Kolbermoor – Eine Stadt und ihre Häuser: Zwei Schulhäuser für Buben und Mädchen

Mit dem Bierpfennig zum Baukapital

von Redaktion

Zwei Gebäude umfasst die heutige Mangfallschule an der Rainerschule. Sie gehen zurück auf die ehemalige Knabenschule (1871 erbaut) und die ehemalige Mädchenschule, die aus dem Jahr 1876 stammt. Die Knabenschule entstand dabei mitten im alten Flussbett der Mangfall von 1860 – damit schließt sich wieder der Kreis zur heutigen Namensgebung.

Kolbermoor – Die Mangfall war umgeleitet worden, um den Bau der Spinnerei zu ermöglichen – und auch das Kolbermoorer Schulwesen hatte seinen Ursprung in der Spinnerei. Bereits 1864 sah sich die Spinnerei laut der Chroniken von Albert Loher und von Otto Kalhammer verpflichtet, angesichts der von ihr gewünschten Zunahme der Bevölkerung zur Erziehung der heranwachsenden Jugend ihrer Arbeiterschaft eine Fabrikschule einzurichten. Diese Fabrikschule hatte einen von der Spinnerei angestellten Lehrer, 30 Schüler, eine Unterkunft in den „Sechs Häusern“ (die ersten sechs Arbeiter-Wohnhäuser, diejenigen, die heute nahe der Brücke der Freundschaft stehen, wie Stefan Reischl vom Heimatmuseum Kolbermoor weiß). Sie unterstand der Aufsicht der königlichen Lokalinspektion. Kinder ab zwölf Jahre durften beschäftigt werden – und sie mussten neben ihrer Arbeit wenigstens drei Stunden täglich unterrichtet werden.

Doch die Schülerzahl stieg binnen eines Jahres gleich auf 100 – die Spinnerei fand im Frühjahr 1866 weitere Schulräume im sogenannten Meisterhaus an der Hassler-straße (heute Feuerwehrhaus). 1869 musste man noch zusätzlich im Gippschen Haus (später Harslem-Haus, heute Rialto) ein Schullokal mit Lehrerwohnung einrichten – alles reichte aber nicht; die Spinnerei musste wegen des Raummangels sogar die Zahl der Schulpflichtigen reduzieren… Die Übernahme der Fabrikschule durch die junge Gemeinde Kolbermoor war nicht mehr länger hinauszuschieben.

Das hatte die Gemeinde allerdings schon geahnt – und in weiser Voraussicht in den Jahren von 1864 bis 1869 nach und nach aus den Überschüssen des Malzaufschlags, dem Bierpfennig, einen Grundstock zum Schulhausbau von 6000 Gulden gebildet. Glücklicherweise hatte 1868 die Spinnerei einen drei Tagwerke großen Grund für den Bau von Kirche, Pfarrhof und Schule verschenkt.

Im März 1871 wird mit den Bauarbeiten begonnen. Im Herbst ziehen die beiden Lehrer Albert Schalper und Johann Nepomuk Steindl bereits ins neue Schulhaus ein, in dem auch eine provisorische Wohnung für den Hilfsgeistlichen und das Amtszimmer der Gemeinde und der Sitzungssaal eingerichtet worden waren. Über 200 Schüler kommen.

Aber Kolbermoor wächst und wächst, und bereits Ende 1872 beginnen die Überlegungen für den Bau eines zweiten Schulhauses. 1873 beschließt der Gemeinderat, von der Witwe des Bierbrauers Franz Xaver Wild in Aibling Grund dafür anzukaufen. 1874 wurde der Bau als Mädchenschule beschlossen. Fast hätte man – angesichts der Gemeindefinanzen – noch kalte Füße bekommen. Man bittet die Regierung, den Bau um ein Jahr verschieben zu dürfen, aber dem wird nicht stattgegeben. So ist der Neubau schließlich im September unter Dach und Fach; 1877 ist alles fertig. Gebaut hat der Maurermeister Simon Lutz aus Rosenheim, der 1868 auch die Kirche und 1876 den Pfarrhof gebaut hatte.

In den Schulhäusern wird nicht nur unterrichtet: Einige Räume werden von der Gemeindeverwaltung genutzt, etwa für den Standesbeamten, andere bieten Wohnraum für Lehrer und Hilfslehrer. Diese werden ausquartiert, nachdem die Schülerzahl immer weiter ansteigt. Dann wiederum werden auch Klassen ausgelagert, und schließlich entscheidet man sich für einen Anbau an das Knabenschulhaus. Im Oktober 1904 findet die feierliche Einweihung des Anbaus statt. „1907 ist der Schulraum schon wieder knapp“ heißt es lapidar in der Chronik von Otto Kalhammer…

Erst werden wieder Lehrerwohnungen in Schulräume umgewandelt, aber 1913, als das achte Schuljahr eingeführt wird, ist die Raumnot wieder brennend geworden. Man beschließt die sofortige Inangriffnahme eines Anbaus an das Mädchenschulhaus. Die Gemeindekanzlei samt Standesamt muss zudem aus dem Knabenschulhaus ausziehen. Sie siedelt ins Gasthaus Friedl über (die frühere Bahnhofsrestauration; heute befindet sich dort der Schröcker-Parkplatz, so Stefan Reischl), um dort die Fertigstellung des Rathauses, dessen Bau mit dem Anbau an das Mädchenschulhaus gleichzeitig in Angriff genommen worden war, abzuwarten.

1914 bricht der Erste Weltkrieg aus. Er wirkt sich auch auf die Schulraumsituation in Kolbermoor aus. Ein Schulsaal muss an die Spinnerei abgegeben werden, da aus deren Kindergartensaal ein Kriegslazarett wird. Ein weiterer Raum wird zur Volksküche.

Nach dem Krieg sortiert man sich wieder. Der frühere Sitzungssaal des Gemeinderates wird Konferenzzimmer für die Lehrer; das Mädchenschulhaus bekommt eine Schulküche mit zwei Herden. Aber „gut“ sind die Zeiten bestimmt nicht: 1923 hat die Gemeinde kein Geld mehr zum Ankauf von Brennmaterial – die Schule muss Ende Februar drei Wochen geschlossen bleiben. 1930 kann die Gemeinde nicht einmal mehr 15 benötigte Schulbänke kaufen. Sie übernimmt alte, ausgemusterte Bänke von der Stadt Rosenheim. Die Schulen sind überfüllt. 1932 betrug die Klassenstärke der vierten Knabenklasse 73 Schüler.

Das „Dritte Reich“ bringt den Jugendlichen samstägliche Appelle zur weltanschaulichen und vormilitärischen Schulung – und Einsätze bei der Hopfen- und Kartoffelernte. Ab 1943/44 war, wie der spätere Rektor Georg Dobler festgehalten hat, kein geregelter Unterricht mehr möglich. Das Mädchenschulhaus war wiederholt von der Wehrmacht belegt; beide Schulen mussten mit einem Teil der Knabenschule auskommen, denn auch dieses Haus war noch anderweitig belegt: mit evakuierten Klassen aus München und den Jungflakhelfern aus Rosenheim. Dazu kamen noch Unterrichtsausfälle durch häufige Fliegeralarme. Nach dem Krieg solle eine neue, große Schule gebaut werden, beschließt der Gemeinderat.

Da sind die Schulen aber erst einmal mit Heimatvertriebenen belegt, und alle haen ohnehin andere Sorgen. Am 18. Juni 1945 wird der Unterricht in zwei Räumen wieder aufgenommen. Nur langsam geht es aufwärts. 1946 sind beide Schulhäuser wieder benutzbar. Im gleichen Jahr beginnt aus amerikanischen Mitteln die Kinderspeisung. 200 Kinder, die vom Arzt ausgesucht wurden, dürfen daran teilnehmen. Ab Oktober 1947 bekommen alle Schüler die Speisung, zuerst in der Bahnhofsgaststätte, später im Gasthaus Stadlerbräu. An der täglichen Schulspeisung nehmen 740 Kinder und 60 Lehrlinge teil.

Im September 1951 werden beide Schulhäuser erstmals renoviert. 1955 wird Hans Lorenz Rektor der Knabenschule, 1956 Pauline Thoma Rektorin der Mädchenschule – Namen, die bis heute im Bewusstsein der Kolbermoorer geblieben sind.

Der lang gehegte Traum von einer dritten Schule erfüllt sich dann erst 1958 mit dem Bau eines neuen „Mädchenschulhauses“ samt Turnhalle an der Flurstraße, die im August 1959 eingeweiht wurde. Doch die Zahl der Kolbermoorer Schüler wuchs stets schneller als die Zahl der Schulräume: 1974 begann man mit den Planungen für eine weitere Schule mit Doppelturnhalle an der Breitensteinstraße, die schließlich im Juli 1978 eingeweiht wurde.

Inzwischen ist das „Mädchenschulhaus“ an der Flurstraße schon wieder Geschichte: Es wurde abgerissen; die Firma Stangelmayer befindet sich heute dort. Dafür hat die Stadt die Pauline-Thoma-Schule gebaut.

Heute 953 Schüler in Kolbermoor

Mit 30 Schülern nahm die Fa-brikschule Kolbermoor ihren Betrieb auf. Die Schülerzahl nahm rapide zu, was immer wieder Auslagerungen der Klassen, An- und Neubauten erforderlich machte.

Heute gibt es in Kolbermoor in der Mangfallschule 246 Schüler in zwölf Klassen, in der Adolf-Rasp-Schule 320 Schüler in 16 Klassen und in der Pauline-Thoma-Schule 387 Schüler in 22 Klassen. Das summiert sich auf 953 Schüler in genau 50 Klassen.

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