9. Spieltag am Sonntag, 9. August: Grün-Weiß Mannheim – 1860 Rosenheim 3:3. Rund 3.500 Zuschauer bilden den perfekten Rahmen für die Titelfeier des Überraschungsmeisters. Der musste zunächst noch seine Aufgaben erledigen, profitierte dann aber auch davon, dass Verfolger Bredeney vor heimischer Kulisse Federn ließ. Nach den Einzeln war alles perfekt, und der Meisterpokal in Rosenheimer Händen. Und ein weiteres Ziel erreicht: Eine ganze Saison ungeschlagen – quasi das Sommermärchen auf Tennis-Art.

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