Aus Neuötting in die NFL: Lorenz Metz.Foto Imago
Neuötting/Foxborough – Von Neuötting nach Foxborough ist es weit – nicht nur geografisch, sondern vor allem sportlich. Bis zu seinem 18. Lebensjahr hatte Lorenz Metz mit American Football kaum etwas am Hut. Heute misst der Oberbayer über zwei Meter, wiegt knapp 150 Kilogramm und steht bei der NFL-Kultfranchise New England Patriots unter Vertrag. Über die Kirchdorf Wildcats und das US-College in Cincinnati hat sich der verlässliche Offensive Liner bis an die Spitze des US-Sports gekämpft.
Im Interview spricht der 29-Jährige über den gewaltigen Kulturschock beim Wechsel in die USA, das knallharte und tagesaktuelle Business der NFL – und die Vorfreude auf ein ganz besonderes Heimspiel in der Münchner Allianz Arena.
Wie kommt man aus Bayern in die NFL?
Ich habe für zwei Jahre bei den Kirchdorf Wildcats gespielt und bin dann von Brandon Collier, dem Gründer von Premier Play International (PPI), entdeckt worden. Dank ihm habe ich Videos von mir gemacht und diese an Colleges geschickt. Nach dem College habe ich weiter hart gearbeitet und hatte auch ein bisschen Glück – so bin ich in der NFL gelandet.
Sie haben erst mit 18 Jahren mit Football angefangen. Wie sind Sie so spät noch zu diesem Sport gekommen?
Meine Familie war nicht wirklich sportlich engagiert. Wir sind deshalb auch nicht mit Sport aufgewachsen. Ich habe ein bisschen Karate gemacht, Schwimmen, Tischtennis, Fußball. Als ich 18 Jahre alt war, hat ein Kumpel gefragt, ob ich zu einem Training mitkommen möchte. Als ich die Pads angezogen und den Helm aufgezogen habe, habe ich gemerkt, dass das mein Sport ist.
Sie sind über zwei Meter groß und wiegen knapp 150 Kilogramm. War das damals auch schon so?
Damals war ich ein bisschen zierlicher. Ich war ab der vierten Klasse immer der Größte in der Schule – aber ziemlich schlank. Mit 16 habe ich mit Krafttraining angefangen, und ab diesem Zeitpunkt ist mein Gewicht hochgegangen.
Wie schaffen Sie es, trotz dieser Maße beweglich zu sein?
Ich muss mich viel dehnen und an meiner Beinarbeit arbeiten. Leiter, Seilspringen und solche Dinge, um die Größe auszugleichen. Es gibt Gegenspieler, die 1,80 Meter groß sind. Die können richtig gut unter dein Pad reinkommen. Das heißt, du musst beweglich sein.
Sie sind mit 20 Jahren auf das College gewechselt. Wie groß war dieser Sprung?
Als ich mit 20 nach Cincinnati gekommen bin, habe ich nicht viel vom College Football gewusst. Ich hatte von der NFL viel gehört, aber vom College-Football habe ich daheim nicht viel mitbekommen. Das ist schon eine komplett andere Welt im Vergleich zu unseren Sportvereinen. Als ich bei den Kirchdorf Wildcats angefangen habe, hast du dein Krafttraining selbst machen und dich auch selbst um deine Ernährung kümmern müssen. Im College ist es komplett anders, da ist alles auf den Sport ausgelegt. Du hast deine Krafträume, du hast deine Meetings und du hast deinen Ernährungsraum.
Welcher Moment hat Sie bisher am meisten geprägt?
Der Schritt vom College in die NFL. In der NFL musst du alles selber machen. Da schaut keiner nach, dass du gelernt hast und die Spielzüge verstehst. Du musst selber Zeit schaffen und lernen. Es ist extrem schnelllebig. Spielzüge werden einmal erklärt, dann musst du es dir aufschreiben und daheim nochmal durchlesen und verstehen. Und wenn wir das dann im Training machen, musst du das auch wissen.
Es gibt in der NFL für jede Positionsgruppe einen eigenen Trainer. Wie ist es bei den Offensive Linern?
Wir haben einen Head Offensive Line Coach, der sich aber mehr auf die zentralen Positionen spezialisiert, das heißt Guard und Center. Und dann haben wir einen Coach, der mehr mit den Tackles arbeitet. Die Trainer haben viel Erfahrung in der NFL. Die haben schon viele Spieler gecoacht und wissen auch, wie man mit einer gewissen Größe und mit einem gewissen Gewicht umgeht.
Worauf liegt im Training der Fokus?
Während der Saison geht es im Training mehr darum, dein Gewicht und deine Muskelmasse aufrechtzuerhalten. In der Vorbereitung müssen wir Muskeln aufbauen und schneller werden.
Die NFL ist schnelllebig: Wie geht man als Spieler mental damit um, dass man jederzeit seinen Platz verlieren könnte?
Es ist nicht leicht, zu wissen, dass jeder Tag ungewiss ist. Das ist für fast alle Spieler in der NFL so. Im Generellen kannst du nur dein Bestes geben. Und manchmal braucht man eben einen neuen Start, ein neues Team oder einen neuen Trainer, der anderes Wissen hat oder mehr Zeit und Kraft in dich investiert. Bei den Chicago Bears war ich nur für zwei Monate. Bei den Tampa Bay Buccaneers habe ich dafür zwei Jahre auf dem Practice Squad verbracht.
Es kommt also sehr viel auf die Situation an?
Genau. Und das ist für fast alle Spieler in der NFL so. Es gibt auch Leute, die in einem Team überhaupt nichts reißen und dann in ein anderes Team kommen und da aufblühen, weil es ein anderes Schema ist oder weil jemand zu deinen Stärken spielt. Da muss man finden, was zu dir passt. Und da ist auch viel Glück dabei.
Sie sind seit Januar bei den New England Patriots und haben gleich einen Super Bowl miterlebt. Ging damit ein Traum in Erfüllung?
Ja, das war schon ein kleiner Kindheitstraum. Alleine schon zu den Patriots zu kommen. Ich weiß noch, wie ich in Deutschland aufgewachsen bin. Ich glaube, 2015 haben sie zum ersten Mal Spiele wöchentlich gestreamt. Und da waren die Patriots das Nonplusultra. 2014, 2016 und 2018 haben sie den Super Bowl gewonnen. Das waren zudem die Jahre, in denen Football in Deutschland größer geworden ist. Jeder hat gewusst, wer die Patriots sind und wer Tom Brady ist. Und in diese Organisation reinzukommen und einen Super-Bowl-Run zu machen, war schon unglaublich.
Welche Chancen rechnen Sie sich aus, es in den Spieltagskader für die reguläre Saison zu schaffen?
Die Trainer entscheiden, wie viel Spielzeit du bekommst. Ich mache aus jedem Play das Beste. Und am Ende des Tages ist es die Entscheidung der Coaches, ob sie mich in den aktiven Kader reinholen oder auf dem Practice Squad lassen – oder sogar loslassen. Das kann ich leider nicht beeinflussen.
Sie kommen ursprünglich aus Neuötting: Wie viel Oberbayern steckt denn noch in Lorenz Metz?
Ich versuche jedes Jahr, mindestens einmal nach Hause zu fliegen und meine Familie und meine Freunde zu besuchen. Die kommen auch ein-, zweimal im Jahr nach Amerika zu Besuch. Und Bayern ist für mich immer noch Heimat.
Die New England Patriots bestreiten in dieser Saison ein Spiel in München. Wie groß ist die Vorfreude?
Ich kann mich noch an den Tag erinnern – ich glaube, es war ein Tag vor der offiziellen Verkündung – als ich gesehen habe, dass es geleakt wurde. Ich dachte: Gibt’s ja nicht, kann nicht sein, vielleicht ist da irgendwas verloren gegangen. Und dann am nächsten Tag ins Gebäude reinzukommen und das offiziell herauszufinden, war schon echt cool. Das ist natürlich ein Bucket-List-Moment für jeden Deutschen. Ich komme aus Bayern und in München in der Allianz Arena zu spielen, wo auch mein Lieblingsfußballteam spielt, das ist schon unbeschreiblich.
Wie viele Anfragen von Freunden und Familie gab es, dass Sie Tickets besorgen sollen?
Da gibt’s ganz viele. Ich habe denen schon gesagt, dass sie versuchen sollen, ihre eigenen Tickets zu bekommen – wir werden aber schauen, dass wir jeden unterbekommen.
Blicken wir in die Zukunft: Was muss in sechs Jahren alles passiert sein, dass Sie sagen: Ich habe das erreicht, was ich in der NFL erreichen wollte?
Ich denke, dass ich zurückblicken und sagen kann: Ich habe alles gegeben, ich habe viel gelernt, viel Zeit im Playbook verbracht und nichts auf dem Tisch gelassen. Das ist für mich ganz wichtig, zu wissen, dass ich alles gegeben habe – das bedeutet für mich Frieden. Dann kann ich damit abschließen.