Kolbermoor – Eine, die diesen Trend mitlebt, ist Monika Eisermann. Zum Nähen kam sie nach der Geburt ihrer ersten Tochter 2010. Das Mädchen hatte eine Schädelanomalie und musste als Baby am Kopf operiert werden. Danach brauchte sie Wickelkleidung, die nicht über den Kopf angezogen werden musste. Dadurch kam sie zum Nähen und entdeckte ihre Liebe zu schönen Stoffen und zur Handarbeit. Für die Betriebswirtin, deren zweite Tochter 2011 auf die Welt kam, gab es dann nichts Spannenderes, als sich aus diesem Hobby ein kleines Unternehmen aufzubauen. 2012 ging es los mit dem Online-Versand von Stoffen, im Oktober 2014 wagte sie dann die Eröffnung eines kleinen Ladengeschäfts, „Ro-Stoffe“, in der Rosenheimer Straße in Kolbermoor. Diese 80 Quadratmeter wurden dank der rapide wachsenden Nachfrage rasch zu klein – und vor zwei Jahren bezogen die „Ro-Stoffe“ ein 200-Quadratmeter-Geschäft in der Bahnhofsstraße. Während andere Einzelhändler oft vor der „Übermacht“ des Internets kapitulieren, beschritt Monika Eisermann also den umgekehrten Weg, und sie hätte auch noch weitere Ideen, wie sie, etwa mit Bastelbedarf, ihr Angebot noch ausbauen könnte. Daneben bietet sie auch jetzt schon – außerhalb der Ferien – Nähkurse und „Betreutes Nähen“ an: An Montag- und Mittwochvormittagen können Kundinnen mit der eigenen Maschine zu ihr kommen, um dann unter Aufsicht eine heikle Stelle zu meistern, sei es gleich der Zuschnitt oder dann das Einnähen eines Reißverschlusses. Monika Eisermann ist, ebenso wie ihre beiden Mitarbeiterinnen, Autodidaktin, also keine gelernte Schneiderin. „Für ein Kinderhoserl reichen auch einfache Schritte, bei denen der Profi vielleicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde“, meint sie. Tatsächlich sind es vor allem Kinder, für die genäht wird. Die Mamas – und auch einige Papas – freuen sich, wenn der Nachwuchs einen liebevoll gefertigten, individuell gestalteten Pulli trägt, von dem man die Stoffqualität kennt und von dem man weiß, dass er nicht in einer Fabrik in Bangladesch genäht wurde.
„Die Zeit darf man nicht rechnen“
Beim Nähen könne man abspannen und erhalte auch noch ein schönes Produkt. „Die Zeit darf man natürlich nicht rechnen“, weiß Monika Eisermann. Aber auch ohne die Zeit einzurechnen, kommt der Hobbynäher an T-Shirt-Preise von 2,99 Euro nicht hin. Eine gute Maschine ist durchaus teuer, ein guter Stoff ebenso. Deshalb hat das Selber-Nähen in den letzten Jahrzehnten wahrscheinlich auch den „Arme-Leute-Touch“ verloren, meint Monika Eisermann. Der Trend schwächt sich auch nicht ab: Nach den Kindersachen nähen jetzt immer mehr Erwachsene auch für sich selber, da es allmählich auch immer mehr bequeme, aber optisch attraktive Stoffe für sie gibt.
Die meisten Hobbynäher starten mit einem Mützerl oder einer Pumphose für ihr Baby, oft einfach nach einer Youtube-Anleitung. 80 Prozent bleiben dabei – und nähen weiter. „Nähen hat durchaus Sucht-Charakter,“ lacht Monika Eisermann, „man sieht einen schönen Stoff, kauft ihn, und muss dann natürlich etwas draus nähen.“
Manche kaufen den Stoff auch für Kindersachen auf gut Glück; andere bringen die lieben Kleinen mit zum Aussuchen. Männer kaufen einen Stoff, um einen Überwurf für ihre Musikboxen zu bekommen. Vor Weihnachten werden Last-Minute-Geschenkideen genäht; mit Kunstleder verstärkte Hipster-Bags („früher sagte man Turnsackerl“) das ganze Jahr. Monika Eisermann versorgt die „Süchtigen“ auch mit Knöpfen, Reißverschlüssen, Schnittmustern, Bändern, Borten und Bündchen.
Jetzt freut sie sich schon auf den Stoffeinkauf für Herbst und Winter: „Rot kommt wieder, dazu Senf und viele Erdtöne“. Und die Nadeln in den Maschinen werden wieder glühen…