Kolbermoor – Im Herzen der Stadt liegt das Alte Rathaus als Teil des Ensembles Marktplatz. Nachdem Kolbermoor 1863 selbstständig geworden war, entstand dieser Platz mit den wichtigsten öffentlichen und kirchlichen Gebäuden.
Eduard Angerbauer, Bader und Chirurg, baute das heutige Musikschulhaus, Rosenheimer Straße 1, als zweigeschossigen Putzbau mit Satteldach und Dachreiter. Von 1881 bis 1899 war Angerbauer Bürgermeister von Kolbermoor. Als er 1907 starb, kaufte die Gemeinde das Haus.
Als erster Mieter übte Dr. Eisenhofer seine Praxis darin aus; er wechselte aber bereits 1908 als Bezirksarzt nach Parsberg. Sein Nachfolger im Gebäude wurde Dr. Otto Erras, der 1912 erster amtlicher Schularzt in Kolbermoor wurde. Im Jahr 1913 baute die Baumwollspinnerei Kolbermoor für Dr. Erras ein neues Haus an der Haßler-straße in Kolbermoor (das spätere Dr.-Flach-Haus).
Da das sogenannte Angerbauerhaus nun frei war, baute es die Gemeinde Kolbermoor unter Bürgermeister Edmund Bergmann um (Entwurf des Umbaus Bauführer Hans Schirmer, Baumeister Martin Mayer, Malermeister Zeno Weinzierl). Die Gemeindeverwaltung, die sich bis dahin in einem Raum des Knabenschulhauses an der Rainerstraße befand, zog im Jahr 1914 in das Rathaus in der Rosenheimer Straße 1 ein. Der Sitzungssaal im Rathaus galt mit seinen Butzenscheiben und seiner Verzierung als der schönste des Altlandkreises Bad Aibling.
Im Oktober 1948 beklagte sich der damalige Bürgermeister Karl Staudter: „Das Rathaus ist für den jetzigen Verkehr nicht ausreichend, nachdem die Kämmerei und Schutzpolizei im Mädchenschulhaus und das Wirtschaftsamt im Knabenschulhaus untergebracht sind. Aufgrund der eingetretenen finanziellen Verhältnisse ist an Umbauarbeiten in nächster Zeit nicht zu denken.“ Kolbermoor war rasch gewachsen; Markterhebung war 1936 gewesen.
Im Jahr 1962 erfolgte schließlich eine gründliche Innen- und Außenrenovierung des Hauses. Besonders viel zu reparieren gab es auf dem Dachstuhl. „Der morsche Lattenbelag wurde ausgewechselt, doppelt verschalt, mit Dachpappe versehen und das ganze Dach, weil der vorhandene Schindelbelag nicht mehr verwendbar war, völlig neu eingedeckt. Dazu mussten ein brüchiger Kamin frisch aufgemauert sowie die rostzernagten Fensterbleche und Dachrinnen erneuert werden. Auch das wackelige Rathaustürmchen bekam eine neue Blechverkleidung.“ Das berichtete damals der Mangfall-Bote. Aber auch innen gab es viel zu tun: „Sämtliche Büroräume wurden neu gestrichen, ferner der Flur und die Treppenaufgänge. Auch der Rathausbalkon, über den wegen seines schlechten Zustands früher viel gelästert wurde, wurde gründlich ausgebessert, die Eisenbrüstung gestrichen und die Balkontüre aufpoliert.“
Die Außenfassade bekam nach Beseitigung der auf Witterungseinflüsse zurückzuführenden Verputzschäden einen Anstrich. Dazu gab es eine Wappengalerie. So lobte der Mangfall-Bote: „Dekorativ sehr reizvoll nehmen sich die am Dachansatz aneinandergereihten Wappenbilder aus. An der vorderen linken Giebelhälfte erkennt man in stilisierter Form die Firmeninsignien der Baumwollspinnerei, des Tonwerks, der Likörfabrik Stettner, des Conradtywerks und der Strumpffabrik Maier. In ununterbrochener Fortsetzung schließen sich, gürtelartig um das ganze Gebäude gezogen, die Zunftwahrzeichen zahlreicher Handwerkszweige an. Insgesamt sind es 44 Wappen, wobei sich einige Darstellungen wiederholen, so auch die des Kolbermoorer Gemeindewappens, das an der vorderen Giebelseite wie auch an den Mauerecken zu sehen ist. Die heraldischen Zeichen stammen von Malermeister Peter Zach, die Anregung dazu geht auf Bürgermeister Rasp zurück.“
Im Jahr 1963 wurde der Markt Kolbermoor zur Stadt erhoben. 1967, nachdem die Einwohnerzahl auf 9000 angewachsen war, entschied man sich, nach den Planentwürfen des Kolbermoorer Architekten Hans Steindl ein neues Rathaus zu bauen. Die Stadtverwaltung war dann noch bis zum Jahr 1969 im alten Rathaus in der Rosenheimer Straße 1, bis sie in das neue Haus in der Rosenheimer Straße 30 b umzog.
Das alte Rathaus diente sodann acht Jahre lang schulischen Zwecken. Im Februar 1977 gab es eine erneute Renovierung der Außenfassade und am 26. Oktober 1977, wenige Monate nach dem 50. Jubiläum der Stadtsingschule, beschloss der Stadtrat, das alte Rathaus der Hans-Lorenz-Singschule als Musikschulgebäude zu überlassen.
Zahlreiche Mitglieder der Stadtsingschule und des städtischen Bauhofes unter Herbert Prikril bauten in drei Monaten die sieben Unterrichtsräume um. Am 14. September 1978 konnten drei hauptamtliche und 21 nebenamtliche Lehrkräfte den Unterricht für 410 Musikschüler im fast fertig renovierten Haus aufnehmen.
Kassettendecke
für das ehemalige Bürgermeisterzimmer
In den nachfolgenden Jahren wurden der Ausbau und die Einrichtung des Hauses weiter vorangetrieben und vervollständigt. Die Schreinerei Georg Krug aus Kolbermoor baute für alle Zimmer Akustiktüren ein. Die Vertäfelung und Einrichtung des Lehrerzimmers wurde im Jahr 1981 fertiggestellt. Ein Arbeitskreis „Kerbschnitzen“ unter Leitung von Max Ranzinger schenkte 1984 der Stadtsingschule eine wertvolle Kassettendecke für das ehemalige Bürgermeisterzimmer. Im Mai 1986 lieferte der Münchener Künstler Manfred Hutterer das Kristalllüsterpaar im Sitzungssaal, dem heutigen Konzertsaal der Stadtsingschule.
Das Alte Rathaus ist nach wie vor Heimat der Musikschule Kolbermoor und damit Schauplatz ungezählter Übungsstunden und gern besuchter Konzerte und weiterer Veranstaltungen. Für Freiluftveranstaltungen kann der Platz vor dem Alten Rathaus genutzt werden.