Kolbermoor – „Wir halten es für angemessen, die Baumschutzverordnung der Stadt nicht zu beachten“ – mit dieser Aussage ließ Landschaftsarchitekt Peter Rubeck in jüngster Sitzung des Bauausschusses, in der die geplante Bebauung am Hassler-Kreisel und damit das Aus der Blutbuche Thema war, so manchem den Atem stocken. Denn: Rubeck war von den Investoren des Projektes „Spinnereihof“, Werndl & Partner, beauftragt, Ausgleichsmöglichkeiten für den Wegfall der markanten Buche aufzuzeigen und in der Sitzung sein Konzept vorzustellen.
Und nun entgegen der Baumschutzverordnung der Stadt? Mit einem Augenzwinkern löste der Landschaftsplaner das „Rätsel“ auf: Nicht 1:1, also pro gefällter Baum eine Ersatzpflanzung, sondern im Verhältnis 1:4 wollen sich die Investoren verpflichten, für „Ersatz“ für die geschätzt 60 bis 80 Jahre alte Blutbuche am Hassler-Kreisel zu sorgen.
Konzept für
Ersatzpflanzungen
Und das mit einem ausgetüftelten Konzept, in das sich auch der Baumbeauftragte der Stadt, Jürgen Halder, mit eingebracht hat: Vier neue Laubbäume sollen gepflanzt werden – und zwar unweit der jetzigen Blutbuche: im Zentrum des Supermarkt-Karrees, wo bereits eine mächtige Baumgruppe inklusive einer weiteren Blutbuche steht; drei der neuen Bäume direkt im Bereich der Baumgruppe, ein weiterer auf der Grünfläche Richtung Rewe-Markt, wo sich aktuell nur der „Weihnachtsbaum“ befindet.
Durchdacht auch die Auswahl der vier Laubbäume: zwei Buchen, eine Silber-Linde und ein Japanischer Schnurbaum – wobei Letztere laut Grünplaner typische Stadtbäume sind, die mit den Klimaauswirkungen besser zurechtkämen. Zudem würden sie in den Sommermonaten sehr schön blühen – „womit sie wiederum ein interessanter Lebensraum für Insekten sind“, so Rubeck.
Und nicht nur bei der Anzahl, auch beim Stammumfang wollen sich die Investoren über die Baumschutzverordnung der Stadt hinwegsetzen: Gefordert wäre nämlich nur ein Stammumfang von 16 bis 18 Zentimetern bei Ersatzpflanzungen – Werndl & Partner sichert indes Neupflanzungen mit einem Stammumfang von bereits 30 bis 35 Zentimetern zu und damit die „fünffache Qualität“. „Das hat den Vorteil, dass sie früher eine Ortsbildleistung erhalten, entsprechend früher mehr CO2 abbauen können und sie werden bereits in wenigen Jahren unter die Baumschutzverordnung fallen und einen Schutzstatus erhalten“, zeigte der Fachplaner in der Sitzung auf.
Mit den geplanten Ersatzpflanzungen ist das Konzept der Investoren noch nicht zu Ende: Fassadenbegrünung, Dachbepflanzung und ein grüner Innenhof sind weitere Ideen, die weiterverfolgt und in die Planung eingearbeitet werden sollen, wie Geschäftsführer Florian Eisner informierte. „Uns ist es ein großes Anliegen, über diesen für Kolbermoor so emotionalen Baum zu sprechen und in Dialog mit den Bürgern und Behörden zu treten“, erklärte er vor dem Ausschuss.
Eine Idee, die man nun auf ihre Umsetzung prüfen wolle, entstamme aus einem Gespräch mit dem Ortsvorsitzenden der Grünen, Bernhard Bystron: Moose als Feinstaub-Filter und CO2-Speicher, die noch dazu Sauerstoff produzieren. Derartige Mooswände sind Fachplaner Rubeck zufolge zwar vergleichsweise neu, wurden aber bereits in Stuttgart, Essen und Tübigen errichtet, mit vielversprechenden ersten Erfahrungen. Die Technik hinter den Mooswänden würde für dauerhafte und ausreichende Feuchtigkeit sorgen, erläuterte der Experte.
Bürger sind zum
Dialog eingeladen
Hinzu käme für das neue Bauprojekt die Möglichkeit der Dachbegrünung, was sich ebenfalls positiv auf den Kreislauf des Schutzgutes Wasser, aber auch als Lebensraum für Insekten auswirke, so Rubeck weiter. Und oben drauf: aufgeständerte Fotovoltaikanlagen – „und damit doppelter Nutzen.“
Fazit des Fachplaners: Durch das „Übererfüllen“ der Baumschutzverordnung und die zusätzlichen Begrünungsmaßnahmen könnte die Umweltwirkung der wegfallenden Blutbuche bereits mittelfristig in zehn bis 15 Jahren kompensiert werden – „und das ist schon pessimistisch gerechnet“, erklärte er. Gleichzeitig würde zwar durch den Wegfall der Blutbuche das Ortsbild verändert, an der Ersatzpflanzungsstelle würde dieses aber dauerhaft aufgewertet. Und: Durch die angedachten ergänzenden Maßnahmen würde das Bauprojekt durchaus umweltverträglich umgesetzt.
Sämtliche Maßnahmen wollen die Investoren, wie sie in der Sitzung ankündigten, auch mit den interessierten Bürgern noch einmal diskutieren: am Donnerstag, 19. Oktober, ab 18 Uhr in den Räumen der Kunstakademie auf dem Spinnereigelände. Auch die Fachplaner werden vor Ort sein.
„Positiv überrascht“ zeigte sich der Bauausschuss angesichts der Vorhaben – allen voran Grünen-Stadträtin Caroline Schwägerl. „Mir tut es zwar nach wie vor weh, dass der Baum weg soll, aber man sieht, was es ausmacht, wenn man jemanden auf den Fuß tritt, was dann für ein Konzept kommt.“ Die Ideen bewertete sie als sehr positiv – und hofft, dass künftig auch andere Investoren so Wünsche aufnehmen und sich einbringen würden.
„Beeindruckend“ beurteilte Dagmar Levin (SPD) das Konzept und begrüßte es, dass die „Signale“ der Bürger offenbar vernommen wurden und nach Lösungen gesucht werde. „Es zeigt uns, dass es auch im Dialog geht. Auch die geplante Bürgerinfo ist sehr positiv“, lobte Levin. Ihre Fraktionskollegin Sigrid Kumberger hob zudem die Schaffung neuer Arbeitsplätze hervor – die Investoren hatten angekündigt, bereits einen konkreten Interessenten aufgetan zu haben, der dort auf rund 2000 Quadratmetern 150 Arbeitsplätze schaffen will. Kumberger lobte überdies die geplanten kleinen und damit seniorengerechten, innerstädtischen Wohnungen.
Angetan von den Plänen zeigten sich auch Kerim Bacak (Parteifreie) und Waltraud Giese (CSU). Giese unterstrich, dass durchaus davon auszugehen sei, dass die Investoren sich um einen adäquaten Ausgleich bemühten, das hätten sie ja auch in der Vergangenheit schon bewiesen. „Der Baum kann also ruhig weg“, meinte Giese – wobei man von „ruhig“ noch weit entfernt sein dürfte, ergänzte dazu augenzwinkernd Bürgermeister Peter Kloo. Er kündigte zudem an, dass eine ganze Reihe der Vorschläge als Festsetzungen im Bebauungsplan verankert werden könnten. Das Thema Ersatzpflanzungen regle die Baumschutzverordnung.
Stadtrat muss
nun entscheiden
Die Beschlussfassung über die weitere Planung („3. Änderung des Bebauungsplans „Spinnerei Nord“) liegt nun beim Stadtrat in seiner nächsten Sitzung am Mittwoch, 25. Oktober, 18 Uhr, Sitzungssaal Rathaus (öffentlich). Der Bauausschuss hatte sich lediglich vorberatend mit den im Rahmen der Öffentlichkeitsbeteiligung eingegangenen Einwänden und Stellungnahmen befasst. Zu den Einwänden zählen auch die insgesamt 1113 Unterschriften von Kolbermoorer Bürgern für den Erhalt der Blutbuche (wir berichteten).
Aufnehmen in die Planung wollen die Investoren unter anderem den Vorschlag von Kreisbaumeister Thomas Spindler, das fünfte Obergeschoss um mindestens drei Meter ab Baugrenze zurückzuversetzen.
Keinerlei Einwände gegen die Planung kamen indes von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt – es bestünden weder naturschutzfachliche noch naturschutzrechtliche Einwände, hieß es. Auch einen Antrag auf „Unterschutzstellung“ der Blutbuche als Naturdenkmal wies die Behörde ab – weil in diesem Fall „andere Belange gegenüber denen des Naturschutzes überwiegen“, so die Begründung, und sich die Stadtratsmehrheit gegen den Baum entschieden habe. Für den Erhalt der Blutbuche plädiert indes der Bund Naturschutz Kolbermoor, ebenso zahlreiche Bürger.