Kolbermoor – Vor einer starken Zuschauerschaft im evangelischen Gemeindehaus stellte Dr. Bald zu Beginn seiner Ausführungen den starken Wandel der öffentlichen Meinung zum Umgang mit anderen Religionen in den Fokus: „Wir kennen heute eine Welt des Miteinanders und Verständnisses der Religionen.“
Bis vor wenigen Jahrzehnten hätten jedoch nicht nur bei Muslimen, sondern auch bei hohen katholischen und protestantischen Kirchenvertretern offen rassistische und fundamentalistische Tendenzen vorgeherrscht, wie sie heute noch in Teilen der USA und anderswo zu finden seien. Die Wurzeln der langjährigen Entzweiung der eigentlich – als sogenannte „abrahamitische Strömungen“ – eng verwandten Religionen sieht Dr. Bald vor allem im Konflikt zwischen den einstmals großen Metropolen Rom und Byzanz beziehungsweise den davon repräsentierten Reichen und Kirchenkreisen, die schließlich auch als Initialzündung für die Ausrufung der Kreuzzüge zu sehen sind.
In diesen nach Balds Worten „brutalsten aller Kriege“ liegt eine Assoziation begründet, die sich nach Einschätzung des Historikers wie ein roter Faden durch die Weltgeschichte zieht: die Gleichsetzung des „Westens“ mit dem Christentum. Die westlichen, also europäischen und später amerikanischen Staaten wurden von den arabischen Staaten stets als Eroberer, Unterdrücker und Machthaber gesehen und in dieser Funktion als „Christen“ pauschalisiert. Zementiert wurde dieses Verständnis durch die „Reconquista“ des maurischen Spaniens und das Zurückdrängen des Islam vom südeuropäischen Boden zu Beginn der Neuzeit.
Die endgültige Schwelle in die Moderne markierte für Dr. Bald jedoch das Erstarken des Nationalismus im postnapoleonischen Europa des 19. Jahrhunderts, in Zuge dessen auch der Kolonialismus in seiner imperialistischen Form entstand. Die zunehmende Vorherrschaft der Westmächte, wiederum mit dem Christentum an sich gleichgesetzt, die schlussendlich ihre Kolonialarmeen auch im Ersten Weltkrieg gegeneinander einsetzten, führte so auch im arabischen Raum zu einem steigenden Nationalbewusstsein, einer entstehenden „panarabischen Idee“.
Ein weiterer Beschleunigungsfaktor, Bald sprach vom „größten Schock seit den Kreuzzügen“, war der Abschluss der Verträge von Sèvres nach dem Ersten Weltkrieg, in denen die alliierten Mächte Frankreich und Großbritannien die gesamte arabische Welt von Marokko bis Pakistan gemäß ihrer geopolitischen Interessen aufteilten und dabei keine Rücksicht auf ethnische und linguistische Gegebenheiten genommen hätten. Bis heute fortbestehende und aktuelle Krisenherde wie etwa der Palästinakonflikt, die Kurdenfrage oder die Grenzfestlegung der Türkei lägen in diesen Abkommen begründet.
Weiterhin große
Herausforderungen
Dabei sind, wie Bald feststellte, die heutigen politischen Verhältnisse und Beziehungen wesentlich tiefgründiger als auf den ersten Blick ersichtlich: Scheinbar völlig gegensätzliche Staaten wie das radikal islamische Saudi-Arabien, die USA und Israel sind in vielen Punkten verbündet und verfolgten gemeinsame Interessen. Der moderne Kolonialismus der USA, der wieder die jahrhundertealten Feindbilder vom christlichen Westen bedient, sowie die Groß-Arabischen beziehungsweise Groß-Osmanischen Ambitionen Saudi-Arabiens und der Türkei sieht der Politologe als die großen Herausforderungen für die Zukunft der politischen, aber auch der interreligiösen Beziehungen der Welt. Auch der „arabische Frühling“ war für Bald nicht unbedingt positiv einzuordnen, da die zwar muslimisch geprägten, aber weitgehend säkular regierten Staaten nun zunehmend „konfessionalisiert“ sind und teilweise einer ungewissen Zukunft entgegensehen. „Sehr vieles ist nun offen und manches aus der Geschichte wird sich wiederholen“, ist sich Bald sicher.
Gerne nutzten die Anwesenden die Gelegenheit, den Referenten zu speziellen Aspekten wie dem problematischen Verhältnis zwischen Sunniten und Schiiten oder der Rolle von Bodenschätzen und landwirtschaftlichen Ressourcen zu befragen. Die Sprecherin des Afa-Ortsverbandes, Agathe Lehle, dankte Dr. Bald zum Abschluss für seine Schilderungen.