Kolbermoor – Diese Aufgabe hatte Lechermann von Dr. Hans Spanaus übernommen, der die Konzertfahrten für das damalige Volksbildungswerk anbot. Lechermann ist gebürtiger Münchner, sozusagen mit Musik aufgewachsen. Ein Onkel von ihm, Karl Liebl, hat als Tenor sogar an der „Met“ in New York gesungen – bei seinen Auftritten in München war der Neffe selbstverständlich Zuhörer. „Ich bin früh zur Oper gekommen“, erinnert sich Lechermann. Er sei allerdings ein „passiver“ Musiker: Ein Instrument hat er nicht gelernt. Akkordeon hätte man ausgesucht für ihn – aber das lag ihm nicht.
1973 ist Lechermann als Lehrer an die ehemalige Hauptschule an der Flurstraße nach Kolbermoor gekommen. Er bleibt auch in Kolbermoor wohnen, als er später Konrektor in Großkarolinenfeld und dann Rektor in Ostermünchen wird. Jahrelang gibt er auch Englischkurse an der Volkshochschule Kolbermoor, bis er sich schließlich auf die Konzertfahrten konzentriert.
Anfangs startet Lechermann mit seinen Kunstinteressierten auch noch Mehrtagesfahrten mit Kulturprogramm. Da geht es mehrmals nach Wien (unter anderem zu Tosca, Lucrezia Borgia, Roberto Devereux, Phantom der Oper, Maria Stuarda und Lucia di Lammermoor), nach Budapest und Dresden, wo kurz nach der Wende der „Rosenkavalier“ in der Semper-Oper ein besonderes Erlebnis wird. Auch Weimar, Graz, Paris, Amsterdam, Mailand, Venedig, Prag und mehrmals Verona werden angesteuert. In Verona erlebt man etwa ein Galakonzert von Placido Domingo.
In Tagesfahrten wird München mit dem National- und dem Prinzregententheater, dem Gasteig und Schloss Nymphenburg angesteuert; Innsbruck mit dem Tiroler Landestheater. Es zieht die Gruppe auch zum Kloster Andechs – zu den Carl-Orff-Festspielen und nach Berchtesgaden und an den Königsee. Diese Fahrt, seit 2005 jährlich angeboten, ist „der Renner“, so Lechermann. Einmal angekündigt, schwappen unverzüglich 50 Anmeldungen herein; der Bus ist voll. Die Lesung der Heiligen Nacht in St. Bartholomä, verbunden mit dem Besuch eines stimmungsvollen Christkindlmarkts, ist für viele Kolbermoorer offenbar die perfekte Einstimmung auf Weihnachten.
Wen haben die „Kursteilnehmer“ in den letzten 30 Jahren nicht alles gehört und gesehen? Mehrmals war Editha Gruberova dabei (mit einem Arienabend, in „La Sonnambula“, in „Maria Stuarda“ und „Anna Bolena“, „I Puritani“, „Lucrezia Borgia“). Auch Anja Harteros, Jonas Kaufmann, Rolando Villazon, Diana Damrau konnte man schon hören; sogar Anna Netrebko (in „Macbeth“). Im nächsten Juli wird sie auch bei einem Abend „Russische Lieder“ im Nationaltheater München zu hören sei.
Lang ist auch die Liste der Aufführungen. Da standen unter anderem Madame Butterfly auf dem Programm, Manon Lescaut, Madame Pompadour, Werther, Hoffmanns Erzählungen, Gasparone, Cosi fan Tutte, Simon Boccanegra, La traviata, Orpheus in der Unterwelt, Otello, Il Trovatore, Faust, Cinderella, Die Zauberflöte, Norma, Die Meistersinger, Tosca, Lohengrin, Aida, Tristan und Isolde, Das schlaue Füchslein, La Boheme, La Cenerentola, Orpheus und Eurydike, Carmen, Don Quichotte, Luisa Miller, Ein Sommernachtstraum, Der Freischütz, Rusalka, Don Carlo, Eugen Onegin, Leonce und Lena, Boris Godunow und Hänsel und Gretel, aber auch Der Goggolori. Zwölf Fahrten pro Saison bietet Rudolf Lechermann an – da kommt einiges zusammen…
Die Ziele sucht er alle selber aus. Keiner macht ihm Vorschriften oder gibt „Anregungen“. Sobald ein Spielplan steht, schaut er, was für seine Theaterfahrten passend wäre. Von Vorteil ist da ein guter persönlicher Kontakt zu den jeweiligen Vorverkaufsstellen. Bestellt er etwa im Nationaltheater München 35 Karten (in verschiedenen Preisklassen), hat er sechs Wochen Option darauf. Dann macht er die Bestellung fix – oder nimmt bei Bedarf auch nur 30. Wichtig ist ihm, dass jedes Angebot auch stattfindet: „Einmal sind wir nur zu zwölft gefahren. Aber ich kann nicht einfach absagen; die Leute wollen doch auch Planungssicherheit.“ Bei Konzerten mit Anna Netrebko könnte er vielleicht 100 Mitfahrer finden – aber dieses Kontingent würde der Veranstalter wiederum nicht heraus rücken… Sein Geheimtipp ist das Nationaltheater in Innsbruck, wo viele junge Leute mit viel Herzblut auf der Bühne ständen.
Lechermann legt nicht nur Wert auf die Auswahl der Konzerte, sondern auch auf den Rahmen. So wird das Theater schon eineinhalb Stunden vorher erreicht, dass man sich in Ruhe, bei einem Essen oder einem Kaffee, auf das Ereignis einstimmen und es dann entspannt genießen kann. Gefahren wird übrigens seit 30 Jahren mit der Busfirma Brüchmann aus Schechen, mit der Lechermann beste Erfahrungen gemacht hat. Diese komfortable Anfahrt und die Tatsache, dass man sich nicht selber um Karten kümmern muss, sind die Hauptargumente der Teilnehmer. „Da gibt es Kunstfans, die kommen aus Aschau und steigen hier in Kolbermoor zu“, so Lechermann. Außer in Kolbermoor kann auch in Bad Aibling zugestiegen werden – so erreicht Lechermann auch Teilnehmer bis aus Feldkirchen-Westerham. Andere, etwa Margarethe und Rudolf Neger sowie Martha Abend, sind seit Anfang an dabei; haben alle Fahrten mitgemacht.
Der pensionierte Lehrer, der soeben seinen 70. Geburtstag feierte, freut sich, wenn er mit seinem Angebot viele erreichen kann. Er räumt mit dem Bild auf, dass man ein Musik-Profi sein müsse, um die Konzerte zu verstehen oder Freude an ihnen haben zu können. „Man muss nur hören, ob die Musik einen anspricht, ob sie etwas auslöst in einem.“ Mehr ist nicht nötig (und wer mehr braucht, für den hat Lechermann auf der Hinfahrt im Bus noch schriftliche Informationen zum Stück, zu Mitwirkenden und Kritiken parat).
So kann es munter weitergehen: Am 1. September steht Cosi fan tutte in Schloss Nymphenburg auf dem Programm, am 7. Oktober Il Trovatore und am 21. November Jenufa, beides im Nationaltheater. Die Heilige Nacht in St. Bartholomä am 1. Dezember ist ausverkauft. Zu Simon Boccanegra und dem Christkindlmarkt geht es am 21. Dezember nach Innsbruck. Auch ins nächste Jahr plant Lechermann schon vor: Otello, Die verkaufte Braut, Fidelio, Nabucco, Roberto Devereux oder Don Giovanni stehen auf seiner Liste. Und wenn sich Interessenten fänden, würde sich Lechermann auch wieder an die Organisation von kulturellen Mehrtagesfahrten machen…