Rund 25 Prozent des Kolbermoorer Strombedarfs stammen aus der heimischen Wasserkraft

Turbinen und Generatoren sei Dank

von Redaktion

Der Strom kommt aus der Steckdose. Aber vorher war er, zumindest bei einem großen Teil der Häuser in Kolbermoor, im E-Werk an der Alten Spinnerei, wo er dank Wasserkraft aus dem Mangfallkanal entstanden ist. 1867 baute die Spinnerei das Werk, ursprünglich für den eigenen Strombedarf. Betriebsleiter Karl Schwingenschlögel ließ sich jetzt für einen Abend, den die Volkshochschule angeboten hat, hinter die Kulissen schauen.

Kolbermoor – Das Interesse an dem historischen weißen Gebäude und seinen Maschinen, die Strom auf ebenso „altmodische“ wie inzwischen trendig-ökologische Weise herstellen, war groß. Da war der Technikfreak, den die Ästhetik leistungsstarker Maschinen fasziniert, oder der pensionierte Elek-troingenieur aus Norddeutschland, der sich gerne einmal eine bayerische Anlage ansah. Die Neugier auf die Technik und die Funktionsweise der Anlage, die üblicherweise nicht zugänglich ist, war den Teilnehmern ins Gesicht geschrieben. Viele erinnerten sich auch noch an den Sommer vor einigen Jahren, als alle drei Turbineneinläufe unterspült worden waren, der Kanal trocken gelegt werden und die ganze Sache mit viel Beton und Eisen wieder stabilisiert werden musste. Der nicht mehr vorhandene Wassernachschub aus Kolbermoor sorgte damals auch dafür, dass das anschließende Rosenheimer Kanalnetz und auch Hammer- und Stadtbach, die davon gespeist werden, trocken fielen…

Karl Schwingenschlögel und seine Mitarbeiter Markus Manhart und Samuel Roth hatten für die Teilnehmer der Führung viele Informationen bereit. Die meisten mussten dann aber im Freien gegeben werden – im Inneren des Gebäudes herrscht doch ein hoher Lärmpegel. Kein Wunder: Es arbeiten drei Turbinen (zwei Francis- und eine Kaplan-Turbine). Sie können maximal 1250 Kilowatt produzieren. Das Wasser aus dem Mangfallkanal stürzt dazu über ein Gefälle von sechseinhalb Metern. Diese kinetische „Bewegungsenergie“ des Wassers wird in mechanische Energie umgewandelt, die dann die Generatoren zur Stromerzeugung antreibt.

Maximal 28 Kubikmeter Wasser pro Sekunde können das E-Werk durchlaufen. Es wird abgeleitet mit einem Walzenwehr in Pullach. Allerdings muss sicher gestellt sein, dass in der Mangfall ausreichend Restwasser bleibt: Zwei Kubikmeter pro Sekunde sind hier festgelegt. So arbeitet das E-Werk abhängig vom Wasser, das zur Verfügung steht: Momentan sind das, so Karl Schwingenschlögel, nur rund fünf bis sechs Kubikmeter pro Sekunde.

Der „fertige“ Strom wird dann via Transformatoren, die Herzstücke der Anlage, über eine 20-Kilovolt-Mittelspannungsleitung ins Stromnetz des Bayernwerks eingespeist und wandert in die Steckdosen der Umgebung. Rund 25 Prozent des Kolbermoorer Strombedarfs werden so gedeckt, hat Martin Korndoerfer, der Klimaschutzbeauftragte der Stadt, ausgerechnet.

Eigentlich läuft die Anlage automatisch. In einem Notfall alarmiert sie sogar Karl Schwingenschlögel und seine Mitarbeiter per Handy. Das passiert etwa bei Netzunterbrechungen, die meist in der Nacht erfolgen, wenn das Netz weniger stabil ist, oder bei einem Gewitter. Oder die Bayernwerke regeln die Einspeisung zurück, wenn zuviel Strom im Angebot ist. Es kann auch vorkommen, dass zuviel Gras und Moos angeschwemmt kommen, die Turbine dann Luft zieht und ausfällt. Das Einschalten muss per Hand erledigt werden – das darf die Anlage nicht selbsttätig.

Schwingenschlögel, Elektromeister und staatlich geprüfter Elektrotechniker der Fachrichtung Energieerzeugung, ist als Betriebsleiter nicht nur für das besichtigte E-Werk zuständig, sondern auch für das Obere E-Werk etwa einen Kilometer kanal-aufwärts (noch auf Kolbermoorer Stadtgebiet) sowie für ein Werk in Aibling in der Madaustraße und zwei in Bruckmühl (Gewerbepark und Heufeldmühle). Diese fünf E-Werke bringen es auf eine maximale Jahresleistung von rund 15 Millionen Kilowattstunden. Sie gehören zu den Elektrizitätswerken WWS in der Günter-Pfisterer-Gruppe in Plochingen. In Plochingen und in Neckartenzlingen, beides Landkreis Esslingen, betreibt die Gruppe noch zwei weitere Wasserwerke.

Diese Gruppe – und da hatte Karl Schwingenschlögel für die Teilnehmer der Führung noch eine Neuigkeit parat – wird allmählich überführt in die Günter-Pfisterer-Stiftung, die sich sozialer Zwecke annehmen wird. Stiftungsvorstand soll der jeweilige Plochinger Bürgermeister sein.

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