Rosenheim – 16 Vereine haben sich bislang zum Meister in der Tennis-Bundesliga gekürt. Seit 1972 wird dort um die deutsche Meisterschaft gespielt, als erster Titelträger durfte sich der LTTC Rot-Weiß Berlin in die Annalen eintragen lassen. Seitdem sind einige weitere Meister hinzugekommen. Rekordgewinner ist der TC Blau-Weiß Neuss mit zehn Siegen, darunter sieben en suite von 1983 bis 1989. Ihm folgten der TK Grün-Weiß Mannheim mit acht und der TC Amberg am Schanzl mit sechs Titelgewinnen. Neben den Oberpfälzern hatten bislang auch der MTTC Iphitos und der TC Großhesselohe aus München triumphiert – nun ist mit dem TC 1860 Rosenheim ein weiterer Titelträger aus dem Freistaat hinzukommen.
Die Rosenheimer durften erstmals den Meisterpokal entgegennehmen – als ungeschlagenes Team nach sieben Siegen und zwei Unentschieden. Dabei sind die Sechziger vom Budget sicherlich nicht vorne einzuschätzen. „Wir haben Mannschaften hinter uns gelassen, mit denen wir finanziell überhaupt nicht konkurrieren können“, sagt Vorstand Dieter Dörfler. Das Erfolgsgeheimnis? Der Zusammenhalt in einer Welt, in der die Profis sonst nur als Einzelsportler unterwegs sind. „Die Mannschaft war sehr homogen“, urteilt Manager Thomas Detterbeck – und verweist auf ein Beispiel aus dem Fußball: „PSG hat mit Messi, Neymar und Mbappe auch nichts gerissen. Und kaum sind die weg, schon gewinnen sie die großen Titel.“ Er meint damit: „Du brauchst eine Mannschaft, in der die Spieler füreinander einstehen.“ Und das war in Rosenheim der Fall. Insgesamt 17 Akteure waren in dieser meisterlichen Saison für die Sechziger aufgelaufen – die eigentliche Nummer eins, Cristian Garin, war kein einziges Mal dabei, auch Ugo Blanchet musste verletzungsbedingt passen. Diese Akteure schafften das „Wunder von Rosenheim“:
Nikoloz Basilashvili: Der 34-jährige Georgier hat eine Bilanz von 3:2 im Einzel und 0:1 im Doppel. Die aktuelle Nummer 132 der Weltrangliste – ehemals an Position 16 – musste stets im Spitzeneinzel ran. „Er ist uns deutlich öfter zur Verfügung gestanden als ursprünglich ausgemacht“, erzählt Teamkapitän Lukas Jastraunig.
Sebastian Ofner: „Ich freue mich immer, wenn ich da sein kann“, meinte der 30-jährige Österreicher, der für zwei Einzel an die Mangfall kam – und mit einer 2:0-Bilanz aus der Saison ging. Die Nummer 127 der Welt, die auch schon an Position 37 war, spielte schon 2017 für Rosenheim. Diesmal holte er, frisch aus Kitzbühel angereist, im Top-Spiel gegen Aachens Sebastian Baez einen wichtigen Punkt. „Das war eines der besten Spiele, die ich in der Bundesliga bislang gesehen habe“, meinte Jastraunig.
Hugo Dellien: Der 33-jährige Bolivianer spielte heuer erstmals für Rosenheim. Seine Auftaktpartie verlor die Nummer 144 der Welt, die auch schon mal auf Position 64 war, in Berlin. Im späteren Verlauf der Saison ging es für Dellien zu Turnieren nach Nordamerika. Nach seinem Aus in Montreal stieg er in den Flieger und kam fürs letzte Wochenende zurück, um mit den Sechzigern zwei Spitzeneinzel zu gewinnen und eine 2:1-Bilanz zu erringen. „Es war vertraglich so vereinbart, dass er zurückkommen kann“, verriet Jastraunig.
Gonzalo Bueno: Der 22-jährige Peruaner steht derzeit auf Platz 178 der Weltrangliste. In Rosenheim war er neu und spielte nur zum Auftakt in Berlin. Sein Einzel verlor er, das Doppel mit Federico Gomez gewann er dann.
Lorenzo Giustino: Der 34-jährige Italiener ist schon seit mehreren Jahren in Rosenheim. Diesmal stieg die aktuelle Nummer 197 der Welt etwas später ein. „Das war so abgemacht“, berichtete Jastraunig. Dafür war der Routinier dann zur Stelle, als er gebraucht wurde. Gegen Gladbach besiegte er an Nummer eins den Top-Spieler Botic van de Zandschulp. „Er war sehr beweglich und variabel beim Aufschlag“, meinte Detterbeck. Am Ende stand eine 2:2-Bilanz im Einzel und ein 0:1 im Doppel. Dörfler sagt: „Er gewinnt, wenn‘s wichtig ist.“
Federico Agustin Gomez: Der 29-jährige Argentinier spielte eine herausragende Saison. Die Nummer 181 der Welt hatte eine 4:1-Bilanz im Einzel und eine 3:0-Statistik im Doppel. Er ist einer der wertvollen Akteure, weil er sowohl als Einzelakteur als auch mit einem Partner stark aufspielt. „Eine wichtige Bank“, befand Detterbeck. Für Dörfler ist der Argentinier schlichtweg die „Drama-Queen“. Fünf der acht Spiele von Gomez gingen in den Match-Tiebreak. „Der kostet mich die meisten Nerven“, erklärte Dörfler schmunzelnd.
Stefano Napolitano: Einer der Spieler der Saison: Der 31-jährige Italiener hat alle seine fünf Einzelduelle gewonnen. Die aktuelle Nummer 229 der Welt spielte stets an Position zwei oder drei. „Wahnsinn, wie der heuer gespielt hat“, schwärmt Detterbeck. Der 1,98-Meter-Riese sei „ein Gentleman“, wie Dörfler beschreibt. „Der spielt das immer seriös runter.“ Abgesehen von einer Partie: In Bredeney verlor er gegen Oscar Otte den ersten Satz mit 0:6. „Da hat er nicht gut gespielt, hat es dann aber im Match-Tiebreak rumgerissen“, berichtet Jastraunig. Gegen Aachen begann er gegen Vit Kopriva auf Sand und musste dann regenbedingt in die Halle wechseln, wo er dann den Sieg sicherstellte. Für den Meistertitel mit Rosenheim hat Napolitano, der im Doppel mit einer 0:2-Bilanz rausging, sogar den Rauswurf in der Schweiz riskiert. Während es in der Bundesliga am letzten Wochenende um die Entscheidung ging, hätte der Italiener mit Genf in der Schweiz um die Meisterschaft spielen sollen. Napolitano entschied sich für die Sechziger. „In der Schweiz wurde er dann auch rausgeschmissen“, so Jastraunig.
Thiago Monteiro: Der Einsatz des Brasilianers am letzten Wochenende zeigt die hervorragende Kaderplanung der Rosenheimer in dieser Saison. Wenn man die ehemalige Nummer 61 der Welt, 2024 in Paris Teilnehmer an den Olympischen Spielen, an Position vier im Einzel aufbieten kann, dann hat man ziemlich viel richtig gemacht. Der 32-Jährige, aktuell auf Position 274 in der Rangliste angesiedelt, hat dann auch seine Spiele gewonnen. Er geht mit 2:0 im Einzel und mit 0:1 im Doppel aus der Saison.
Thiago Seyboth Wild: Der 26-jährige Brasilianer war schon mal die Nummer 58 der Weltrangliste und steht aktuell auf Position 202. In Rosenheim spielte er seine erste Saison und lieferte zwei wichtige Einzelsiege: Beim 4:2-Heimerfolg über Neuss an Position vier und beim 3:3 in Bredeney an Nummer drei. Insgesamt bleibt ihm die 2:0-Statistik im Einzel und ein 0:1 im Doppel.
Andrew Paulson: Mit seiner Bilanz konnte keiner in der Liga mithalten: Der 24-jährige Tscheche gewann seine drei Einzel und alle fünf Doppel – 8:0 Siege sind heuer in der deutschen Bundesliga unübertroffen! Dörfler fand den Auftritt des gebürtigen Pragers „sensationell“, Detterbeck attestiert ihm „eine unheimlich mentale Stärke“. Im Doppel punktete er zweimal mit Jiri Vesely, zweimal mit Petr Nouza und einmal mit Manuel Guinard. Bemerkenswert waren seine Einzelerfolge, weil Paulson mittlerweile hauptsächlich im Doppel daheim ist. Dort belegt er aktuell Rang 115 in der Weltrangliste, im Einzel steht lediglich Platz 619 zu Buche.
Gastao Elias: Der 35-jährige Portugiese war mal die Nummer 57 der Weltrangliste, jetzt ist er nicht mehr unter den ersten 1000 gelistet. Seine Erfahrung ist aber immer noch richtig was wert. So hatte er seinen großen Anteil am 4:2-Sieg im Derby in Großhesselohe, als Elias zunächst im Einzel an Nummer vier gegen den Franzosen Luka Pavlovic im Match-Tiebreak die Oberhand behielt und dann auch noch im Doppel gemeinsam mit Jiri Vesely gewann. „Der hat zuvor drei Monate nicht gespielt und gewinnt dann Einzel und Doppel“, kann es Detterbeck auch jetzt noch kaum glauben. Die Bilanz des Portugiesen lautet: 1:0 im Einzel, 1:2 im Doppel.
Manuel Guinard: Der Franzose ist einer der besten Doppelspieler der Welt, in der aktuellen Rangliste belegt der 30-Jährige den 15. Rang. Auch deshalb stand er den Sechzigern nicht so oft zur Verfügung. Seine Bilanz: 0:2 im Einzel (jeweils an Nummer vier in Bredeney und gegen Aachen) sowie 1:1 im Doppel.
Jiri Vesely: Der 33-jährige Tscheche ist in der Weltrangliste eigentlich schon nicht mehr gelistet. Für die Sechziger ist er dafür umso wertvoller. Die einstige Nummer 35 im Einzel und 94 im Doppel zeigt immer wieder, dass er nichts verlernt hat. Einmal musste er im Einzel ran und verlor an Position vier gegen Gladbach, im Doppel lautet seine Bilanz 4:2 Siege. Dabei gewann er mit Andrew Paulson (2), Petr Nouza und Gastao Elias.
Lucas Miedler: Der Neuzugang aus Österreich stand nur einmal zur Verfügung. Der 30-jährige Doppelspezialist machte im Heimspiel gegen Neuss gemeinsam mit Petr Nouza den Sack zu und sicherte den Sieg für die Sechziger. In der Doppel-Weltrangliste steht er auf Platz 24.
Tom Bremer: Das Eigengewächs durfte in zwei Begegnungen im Doppel ran. Gegen Aachen war die Niederlage deutlich, allerdings stand man auch einem Spitzendoppel mit Hendrik Jebens (Nummer 79) und Tim Pütz (Nummer elf) gegenüber. In Mannheim war es dann eine umkämpfte Partie und der Match-Tiebreak ging knapp mit 8:10 verloren.
Petr Nouza: Der 27-jährige Tscheche aus Prag war wieder einmal eine Bank im Doppel. Die aktuelle Nummer 46 der Weltrangliste ging mit einer 4:1-Bilanz aus der Saison. Dabei hatte er teils unterschiedliche Spielpartner: Gegen Neuss mit Lucas Miedler, gegen Aachen und Gladbach mit Andrew Paulson und gegen Köln mit Federico Agustin Gomez. Bemerkenswert: Alle Siege holte Nouza auf dem heimischen Gelände an der Pürstlingstraße!
Noah Borges: Der Bottroper war zu dieser Saison nach Rosenheim gewechselt und war gemeinsam mit Eigengewächs Bremer zweimal im Doppel nominiert worden. Dabei ist ihnen in Mannheim nach einer sehr ordentlichen Leistung beinahe ein Sieg gelungen – und das, obgleich auf der anderen Seite mit Bernabe Zapata Miralles die frühere Nummer 37 der Welt stand.