Kolbermoor – Das Publikum war hochinteressiert, der Saal vollbesetzt: Dr. Gabriele Krone-Schmalz war einer Einladung der Volkshochschule Kolbermoor in Kooperation mit der Stadtbücherei gefolgt. Sie führte durch prägnante Passagen ihres aktuellen Buches „Eiszeit“ und ließ dann noch Raum für eine freie Diskussion.
Während der Veranstaltung konnte das Publikum sich mit den Argumenten und Thesen der Journalistin, Buchautorin und ehemaligen Russland-Korrespondentin vertraut machen. Der Rahmen war aber auch dazu angetan, sie aus der Nähe und in der persönlichen Begegnung zu erleben. Schon beim Signieren der Bücher vor der Veranstaltung präsentierte sie sich entgegenkommend, offen und natürlich. Ihre wache Präsenz, geschmeidige Eloquenz, die Kraft der Argumente in einer zierlichen Erscheinung sowie das differenzierte Niveau der Antworten auf die Fragen beeindruckten die vielen Zuschauer.
Das Wort von Aldous Huxley „Wer so tut, als bringe er die Menschen zum Nachdenken, den lieben sie. Wer sie wirklich zum Nachdenken bringt, den hassen sie“ stellt sie ihrem Buch mit dem Untertitel „Wie Russland dämonisiert wird und warum das so gefährlich ist“ voran. Doch genau das wagt sie mit ihren Publikationen und Auftritten.
Haltung und Zielrichtung ihrer Argumentation legt sie zu Anfang der Veranstaltung und im Vorwort ihres Buches offen. Ihr Weg zu Völkerverständigung und zum Erhalt des Friedens führt darüber, zu „Deeskalieren, vermitteln, sich in die Lage anderer versetzen, um deren Handeln besser zu begreifen und die Folgen des eigenen Handelns besser einschätzen zu können“. Denn dies „hat nichts mit Schwäche zu tun, sondern mit politischer Weitsicht, mit menschlicher Größe und mit genau den christlichen Werten, die so viele im Munde führen.“ Kritisch sieht sie das Diskussionsklima, „wenn das Denken in Zusammenhängen als Verschwörungstheorie denunziert wird“. Denn, so ihre Aussage, „für eine Demokratie, die eine lebendige Debatte ihrer Bürger braucht, ist es fatal, wenn jemand, der auch die russische Perspektive zu beleuchten versucht, in den Verdacht gerät „im Auftrag“ zu handeln oder bestenfalls ein nützlicher Idiot einer Propagandamaschine zu sein, die er nicht durchschaut“.
Sie warnte vor einfachen Kategorisierungen: „Die Aufteilung in Gut (wir) und Böse (unser Gegner) schafft eine trügerische Eindeutigkeit, wenn man sie über außenpolitische Konflikte stülpt. Das gängige Verfahren ist eine personelle Zuspitzung, die den Bösewicht auf der Gegenseite im wahrsten Sinn des Wortes greifbar macht. Dessen Qualität als ‚Böser‘ erklärt dann zumeist auch schon den Konflikt an sich. Es ist nicht zuletzt auch deshalb bequem, weil sich die Akteure auf der ‚guten‘ Seite keine Mühe geben müssen, ihr Verhalten zu erklären oder zu rechtfertigen.“
Auch wenn Dr. Krone-Schmalz eine entschiedene Haltung in Themengebieten der aktuellen Weltpolitik vertritt, beschreibt sie als ihr Grundanliegen, jeden zum Selber-Denken anregen zu wollen.
Die anschließende Diskussion schnitt viele der aktuellen weltweiten Krisenherde an. Die Frage nach der Stellung und Behandlung der Opposition in Russland beispielsweise sei nicht holzschnittartig zu bewerten. Der im Westen hochgehobene Oppositionspolitiker Nawalny sei insgesamt eine schillernde Figur mit vielen Facetten und müsse auch differenziert betrachtet werden. In Bezug auf Syrien beurteilte Dr. Krone-Schmalz es als Fehler, ausgehend von der Prämisse zu handeln, dass ein Friedensplan nur ohne Assad entwickelt werden könne. Sinnvoller für den Frieden sei es wohl, ihn miteinzubeziehen. Als auffällig hob sie – gerade in Bezug auf Syrien – die unterschiedliche Berichterstattung hervor: Russland hätte Tote zu verantworten, während die durch Einsätze der USA Umgekommenen als „Kollateralschaden“ gelten. Sie würde es zudem begrüßen, wenn regelmäßig zum Beispiel in den Medien auch über das Leben des russischen Alltags berichtet würde und so ein vielfältigeres Bild als der Zwiespalt zwischen Oligarchen und Armut seinen Weg in das westliche Bewusstsein finden würde.
Mit „Audiatur et altera pars“ („Man höre auch die andere Seite“, also einem der Grundsätze des römischen Rechts), kam beipflichtend die Mahnung eines betagten Zuschauers. Damit und mit ihrem Impuls, die Freiheit, selbst zu denken, für sich in Anspruch zu nehmen, ging ein überaus anregender Abend zu Ende.