Kolbermoor – Eine STadt und ihre Häuser:

Staubige Kehlen, billiges Bier

von Redaktion

Im Dezember 2007 hat die Stadt Kolbermoor den Bahnhof erworben, derzeit befindet er sich in der Umbauphase (wir berichteten). Ein Blick auf die Geschichte der „Lodronschen Marketenderei“, wie die Bahnhofrestauration damals hieß.

Kolbermoor – In der Chronik von Kolbermoor nehmen die Marketendereien, Ausschanke oder Kneipen und die Gasthäuser eine Sonderstellung ein. Dass zeitweise bis zu 22 Wirte ihr Auskommen durch die Arbeiterschaft und Bürgerschaft finden konnten, hat verschiedene Ursachen: Das Bier war gut und billig. Der Wollstaub der Spinnerei, der Ziegelstaub des Tonwerks und der Torfstaub machten durstig. Heiße Sommer vermehrten den Durst noch.

Das meiste Geld verdienten die Wirte jedoch durch die große Anzahl von Vereinen: An die 99 Vereine wurden nach und nach gegründet, alle Augenblicke waren Sitzungen, Versammlungen, Fahnenweihen, Gartenfeste oder Bälle. Sport als Freizeitbeschäftigung bekam – abgesehen vom Turnverein – erst nach dem Ersten Weltkrieg seine Bedeutung.

Der erste Gemeinderat von Kolbermoor war jedoch kein Freund der Gasthäuser gewesen. Gasthauskonzessionen befürwortete er nur, wenn das Bedürfnis für eine neue Wirtschaft vorlag.

Von 1870 ab, als der Gemeinderat Geld brauchte, um notwendige Baute wie das Knabenschulhaus ausführen zu können, war man großzügiger, denn der „Bierpfennig“ oder „Lokalmalzaufschlag“, wie er amtlich hieß, war eine sichere Einnahmequelle.

Das allererste Bier, das es in Kolbermoor zu kaufen gab, wurde schon ausgeschenkt, als es noch gar kein Kolbermoor gab. Als das Torfwerk Merkel und Co. gebaut wurde, errichtete an der Stelle des heutigen Bahnhofs Graf Lodron eine Kantine. Als Kolbermoor Halteselle geworden war, nicht weil es den Ort schon gab, was gar nicht der Fall war, sondern nur Kolbermoor hieß, weil die Haltestelle gegenüber dem großen „Kolbermoor“ errichtet worden war, wurde diese Graf Lodron‘sche Marketenderei oder Kantine schon so frequentiert, dass Graf Lodron sie vergrößern lassen musste. Da Lodron auch eine Feldziegelei baute und Torf stechen ließ, bekam die Kantine genug Stammkundschaft.

Als 1841 angefangen wurde, die Spinnerei zu bauen, die Mangfall zu regulieren und Brücken und Straßen anzulegen – nicht zu vergessen die Rodungen für Siedlungsgelände – da genügte für die 400 herangeholten Arbeiter die Lodronsche Kantine nicht mehr.

Franz Xaver Wild, der die Entwicklung Kolbermoors zum großen Industrieort voraussah, brachte auch die Lodronsche Marketenderei durch Kauf an sich und baute sie aus. Da von 1862 bis 1863 der Bahnhof gebaut worden war und eine eigene Bahn- und Postexpedition bekam, der Bahnhof aber noch keine Wartesäle hatte, wurde noch 1863 die Wirtschaft am Bahnhof „Bahnhofrestauration“.

Die Wirtschaftsgründungen im Jahr 1875 brachten allerhand ulkige Namen hervor, um Gäste anzulocken: Da gab es beispielsweise die Wirtschaft „Zum scharfen Eck“, „Zum letzten Pfennig“, „Zum grünen Berg“ und so weiter. 1878 ist mit Blick auf deren Anzahl das Rekordjahr für Kolbermoorer Wirtschaften: 2404 Einwohnern stehen 22 Wirtschaften offen.

Im Dezember 2007 ging der Kolbermoorer Bahnhof in den Besitz der Stadt über. Ziel der Stadträte: Den ehemaligen Bahnhof wieder optisch aufwerten.

Im Rahmen des städtebaulichen Realisierungswettbewerbs wird dem geschichtsträchtigen Gebäude jetzt sogar ein Sonderstatus eingeräumt: Es soll künftig – wie berichtet – als zentraler Verkehrsknotenpunkt gestärkt werden.

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