Kolbermoor – Ein Vertrag, der zwischen Schülern, Eltern und der Klassenleiterin geschlossen wird, ist die Grundlage für diesen außergewöhnlichen Weg für junge Leute, die sich nicht so recht ins gängige Schulsystem einordnen lassen.
Durch eine spezifische Förderung werden die Schüler „zu einer positiven Lern- und Arbeitshaltung geführt und durch die Kooperation mit der Wirtschaft und mit Betrieben (Praktika) in das Berufsleben begleitet“, so die Beschreibung dieses bemerkenswerten Projekts durch das bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, das zudem aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert wird.
Wie berichtet, hat der Kolbermoorer Stadtrat in der Juni-Sitzung die sozialpädagogische Betreuung der Praxisklasse für die Schuljahre 2018/2019 und 2019/20 erneut an das Diakonische Werk Rosenheim vergeben.
Als „Riesenchance“ werten Silke Fischer und Eva Kigle die Praxisklasse. Für beide ist sie auch eine Riesenherausforderung, die aber ungemein belebe und bereichere, wie sie betonen. Wer die Lehrerin und die Sozialpädagogin über ihre so spezielle Aufgabe sprechen hört, dem wird schnell klar, dass hier Fachwissen mit Begeisterung im Einklang stehen.
Wie aber lassen sich Schüler, die scheinbar kaum mehr ins Regelsystem integrierbar sind, wieder aus ihrer Isolation oder auch Abwehrhaltung herausholen? Die Betonung liegt auf „scheinbar“, denn die erste Frage an die Schüler lautet: Was kannst du leisten? Es gebe zwar mitunter viele Baustellen, doch Schritt für Schritt erarbeite man mit den jungen Menschen „den Weg nach vorne“. Die Schüler werden zwar bildlich gesprochen an der Hand genommen, die letzte Entscheidung treffen sie jedoch selbst. Das Credo der beiden engagierten Frauen an jeden einzelnen ihrer Schützlinge: „Du bist bei uns gut aufgehoben. Es ist aber deine Entscheidung, was du aus dieser Chance machst.“
Von Anfang an werden die jungen Leute durch einen auf sie zugeschnittenen Unterricht in ihrer Persönlichkeitsentwicklung stabilisiert. Das Zauberwort heißt dabei „Erfolgserlebnis“. Zudem werden Grundwerte des Miteinanders festgelegt, Kommunikation geübt – „etwa auch Smalltalk“, so Silke Fischer schmunzelnd. Schließlich gehöre zum Beispiel auch die Teilnahme an Firmenfesten zum Berufsleben.
Der Lehrplan umfasst das Festigen von Grundwissen und Grundfertigkeiten, vor allem in Deutsch und Mathematik. Viele Praxistage ermöglichen den Einblick in das Arbeitsleben.
Der enge Kontakt zum Praxispartner zeigt den erfahrenen Begleiterinnen sehr schnell, wie es um den Schüler steht: „Die Schüler selbst müssen ein Feedback geben und ihre Eindrücke und Erlebnisse schriftlich festhalten.“ Der enorme Erfolg der Kolbermoorer Praxisklasse, die im Jahr 2000 eingeführt wurde, liegt vor allem an der großen Bereitschaft der örtlichen Betriebe, Praktika anzubieten. „Ohne Betriebe geht gar nichts“, so Silke Fischer.
Eine Vielzahl von beeindruckenden Beispielen ihrer Arbeit führen Fischer und Kigle an: So erzählen sie etwa von dem jungen Mann, der in die Schule immer zu spät kam – aber nie zu seiner Praktikumsstelle. Oder von dem Schüler, der während seiner gesamten Schullaufbahn wohl aus purer Unlust kein einziges Wort auf ein Blatt geschrieben habe – bis er – befeuert von der Begeisterung seiner Lehrerin – tatsächlich Lust und Freude am Schreiben fand. „Ja, da hat man schon manchmal Tränen in den Augen“, erinnert sich Eva Kigle an die ersten Zeilen.
Und der Erfolg gab den beiden auch in diesem Jahr recht: Bei allen Schülern wurde es geschafft, sie ins Arbeitsleben zu integrieren.