Der Streit um den Spielabbruch eskaliert

von Redaktion

Unterschiedliche Darstellungen der SG RRG und vom Sportbund – Das Sportgericht muss nun entscheiden

Reichertsheim – Ein verletzter Schiedsrichter, zwei Vereine mit völlig unterschiedlichen Sichtweisen und ein Spiel, das nach über 20 Minuten Unterbrechung nie mehr angepfiffen wurde: Das Bezirksliga-Duell zwischen Reichertsheim und dem Sportbund DJK Rosenheim dürfte noch lange für Diskussionen sorgen. Während Reichertsheim mehrere Lösungen angeboten haben will, sieht Rosenheim das Neutralitätsgebot verletzt. Nun muss das Sportgericht entscheiden – über einen Fall, den Bezirksspielleiter Hans Mayer und die Sportrichter in dieser Form noch nie erlebt haben.

Eigentlich deutete alles auf einen ganz normalen Bezirksliga-Spieltag hin. Reichertsheim führte gegen den Sportbund Rosenheim nach zwei Standardtoren durch Dominik Kohwagner (22.) und Danyal Akdag (34./Eigentor) mit 2:0. Die Gäste waren nach der Pause besser im Spiel und drängten auf den Anschlusstreffer. Dann kam die 72. Minute – und plötzlich ging es nicht mehr um Fußball. Schiedsrichter Pascal Hohberger prallte mit einem Spieler des Gastgebers zusammen und verletzte sich so schwer, dass an eine Fortsetzung der Partie für ihn nicht mehr zu denken war. Die Pfeife verstummte, die Suche nach einer Lösung begann. Und genau an diesem Punkt gehen die Darstellungen der beiden Vereine auseinander.

Nach Angaben der SG RRG beteiligte sich Schiedsrichter-Beobachter Florian Gebert (TSV Buchbach) sofort an der Suche nach einem Ersatz. Da er selbst verletzt gewesen sei, habe er die Spielleitung nicht übernehmen können. Die erste naheliegende Lösung sei Novalie Bräuniger gewesen, die ohnehin wenig später die Kreisklassen-Partie der zweiten Mannschaft leiten sollte und bereits vollständig ausgerüstet am Sportgelände war. Bräuniger pfeift als Assistentin bis in die Landesliga, allerdings ist sie die Schwester des Reichertsheimer Neuzugangs Marvin Bräuniger. Genau dieser Umstand war für den Sportbund Rosenheim ein Ausschlusskriterium. Abteilungsleiter Marc Hayden begründet die Ablehnung gegenüber beinschuss.de deutlich: „Die Schwester eines direkt beteiligten Spielers verletzt einfach das Neutralitätsgebot, also das ist für uns kein Unparteiischer.“ Dominik Fischberger, als Verantwortlicher für die Öffentlichkeitsarbeit in Reichertsheim, betont dagegen in der Pressemeldung, man habe sogar vorgeschlagen, Marvin Bräuniger auszuwechseln, um jeden Zweifel auszuräumen. Auch dieser Vorschlag sei kategorisch abgelehnt worden.

Anschließend habe man weitere Möglichkeiten geprüft, unter anderem einen vereinseigenen geprüften Schiedsrichter sowie einen Rosenheimer Verantwortlichen als Assistenten. Auch diese Optionen seien nach Angaben der Gastgeber verworfen worden. Während man vor Ort noch nach einer Lösung suchte, lief die Uhr weiter. Rund 20 Minuten war die Partie inzwischen unterbrochen. Schließlich wurde mit Stephan Kumpfmüller vom FC Grünthal ein weiterer geprüfter Schiedsrichter gefunden. Nach Darstellung der Reichertsheimer war dieser neutral, wurde vom Schiedsrichter-Team bereits eingewiesen und machte sich mit den Unparteiischen zum Umziehen bereit. Die Spielleitung hätte Kreisliga-Schiedsrichter Stephan Wagensohner, der zuvor als Erster Assistent im Einsatz war und drei Jahre Bezirksliga-Erfahrung aufweist, übernommen. Doch auch hier widerspricht Rosenheim. Hayden erklärt, mehrere Spieler hätten Kumpfmüller aus dessen Zeit in Reichertsheim (Anm. d. Red.: von 2017 bis 2021) gekannt.

Zudem seien ihm laut eigener Aussage Äußerungen zugetragen worden, wonach dieser sich bereits vor der Fortsetzung abfällig über einen Rosenheimer geäußert habe. „Nachdem das Publikum und die Ersatzbank, als er aufs Feld kam, schon seinen Spitznamen ‚Kumpfi‘ skandiert haben, ist das für mich ein eindeutiges Zeichen, dass er eine ziemlich tiefe Verbindung zu dem Verein hat“, sagt Hayden. Deshalb habe der Sportbund auch diese Lösung nicht akzeptiert. Für Reichertsheim war die Situation zu diesem Zeitpunkt bereits entschieden. Nach eigener Darstellung sei das neue Schiedsrichtergespann vollständig umgezogen gewesen und habe die Partie fortsetzen wollen. Der Sportbund habe das Spielfeld jedoch auf Anweisung von Cheftrainer Patrick Zimpfer und Abteilungsleiter Hayden verlassen und sich in die Kabine begeben. Einzelne Rosenheimer Spieler hätten laut den Reichertsheimer Spielern sogar signalisiert, dass sie gerne weitergespielt hätten, seien aber von Vereinsseite daran gehindert worden.

Auch diesen Punkt bewertet Rosenheim anders. Hayden verweist auf die aufgeheizte Atmosphäre rund um die Gästekabine. Fans der Gastgeber hätten Rosenheimer Spieler beschimpft. Unter diesen Voraussetzungen und mit den angebotenen Schiedsrichterlösungen habe der Verein eine Spielfortsetzung nicht mehr verantworten wollen. Wiederum verweisen die Reichertsheimer in ihrer Erklärung darauf, dass beim Verlassen der Kabine sich Spieler der Rosenheimer für das Verhalten ihres Trainers und der Vorstandschaft entschuldigt hätten. Ein weiterer Kritikpunkt von Hayden ist, dass gar nicht erst versucht worden sei, über eine Stadiondurchsage einen möglicherweise anwesenden neutralen Schiedsrichter aus dem Publikum zu finden. Wenig später stand endgültig fest: Die Partie würde an diesem Nachmittag nicht mehr beendet werden. Wagensohner brach das Spiel offiziell ab.

Wie der Fall sportrechtlich bewertet wird, ist derzeit völlig offen. Bezirksspielleiter Hans Mayer verweist auf das laufende Verfahren: „Der Schiedsrichter hat sich verletzt, man habe vor Ort nach einem Ersatz gesucht, aber keinen gefunden. Der Schiedsrichter hat im Nachgang einen Bericht verfasst und das Sportgericht wird nun entscheiden.“ Gleichzeitig ordnet Mayer den Vorfall historisch ein: „Was ich nach dem Gespräch mit dem Sportrichter sagen kann, ist, dass es in den letzten 20 Jahren so etwas in unserem Bezirk nicht gegeben hat.“ Bemerkenswert ist auch eine Parallele, auf die Rosenheim verweist (beinschuss.de berichtete): Bereits in der Kreisliga-Saison 2023/24 wurde ein Spiel des Sportbunds beim TSV Brannenburg nach einer schweren Verletzung eines Linienrichters abgebrochen. Damals führte Rosenheim mit 3:1, das Wiederholungsspiel ging später mit 0:2 verloren. Hayden weiß, dass diesmal eine Entscheidung gegen den Sportbund ausfallen könnte: „Das ist uns natürlich bewusst, dass wir das am grünen Tisch auch durchaus verlieren können.“ Damit liegt der Ball nun nicht mehr auf dem Rasen, sondern beim Sportgericht. Dort wird geklärt werden müssen, ob die angebotenen Lösungen für eine Spielfortsetzung ausreichend waren oder ob der Sportbund Rosenheim berechtigt war, die Neutralität der Ersatzschiedsrichter anzuzweifeln. Fest steht schon jetzt: Aus einem gewöhnlichen Bezirksliga-Spiel ist einer der ungewöhnlichsten Fälle der vergangenen Jahre geworden. Und unabhängig vom sportlichen Ausgang dürfte dieses Duell noch länger nachhallen.

Artikel 2 von 6