1860 im DFB-Pokal, St. Pauli sagt „Danke Burghausen“

von Redaktion

30 Jahre Beinschuss Teil 6: Verrückte Spielverläufe und Highlight-Spiele – Heller netzt sechsmal gegen Tuchel und Nagelsmann

Rosenheim – Der „Beinschuss“ feiert sein 30-jähriges Bestehen. 1996 erschien die erste Ausgabe des regionalen Fußball-Magazins aus Rosenheim – und schlug ein wie eine Bombe! Heute ist beinschuss.de ein beliebtes Online-Portal. Die OVB-Sportredaktion und beinschuss.de machen eine Zeitreise durch 30 Jahre Amateurfußball und alte Schlagzeilen: kuriose Geschichten, prominente Namen, lustige Anekdoten.

Fußball. 22 Spieler laufen einem Ball hinterher und am Ende gewinnt man oder man versucht es eine Woche später wieder. Denn: „Das nächste Spiel ist immer das nächste“, sagte Matthias Sammer einst. Für Laien möge der Sport langweilig, langsam und eintönig sein. „In schöner Regelmäßigkeit ist Fußball doch immer das Gleiche“, erklärte Ex-Profi und -Trainer Hans Meyer. „Fußball ist Fußball“ (Sepp Herberger) und mehr nicht – würden Menschen denken, die noch nie selbst gegen die Kugel getreten haben.

Doch: „Fußball ist ding, dang, dong. Es gibt nicht nur ding“ (Giovanni Trappatoni), „Fußball ist eine Droge“ (Uli Hoeneß), „Fußball bedeutet Freiheit“ (Bob Marley), „beim Fußball geht es nicht um Leben und Tod – es geht um mehr“ (Bill Shankly). Günter Netzer beschrieb es wie folgt: „Unsere Welt ist verrückt, aber die Fußballwelt ist umso verrückter“, denn „im Fußball ist eigentlich nichts unmöglich“ (Christoph Daum), „man kann jedes Spiel gewinnen, man kann aber auch jedes Spiel verlieren“ (Franz Beckenbauer). Gewiss ist im schönsten Sport der Welt gar nichts – „eine Garantie kriegen Sie, wenn Sie eine Waschmaschine kaufen“ (Thomas Schaaf). Wie facettenreich, turbulent und unvorhersehbar der Fußball wirklich ist, zeigt Teil 6 der 30-Jahre-Beinschuss-Serie. Dabei geht es um eine Auswahl besonderer Ereignisse, verrückter Spielverläufe und Highlight-Matches im heimischen Amateurfußball.

„Der große Tag des TSV 1860 Rosenheim“, schrieb der Beinschuss im Juni 1999. Im bayerischen Toto-Pokal schafften die Sechziger (spielten damals in der Landesliga) gegen den Regionalligisten FC Augsburg die Sensation. Nach zwei Kisten von Sepp Heller, dem Rosenheimer Aushängeschild zu dieser Zeit, qualifizierte sich der TSV 1860 für den DFB-Pokal. Zwei Wochen vorher wurde Heller schon zum „Beinschuss Spieler des Jahres“ ernannt. „Die Saison ist noch nicht zu Ende, aber für uns vom Beinschuss steht der Spieler des Jahres schon fest. Es ist Sepp Heller vom Landesligisten TSV 1860 Rosenheim. Heller, Anfang 20, steht für eine neue Entwicklung bei den Rosenheimern: Der Nachwuchs bekommt eine Chance. Und keiner hat sie – mit mittlerweile 23 Treffern – so beeindruckend genutzt wie er“, legten sich die Beinschuss-Herausgeber fest.

Auf dem Weg zum DFB-Pokal war Heller einmal mehr der entscheidende Mann: Gegen den SV Neusorg machte er das entscheidende Tor zum 1:0-Sieg und gegen den FCA netzte er zweimal zum 2:1-Erfolg. Gegen den Regionalligisten siegte die Elf von Andi Singer verdient – ein Klassenunterschied war weder in Sachen Spielanlage und Taktik, noch in Technik und Zweikampf zu erkennen. In Minute 58 brachte Heller sein Team per Elfmeter nach Foul an Franz Höhensteiger in Führung. In der 74. Minute glichen die Fuggerstädter aus, ehe Heller fünf Zeigerumdrehungen später den 2:1-Endstand markierte. Christian Nißl setzte sich energisch durch, sodass Heller nur noch ins leere Tor einschieben musste.

Im DFB-Pokal erhielten die Rosenheimer ein Freilos, in Runde zwei kamen die Hamburger vom FC St. Pauli an die Mangfall. Knapp musste sich der TSV 1860 den Paulianern geschlagen geben und verabschiedete sich erhobenen Hauptes aus dem DFB-Pokal. Vor 3.000 Zuschauern sah es im Rosenheimer Jahnstadion nach einer halben Stunde nach dem erwarteten Spielverlauf aus: St. Pauli führte durch Markus Marin (22.) und Ivan Klasnic (26.) mit 2:0. Doch in der 34. Minute verkürzte Armin Parstorfer nach einer Ecke, die Matthias Linnemann am langen Pfosten vors Tor köpfte, per Flugkopfball auf 1:2. In der Folge war der Drei-Klassen-Unterschied nicht zu sehen, die Sechziger verlangten dem Favoriten aus Hamburg mit einer einzigartigen Leistung alles ab und hatten zahlreiche Chancen auf den Ausgleich. Diesen Spielverlauf gibt Heller über 25 Jahre später im Gespräch mit der OVB-Sportredaktion exakt wieder. „Ich habe ein Langzeitgedächtnis“, lacht Heller: „Solche Spiele vergisst man nicht, weil es ja wirklich ein besonderes Spiel war für uns alle.“ Doch am Ende blieb es beim 1:2 und der TSV 1860 Rosenheim schied aus. „Wir können sehr stolz sein, da wir an der Sensation nahe dran waren“, bilanzierte Coach Singer das Fußballfest. „Wir haben damals eine Top-Mannschaft und einen Top-Trainer gehabt. Das DFB-Pokal-Spiel war das I-Tüpfelchen auf die starke Saison“, blickt Heller zurück.

Die Hamburger waren nicht die einzige prominente Bundesliga-Mannschaft, die in Rosenheim gastierten. Im Juli 1996 trat Christoph Daum mit Bayer 04 Leverkusen in der Vorbereitung beim TuS Raubling an – A-Klassist gegen Bundesligist. Die Werkself trat im Inntal konzentriert, professionell und diszipliniert auf. Am Ende hieß es 0:9 nach Treffern unter anderem von Robert Kovac, Weltmeister Paolo Sergio (1994 mit Brasilien), Ulf Kirsten, Christian Wörns und Erik Meijer.

Neun Monate später, am 13. April 1997, kam der Bundesligist 1. FC Köln zum SB/DJK Rosenheim. Im Vorfeld des Highlights in Rosenheim führte der damalige SBR-Pressesprecher und heutige OVB-Sportchef Thomas Neumeier ein Interview mit dem Kölner Publikumsliebling Toni Polster. Der „Effzeh“ befand sich in einer Ergebniskrise und der 21-jährige Neumeier nahm kein Blatt vor den Mund. „Vor kurzer Zeit gab‘s in Köln mächtig Krach. Macht da das Fußballspielen überhaupt noch Spaß? Polster: Der Spaß kann einem manchmal schon vergehen, vor allem wenn man mit dummen Schlagzeilen tagtäglich konfrontiert wird. (…). Schlagzeilen wie „Ihr faulen Millionäre“ oder „Ihr skandalösen Rasen-Schlampen“ waren da zu lesen. Die Mannschaft und oftmals auch Toni Polster standen da ziemlich in der Kritik… Polster: (…) Ich persönlich nehme mir die Kritik zu Herzen. Ich hab‘s gewiss nicht leicht, (…). Vom Polster erwartet man immer etwas mehr, weil man weiß, was er kann. Aber bei einem guten Regisseur kann ein Film auch mal ein Flop werden, so ist‘s im Fußball auch. Wichtig ist, dass ich nach dem Spiel in den Spiegel schauen und sagen kann, dass ich alles versucht habe.“ Der Österreicher mit der schlitzohrigen Spielweise und dem unvergleichlichen Wiener Schmäh schoss sich in Rosenheim den Frust von der Seele: Dreimal ließ er es gegen den SBR „polstern“. Die Elf von Peter Neururer besiegte die Truppe von Norbert Eder mit 10:3. Für den SBR trafen Andreas Kefer (10./ 1:1), Samir Tanjo (42./2:5) und Walter Edbauer (62./3:6) vor 1500 Zuschauern.

Neben dem FCK machten auch die Münchner Löwen einen Gastauftritt beim SBR. Dabei blieben die Rosenheimer um Christoph Börtschök, Dominik Reichmacher und Andreas Sollinger ohne Torerfolg. Der TSV 1860 München – trainiert von Rainer Maurer und Co-Coach Wolfgang Schellenberg – siegte mit 6:0. Auf dem Feld standen unter anderem Kapitän Benny Lauth, Daniel Bierofka, Stefan Aigner, Manuel Schäffler, Kai Bülow, Philipp Steinhart, Dominik Stahl, Daniel Halfar und Bobby Wood. Der FC St. Pauli fand im Beinschuss einen weiteren historischen Auftritt. Ein Spiel, von dem in Burghausen noch viele reden: das 1:1 im November 2002 gegen den FC St. Pauli. Aber weniger wegen der eher langweiligen Partie selbst (Thomas Broich traf für Wacker, Alex Meier für Pauli), sondern wegen des Spektakels drumherum. Wacker hatte erst im Mai 2002 die Sensation geschafft und war in die 2. Bundesliga aufgestiegen – während St. Pauli gleichzeitig aus der Bundesliga abgestiegen war. Die Fans vom Kiez erklärten die Partie im Südosten zum Jahresausflug – und rückten in Massen an. Ihr Slogan: „Ihr aus den Bergen, wir vom Meer.“ So war das Stadion an der Liebigstraße mit 8.500 Zuschauern zum ersten Mal seit dem Umbau restlos ausverkauft, die Gästefans nahmen alle 1.500 Tickets ab und erschienen so zahlreich, dass sie auch auf andere Blöcke im Stadion verteilt werden mussten.

Bürgermeister Hans Steindl erwartete die im Sonderzug anrückenden St.-Pauli-Fans schon am Bahnhof. Per Megafon hieß er die Hamburger willkommen, so einen tollen Empfang hatte der damals noch gefürchtete Pauli-Anhang noch nirgends bekommen. Zum Dank trugen ihn die Gäste-Anhänger auf den Schultern zum Stadion – quer durch die Stadt, vorbei an den Burghausern, die dem Spektakel staunend an den Fenstern ihrer Wohnungen zuschauten. Cool auch die bayerischen Polizisten, die vor ihren Streifenwägen geduldig Erinnerungsfoto-Wünsche der Nordlichter erfüllten, während in der Turnhalle extra eine Punkband für die Pauli-Fans spielte. Zum Dank spannten die Hamburger beim nächsten Heimspiel ein Riesen-Transparent über die komplette Südtribüne. Darauf stand: ‚Danke Burghausen!‘

Fast 20 Jahre ist es nun her, dass Sepp Heller ein weiteres denkwürdiges Match ablieferte. Beim ersten Sieg des SBR in der Saison 2007/08 – dem 6:2-Sieg beim FC Augsburg II – machte Heller alle sechs Buden. Und dabei waren die Augsburger eigentlich besser: „Die waren bärenstark. Wir haben aber als Mannschaft überragend gespielt und zum richtigen Zeitpunkt die Tore gemacht“, so Heller. Beim Stand von 4:2 parierte Keeper Simon Vockensperger einen Elfmeter. „Wenn der drin gewesen wäre, hatten wir wahrscheinlich verloren“ vermutet Heller. Zwischen seinen beiden Highlight-Spielen kann sich Heller nicht für einen Favoriten entscheiden. „Das kann man nicht vergleichen. Beim DFB-Pokal wusste man ja im Vorhinein, dass das ein Spektakel wird. In Augsburg entwickelte es sich erst währenddessen“, erklärt Heller. Und erst in den Folgejahren wurde das Sechs-Tore-Spiel immer besonderer: Beim FCA II an der Seitenlinie stand damals Thomas Tuchel, auf dem Feld versuchte ein gewisser Julian Nagelsmann, den Rosenheimer zu verteidigen – dieser stach jedoch sechsmal zu…

Kuriose Spiele und Ergebnisse gab es im Beinschuss ohne Ende. Beispielsweise das 2:12 zwischen Teising und Trostberg, das den Abstieg des SVT bedeutete. Als der TSV Wasserburg die Partie gegen Deisenhofen mit 0:2 verlor, standen am Ende nur noch sieben Löwen auf dem Feld. Als Jörg Burger in der 60. Minute für ein (laut der Wasserburger) Allerweltsfoul Gelb-Rot sah, reklamierten Stefan Kurz und Ali Karadzic derart vehement, dass sie Burger zum Duschen folgen mussten. 23 Minuten später kam Mathias Eder dazu, der ebenfalls meckerte.

Noch wilder ging es zwischen Schwaben Augsburg und dem MTV Ingolstadt zu: Nach drei Gelb-Roten und drei Roten Karten, wurde der Augsburger 2:1-Sieg im Modus Acht gegen Acht beendet. Dazu passte die Aussage von Johannes B. Kerner: „Wenn man gelb hat und so reingeht, kann man nur wichtige Termine haben.“ Ein Kartenfestival mit gleichzeitiger Sensation gab es zwischen Moosinning und Markt Schwaben. Sieben Moosinninger bezwangen Markt Schwaben mit 2:1.

Ohne dass sie auf dem Feld für Aufsehen sorgten, brachten es die Jugendmannschaften vom SV Westendorf und dem Sportbund weit. Die Westerndorfer B-Jugend durfte beim Champions-League-Spiel des FC Bayern München gegen Arsenal London das UEFA-Banner schütteln. Bayern-Maskottchen Berni wollte wohl auch in den Beinschuss und mogelte sich aufs Foto mit den Westerndorfern. Zur Weltmeisterschaft 1998 ging in der Region das Fußballfieber um. Simon Schmid, damals Trainer der SBR-A-Jugend und großer Fan der brasilianischen Fußballkunst, hatte eine tolle Idee, und stieß bei seinen Kickern auf Begeisterung. Wer trägt nicht gerne das legendäre grün-gelbe Trikot mit vier Sternen sowie des „Brasil“-Wappen auf der Brust und einen exotischen Latino-Künstlernamen auf dem Rücken? Maxi Berger war „Maxero“, Manfred Rapf hieß „Manilo“, Halil Erdogan lief als „Halinho“ auf und so weiter. Andreas Brehme wusste schon längst, dass „die Brasilianer ja auch alle technisch serviert sind“. Coach Simon „Zagalinho“ Schmid hoffte, dass der brasilianische Zauber auf seine Mannschaft abfärben würde. Sepp Herberger forderte: „Elf Freunde müsst ihr sein.“ – so wollte „Zagalinho“ wohl: „Elf Brasilianer müsst ihr sein.“

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