Kolbermoor – Schnell waren sich die Verantwortlichen der Pfarrei vor sechs Jahren darüber einig geworden: Ein Ersatz muss her. Da das abgebaute Instrument, das in den 60er-Jahren im Rahmen einer radikalen Restaurierung der gesamten Kirche erbaut wurde, nicht mehr dem heutigen Zeit- und Musikgeschmack entsprach, entschied man sich schließlich für eine Restaurierung und Wiederherstellung im Stil der allerersten Orgel aus dem Jahr 1873, die in den 20er- Jahren erweitert wurde. Mit der Ausführung beauftragte die Kirchenverwaltung die Orgelbauwerkstatt Johannes Führer GmbH aus München, in der in den vergangenen Jahren nicht nur das Gehäuse und die neuen Pfeifen gebaut, sondern auch alte und noch verwendbare Bestandteile fachgerecht restauriert wurden.
Jetzt hat der Einbau des Instrumentes in der Kirche begonnen. Pünktlich wurde die Orgel, zerlegt in alle Einzelteile und gut verpackt in zahlreichen Kisten, mittels mehrerer Lastwagen angeliefert. Nachdem die kostbare Fracht von Hand ausgeladen war, bot der Kirchenraum der Heiligen Dreifaltigkeit ein ungewohntes Bild: Im gesamten Schiff lagen Teile des Gehäuses, Kisten, Holzteile und weitere Bauelemente verstreut, die darauf warteten, auf die Empore hinaufgeschafft und eingebaut zu werden. Letztere war unter der fachmännischen Aufsicht von Kirchenpfleger Georg Schilp bereits im vergangenen Jahr mit massiven Holzbalken verstärkt worden, damit das fast sieben Tonnen schwere Instrument auch problemlos getragen werden kann.
Orgelbaumeister Johannes Führer zeigte sich bei der Inspektion vor Beginn des Aufbaus angetan vom Bodenbelag aus Fichtenholz: „Nichts knarzt, nichts gibt nach – der Boden ist ideal für den präzisen Aufbau der Orgel.“ Dieser begann im Anschluss noch relativ unspektakulär mit dem Bodenrahmen aus zentimeterdicken Holzlatten, die mit höchster Konzentration „ins Wasser gelegt“ werden mussten. Sie bilden die Basis für das spätere Gehäuse, das aus fünf Abteilungen bestehen und im Laufe der Woche komplett aufgebaut wird. Das bisher unbehandelte Fichtenholz ist dann für den Einsatz des Kirchenmalers bereit, der für die künstlerische Ausgestaltung zuständig ist.
Auf Johannes Führer und sein Team wartet dann der komplizierteste Teil ihrer Arbeit in Kolbermoor: der Einbau und die Ausrichtung der Spielmechanik und vor allen Dingen die sogenannte „Intonation“ der Orgelpfeifen. Die etwa 1800 Pfeifen müssen in mühevoller Handarbeit im Kirchenraum gestimmt werden, damit auch in der Kirche ein optimaler Gesamtklang entsteht. Das verwendete Pfeifenmaterial stammt dabei zu etwa 60 Prozent aus historischen Beständen der alten Orgel, teilweise noch aus dem Jahr 1873. Auch für den Orgelbauer selbst ist das nicht alltäglich: „Das Pfeifenwerk ist die Besonderheit dieser Orgel. Wir haben ein großes Augenmerk darauf gelegt, so viel wie möglich aus der alten Orgel zu erhalten. Teilweise sind klanglich äußerst faszinierende Pfeifen dabei.“
Vor Johannes Führer und seinem Team stehen so noch zahlreiche arbeitsintensive Wochen, denn die Arbeit in der Orgelwerkstatt macht erst die Hälfte des Gesamtwerkes aus. In insgesamt 3375 Arbeitsstunden wurden in München alte Pfeifen „entschimmelt“ und restauriert, das ursprüngliche Gehäuse überholt und der fehlende Oberbau des Prospektes nach alten Vorlagen von 1929 rekonstruiert.
In fünf Monaten erst – am dritten Advent – wird die Arbeit beendet sein. Wenn die Orgel dann erstmals in vollem Umfang erklingt, wird für die Mitglieder der Pfarrgemeinde nicht nur der handwerkliche, sondern auch der erhebliche finanzielle Aufwand in Erinnerung bleiben. Etwa 500000 Euro müssen insgesamt für die Wiederherstellung des Instrumentes aufgebracht werden, unterstützt nicht nur durch Zuschüsse des Erzbistums oder der Stadt Kolbermoor, sondern auch durch viele gewerbliche und private Einzelspender. Wie Kirchenmusiker Gerhard Franke bemerkte, steht die hohe Spendenfreudigkeit der Kolbermoorer dabei in guter Tradition. Schon aus der Zeit der ersten Orgel von 1873 existieren bis heute lange Listen, aus denen hervorgeht, in welchem Maße damals selbst die knapp bezahlten Spinnereiarbeiter die Orgelbaukasse durch regelmäßige Lohnabgaben unterstützten. Beim erst kürzlich erfolgten Orgelneubau in Wiederkunft Christi zeigten sich die Bürger nicht weniger großzügig, und auch die Gesamtsumme des Projektes in der Heiligen Dreifaltigkeit ist beinahe erreicht. Die Kirchenverwaltung ist zuversichtlich, dass die noch fehlenden knapp 4000 Euro in den verbleibenden Monaten zusammenkommen, sodass die Gemeinde die feierliche Weihe als die „ihres“ Instrumentes erleben kann. Ab diesem Tag wird die Führer-Orgel in der Heiligen Dreifaltigkeit gemeinsam mit der Frenger & Eder–Orgel in der Pfarrkirche Wiederkunft Christi, an der neben festlicher Kirchenmusik bereits seit einigen Jahren erfolgreiche Konzerte bestritten werden, über viele Jahre hinweg den Ruf der „Orgelstadt“ Kolbermoor prägen.