Kolbermoor – Kreisbrandrat Richard Schrank war damals Kommandant der Feuerwehr Kolbermoor und Einsatzleiter. Seine Erfahrungen in dieser Extremsituation hat er in einem Expose zusammengefasst, das er auch für die Ausbildung des Feuerwehrnachwuchses auf den Stundenplan setzt.
Dauerregen hat die Wasserstände in Flüssen und Bächen bereits ansteigen lassen; die Böden können kaum noch Wasser aufnehmen. Beobachtet wird die Lage schon am Freitag, 31. Mai 2013. Gegen 10 Uhr kommt die erste Warnung vom Landratsamt, dass Meldestufe 3 erreicht werden könnte. Gegen 15 Uhr geht man bereits davon aus, dass am Wochenende die Meldestufe 4 erreicht werden könnte. Am Abend wird mit der Deichwehr begonnen.
Am Samstag, 1. Juni, liegt der Pegelstand der Mangfall, bei Feldolling gemessen, knapp bei drei Metern (momentan beträgt er knapp 50 Zentimeter). Dazu kommt die Unwetterwarnung vor Starkregen für Kolbermoor: Stufe violett, gültig von Samstag, 1. Juni, 17 Uhr, bis Montag, 3. Juni, 8 Uhr.
Am Sonntag, 2. Juni, 4.45 Uhr, kommt der „große Führungsstab“ zusammen. Weitere Kräfte und Material werden nachgefordert. Man bereitet die Bevölkerungswarnung vor, richtet eine Bürgerinfo ein. Die Deichwehrmaßnahmen werden verstärkt, es gibt erste Sperrungen, die Evakuierung von Tiergaragen wird vorbereitet. Die Abstimmung mit dem Wasserwirtschaftsamt läuft; im Feuerwehrhaus wird die technische Einsatzleitung eingerichtet. Gut eine Stunde später, um 6 Uhr, folgt bereits die zweite Lagebesprechung. Umfassende Maßnahmen zu Deichwehr und -verteidigung werden eingeleitet, die Bevölkerungswarnung in den gefährdeten Bereichen läuft an, ein Bürger-Infozentrum wird eingerichtet. Bereits mehr als 100 Kräfte der Feuerwehr sind im Einsatz.
Der Pegel steigt weiter.
Weitere Kräfte werden angefordert.
Am Sonntag um 10.34 Uhr wird der Katastrophenfall ausgerufen. Meldestufe 4 ist überschritten. Über 300 Kräfte sind im Einsatz. Das Einsatzgebiet Kolbermoor ist in elf Abschnitte eingeteilt. Der Rosenheimer Ortsteil Schwaig wird der Örtlichen Einsatzleitung Kolbermoor zugeteilt. Um 14.10 Uhr fällt die Entscheidung, dass der Abschnitt Schwaig aufgegeben werden muss.
Es kommt aber noch schlimmer.
Am Sonntag um 19.40 Uhr erreicht die Mangfall den Pegelstand von 3,30 Metern in Feldolling. 19.44 Uhr: Der Schwarze Weg (Mangfall-Nordufer zwischen den beiden Brücken) muss aufgegeben werden. 20.15 Uhr: Das Wasser übersteigt die Deicherhöhung in der Unteren Mangfallstraße. In der Folge bricht der Hochwasserdeich. Die Straßen südlich davon werden überflutet. 21.03 Uhr: Der Schwarze Weg wird überspült, das Wasser läuft in die Von-Bippen-Straße bis zum errichteten Hilfsdeich. 22.43 Uhr: Die Deicherhöhung Schwarzer Weg bricht. Montag, 3. Juni, 0.05 Uhr: Wassereinbruch von der Von-Bippen-Straße in den Werkskanal. Hält dieser Deich nicht, würde das Wasser den Aicherpark fluten.
Dann kommt die Wende: Um 3.20 Uhr steht der Pegel in Feldolling auf 2,96 Metern. Die Einsatzabschnitte melden stagnierenden Wasserstand. Für die Helfer – aktuell sind 650 im Einsatz – beginnt die Zeit des Wartens: Halten die restlichen Deiche? Sorgen macht man sich vor allem um den Deich am Schwarzen Weg. Weitere Kräfte aus ganz Bayern sind im Anmarsch. Die Lage bleibt stabil. 7.15 Uhr: nächste Lagebesprechung mit anschließender Sichtung des Schadensgebietes. 9 Uhr: Der Pegel in Feldolling liegt wieder unter der Meldestufe 4. Der Regen hört auf.
Jetzt beginnt das große Aufräumen. Hunderte Keller müssen ausgepumpt werden, die gröbsten Schäden werden notdürftig repariert. Viele Häuser sind ohne Strom. Tausende Sandsäcke werden wieder entfernt, die Straßen wieder freigeräumt.
In der Höchstphase waren rund 1350 Einsatzkräfte in den elf Abschnitten tätig. Die Helfer kamen aus 67 Einrichtungen; davon 32 Feuerwehren bis hin aus Österreich. Teams des Technischen Hilfswerks kümmerten sich auch um die Ölseparierung. Polizei, Bundespolizei und Bundeswehr sicherten den Verkehr, das Rote Kreuz betreute die Notunterkunft in der Pauline-Thoma-Schule für diejenigen Hochwasseropfer, die nicht bei Angehörigen oder Freunden Unterschlupf finden konnten. Selbst die Bergwacht und die DLRG Coburg halfen mit – bei der Sicherung der Rückbauarbeiten entlang der Deiche. Die Mitarbeiter des Bauhofs und auch zahlreiche Helfer aus der Bevölkerung packten mit an beim Auffüllen der Sandsäcke. Bürger hatten die Helfer auch immer wieder mit Kuchen oder Pizza gestärkt.
Am Dienstag, 4. Juni, 2.50 Uhr, ziehen sich die Führungskräfte der Feuerwehr Kolbermoor erstmals zurück. Einige waren seit 40 Stunden im Dienst. Bereits um 8 Uhr wird man sich wieder treffen.
Am Mittwoch, 5. Juni, 19 Uhr, wird der Katastrophenalarm wieder aufgehoben. Viele Kleineinsätze sind noch abzuwickeln; auch die Nachbearbeitung des Einsatzes muss begonnen werden.
Das große Aufräumen – auch in der Feuerwehr – geht weiter (Bericht folgt).