Kolbermoor – Eine Stadt und ihre Häuser: Das Gemischtwarengeschäft Fritz Harslem

Heute Treffpunkt – dank Eis

von Redaktion

Maurermeister Gipp hatte 1863 in der Rosenheimer Straße 2 ein ansehnliches Eckhaus gebaut; es gehört zum Ensemble der Häuser rund um den Platz zwischen Kirche, altem Rathaus und Schulhäusern. Jahrzehntelang wurde es als Kaufhaus betrieben – heute beheimatet es das „Rialto“.

Kolbermoor – 1866 hatte der Aiblinger Kaufmann Pentenrieder in dem Haus ein Gemischtwarengeschäft eingerichtet. Von 1869 bis 1871 wurde angesichts der Schulraumnot in Kolbermoor hier auch ein „Schullokal mit Lehrerwohnung“ einquartiert.

1872 übernahm Kaufmann Moritz Harslem das Geschäft, der, wie es Johann Wipper in seiner Chronik berichtet, die bisherige Geschäftsführerin Reiter heiratete. 1881 starb Harslem; „ein Fremder namens Sturm führte das Geschäft weiter, aber – abwärts“; wie Wipper notierte. Schließlich übernahm die Witwe Harslem wieder das Geschäft. 1887 heiratete sie den Kaufmann Fritz Lux aus Kaufbeuern. 1911 starb auch er. Gemeinschaftlich mit ihrem Sohn Fritz Harslem führte sie das Geschäft fort. Dieser war als Handlungsreisender mit Pferdekutschen in ganz Bayern unterwegs und lernte dabei auch seine erste Frau, Theresa von Dornach, kennen, eine Straubinger Brauerstochter. Ihr Sohn Fritz sollte dann allerdings etwas aus der Art schlagen: Er wurde Kfz-Meister…

Das Textil- und Kolonialwarengeschäft entwickelt sich durch die Tüchtigkeit und den Fleiß der Geschäftsinhaber bestens. Fritz Harslem macht durch pfiffige Werbung auf sein Geschäft aufmerksam: Wenn Stefan Reischl, Leiter des Fördervereins Heimatmuseum, alte Zeitungsbände durchblättert, stellt er immer wieder fest: „Harslem war das, was wir heute einen Werbeprofi nennen würden.“ Da gibt es etwa eine Anzeige, die mit einem großen „Nackt“ überschrieben ist. Darunter (und viel kleiner) geht es weiter: … kommt der Mensch zur Welt. Das ist nicht gut bei dieser Kält. Ich empfehle deshalb: Erstlings-Häubchen, -Strümpfe, -Jopperl, -Röckerl, -Hoserl, -Lätze, (warme) Schuhe. Fritz Harslem“. Oder er präsentiert „Dauerwäsche“: „Die Herrenwäsche der Zukunft. Wird nie gelb, blättert nicht ab. Größte Ersparnis.“

Nächste Eigentümerin ist Emilie Harslem, die zweite Frau von Fritz Harslem, nachdem Theresa von Dornach gestorben war. Emilie stirbt überraschend; dann wird der Komplex aufgeteilt: Liselotte Abenthum, die Halbschwester des Kfz-Meisters Fritz Harslem, übernimmt das Lebensmittelgeschäft, Fritz Harslem baut sich 1948 mit seiner Ehefrau Resi eine Kfz-Werkstatt mit zwei Zapfsäulen, Fahrrad- und Moped-Handel, auf. Er ist Vorsitzender der „Wilden Knaben“, einer „Motorradgang“, Anfang der 1920er- Jahre in Kolbermoor.

Liselotte Abenthum lässt das Kaufhaus 1950 gründlich renovieren. Sie teilt das Geschäft in eine Textil- und eine Lebensmittelabteilung auf. Die Textilabteilung übernahm das Ehepaar Georg und Elly Wunderlich.

Stolz war man, dass die Umbauarbeiten vor allem Kolbermoorer Firmen ausführten. Der Umbau des Hauses hatte sich recht schwierig gestaltet, da es – wie viele Kolbermoorer Häuser – unter der letzten Hochwasser-Katastrophe schwer gelitten hatte. So besorgte die Bauarbeiten das Baugeschäft Franz Sperber und Sohn aus Kolbermoor, Zimmermeister Hans Oberhofer fertigte den Dachstuhl, die Firma Georg Hötzendorfer erledigte die Spenglerarbeiten, die Schreinereiarbeiten die Firmen Xaver Hageneder, Josef Krug und Georg Kreuzpaintner. Georg Hötzendorfer und Heinrich Mühleisen übernahmen Installation von Wasser und sanitären Anlagen, Josef Hartinger die „Licht- und Kraftanlagen“, Max Haas die Bauschlosserei, Peter Zach und Willi Zahlheimer die Malerarbeiten. Oskar Weinberger kümmerte sich um Glaserarbeiten und Fliesen. Die Baumaterialien lieferten das Tonwerk Kolbermoor und das Lagerhaus Josef Niedermaier.

Anfang der 1960er-Jahre verpachtete Liselotte Aben-thum das Lebensmittelgeschäft. Seit 1968 betreibt Agostino Pagotto sein Eiscafé Rialto in dem ehemaligen Harslem-Haus; Eigentümer ist er seit 1980. Dank seiner selbst gemachten Eisspezialitäten konnte er sich über die Jahrzehnte bestens in Kolbermoor etablieren.

Fritz und Resi Harslem verkauften ihren Anteil an dem Areal (an Teppich Hackenberg) und bauten sich an der Rosenheimer Straße ein Mehrfamilienhaus samt Tankstelle.

Vorher war hier der Gemüsegarten des alten Krankenhauses gewesen – die Stadt verkaufte die Fläche, weil sie Geld brauchte für den Bau des damaligen „neuen“ Rathauses, wie sich Michaela Harslem erinnert, die Enkelin von Fritz Harslem. Sie war (ihre Mutter Edith arbeitete in der Reithofpark-Klinik) bei den Großeltern in der Kfz-Werkstätte aufgewachsen. Eigentlich hatte Michaela Harslem eine Physiotherapie-Ausbildung absolviert – aber als der Großvater 1992 starb und die Tankstelle unter einem Pächter marodierte, disponierte sie um: Sie übernahm 1993 kurzerhand die Aral-Tankstelle und führte sie erfolgreich bis zum Jahr 2015.

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