Herr Höller, Kolbermoor nimmt in den Revolutionstagen in Bayern eine Sonderrolle ein. Wie war die Situation vor Ort in den Maitagen der Revolution ?
Kolbermoor wurde wie München von Reichswehrtruppen, Freikorps und rechten Bürgerwehren belagert. Viele Arbeiter hatten sich bewaffnet, die Stadt war verschanzt und die Verteidigung gut organisiert. Offenbar warteten die Angreifer ab, wie sich die Situation in München entwickeln würde. Dort wurde bis in den 3. Mai hinein gekämpft. In Kolbermoor entschied sich der Anführer des Volksrats (ab 27. April: Revolutionärer Arbeiterrat), Georg Schuhmann, an diesem 3. Mai 1919 für eine kampflose Übergabe, um sinnloses Blutvergießen zu vermeiden.
Georg Schuhmann zählt zu den zentralen Figuren. Ein Kurzporträt.
Am ersten Kolbermoorer Volksrat, am 11. November 1918 gebildet und stark bürgerlich geprägt (Erster Vorsitzender Franz Sperber, ein Gastwirt, Zweiter Vorsitzender Bürgermeister Edmund Bergmann) war Schuhmann, als Soldat gerade erst aus dem Krieg heimgekehrt und dann nach Kolbermoor gezogen, noch nicht beteiligt. Neuwahl des Volksrats am 8. Januar 1919 mit Schuhmann, Installateur von Beruf, als einer von sechs Arbeitern im Gremium. Gründe für die Neuwahl: wenig konsequentes Vorgehen des Volksrats gegen Wohnungsnot, Lebensmittelhortungen, Preiswucher, Verletzungen des Achtstundentags und ungerechte Entlohnung. Schuhmann hing zunächst Eisners USP, später der neugegründeten KPD an. Seine Rolle im Volksrat wurde immer wichtiger und das Gremium selbst zunehmend radikaler. Nach Eisners Ermordung am 21. Februar 1919 übernahm der Volksrat die Macht in Kolbermoor und Georg Schuhmann ersetzte Bergmann de facto als Bürgermeister. All dies ist nachzulesen in Andreas Salomons hervorragender Dokumentation über die Revolution in Kolbermoor, die am Beispiel einer Kleinstadt die Auswirkungen auf die Provinz zeigt.
In Ihrem neuen Buch „Das Wintermärchen“ wird auch deutlich, dass ein Großteil der Bürgerschaft wenig von der Revolution Notiz nahm. Genüsslich habe man etwa in München Schweinshaxn gegessen, ist zu lesen. Wie verhielt sich die Bürgerschaft in Kolbermoor?
Kolbermoor ist insofern untypisch für Bayern, da es sich zwar um eine Kleinstadt, aber auch eine Industriestadt handelt. Sie hat ja heute noch einen SPD-Bürgermeister und außer in München wird es da in Bayern nicht sooo viele geben. Damals erkannten die auch schon vor dem Krieg gut organisierten Arbeiter ihre Chance, aktiv an der Gestaltung der Politik mitzuarbeiten, und nahmen sie auch wahr.
Arbeiterrat Georg Schuhmann und sein Sekretär Alois Lahn wurden an der Tonwerksunterführung in Kolbermoor brutal ermordet. Ein notwendiges Opfer?
Die bayerischen Kommunisten, zu denen ja auch Schuhmann gehörte, handelten, angeführt von Eugen Leviné, mit der Übernahme der Räterepublik gegen die Parteidirektive aus Berlin. Sie wollten ein Beispiel geben, dass der Kommunismus nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis möglich war und eine gerechtere Gesellschaft hervorbringen würde als der Kapitalismus. Dafür bezahlten Schuhmann und später auch der wegen Hochverrats hingerichtete Leviné mit dem Leben. Schuhmann hätte fliehen und sich nach Österreich absetzen können, zog es aber vor, sich aufrechten Haupts den Konsequenzen zu stellen, obwohl er vermutlich ahnte, dass es so brutal enden würde.
Ihrem Vortrag im geschichtsträchtigen Mareissaal, in dem damals die Sitzungen des Arbeiterrats stattfanden, merkte man an, wie Sie diese Zeit bewegt. Welche Persönlichkeit der Räterepublik beeindruckt Sie besonders?
Ernst Toller, dem der ihn im Hochverratsprozess verteidigende Professor Max Weber, bescheinigt, Gott in seinem Zorn habe ihn zum Politiker gemacht, war ein Idealist und an allen Phasen der Revolution beteiligt. Bei den ersten, für die Rote Armee noch erfolgreichen Gefechten rettete er gefangenen Weißgardisten nachweislich das Leben. Unter seinem Vorsitz leitete der Revolutionäre Zentralrat eine Fülle sozialer Reformen ein, die in der Kürze der Zeit nicht mehr zum Tragen kamen. Seine spannende Autobiografie „Eine Jugend in Deutschland“ ist auch heute noch merkwürdig aktuell. Ein Zitat daraus: „Die Frage der Kriegsschuld verblasst vor der Schuld des Kapitalismus.“
Ralf Höllers Buch „Das Wintermärchen, Schriftsteller erzählen die bayerische Revolution und die Münchner Räterepublik 1918/1919“ ist im Buchhandel erhältlich.
Interview: Eva-Maria Gruber