Um die Entstehung des Gebäudes der St. Anna-Apotheke gibt es eine Anekdote

Am Anfang war das Lottospiel

Um 1906 entstand diese Aufnahme. Aus der südwestlichen Tür sind bereits Fenster geworden.

Um 1906 entstand diese Aufnahme. Aus der südwestlichen Tür sind bereits Fenster geworden.

Die St. Anna-Apotheke wird in Kolbermoor nach wie vor mit der Familie Wölfl verbunden. Christine und Adolf Wölfl waren 1958 mit ihren Töchtern Margit und Barbara nach Kolbermoor gekommen. Sie pachteten das Haus von Franziska Lipp, deren verstorbener Mann Josef die Apotheke vorher geleitet hatte, wie sich Barbara Doms, die Tochter, erinnert. Sie kennt auch noch eine Anekdote, wie es überhaupt zum Bau des Hauses gekommen war.

von Sabine Fleindl

Kolbermoor – Sie und ihre Geschwister sind im Besitz eines Tekturplans aus dem Oktober 1867, in dem der Stationswärter M. Sieber (vom benachbarten Bahnhof) um den Bau des Gebäudes eingibt. Er soll – so geht die Geschichte – im Lotto gewonnen haben und das Haus für seine Tochter gebaut haben. Das Haus ist deshalb als Wohnhaus konzipiert. Erst 1902 wurde es zur St. Anna-Apotheke.

Die allererste Apotheke war laut der Chronik von Otto Kalhammer 1865 von der Spinnerei angeschafft und in der Krankenstube im Meisterhaus untergebracht. Dieses Meisterhaus, für die Familien der Spinnereimeister 1864 gebaut, musste teilweise auch Schulklassen aufnehmen (1988 wurde es laut der Chronik von Horst Rivier abgerissen; heute stehen dort die Feuerwehr und Schulturnhalle).

Das Verlangen der Bevölkerung nach einer Apotheke im Ort war aber immer stärker geworden, und so befasste sich der Gemeinderat mit diesem Wunsch. 1901 wurde beschlossen, dass man sich „an zuständiger Stelle“ um die Errichtung einer Apotheke in Kolbermoor bemühen wolle. Mit dem Münchner Pharmazeuten Riemhofer wurde man sich aber nicht einig. Am 1. August 1902 eröffnet dann der Pharmazeut Martin Seitz in dem Haus am Bahnhof eine Apotheke, die er bis zu seinem Tode, über 30 Jahre lang, inne hatte. Dann übernahm Josef Lipp. Der Grabstein der Familie Lipp, der auch ein Relief eines Apothekers mit dem Mörser in der Hand trägt, ist noch im Alten Friedhof an der Hecke zur Mangfall, gegenüber dem Leichenhaus, zu sehen.

Christine und Adolf Wölfl, aus Murnau und aus der Oberpfalz stammend, hatten sich in München beim Studium kennengelernt und waren beide Apotheker. Sie kommen mit den Töchtern Margarete, genannt Margit, und Barbara nach Kolbermoor und übernehmen zum 1. Januar 1959 die Apotheke als Pächter. In Kolbermoor werden dann noch die Söhne Stefan, Andreas und Philipp geboren. Nach dem Tod von Franziska Lipp, die immer noch im zweiten Stock des Hauses gewohnt hatte, kann die Familie 1974 das Haus von ihren Erben kaufen. Bereits 1975 geht man den Umbau des Gebäudes an. Die Treppe zum Eingang kommt weg; der Bereich wird generell verändert. Der große Birnbaum muss fallen; die Vitrine und der Nachtschalter entstehen.

1979 stirbt Adolf Wölfl. Christine Wölfl führt die Apotheke weiter und hört erst 2003 mit 75 Jahren auf. Die Apotheke wird verpachtet an Sonja Wisuschil – die sie im Oktober 2012 aufgibt. Christine Wölfl erlebt dies nicht mehr: Sie stirbt einen Monat vorher, im September 2012. Im August 2013 verkauft die Familie das Haus an die Stadt Kolbermoor im Hinblick darauf, dass die Stadt sich am besten um das Haus – gerade auch im Zusammenhang mit der Bahnhofssanierung und der Nähe zum Heimatmuseum – kümmern könnte. So war man jetzt auch über alle Maßen froh, dass im Siegerentwurf zum städtebaulichen Wettbewerb (wir berichteten) das Gebäude der St. Anna-Apotheke erhalten bleibt.

Barbara Doms und ihre Geschwister haben an ihre Kinder- und Jugendzeit rund um die St. Anna-Apotheke viele Erinnerungen. „Wir konnten im Apotheken-Garten spielen; in der Försterstraße trafen wir uns zum Federball.“ Da beide Eltern ja im Haus arbeiten, finden sie stets einen Ansprechpartner. Klar war allerdings immer: „Die Kundschaft geht vor.“ Kommt ein Kunde, muss das Kind warten. Da die Apotheke auch nicht allein gelassen werden kann, finden Ausflüge immer nur mit einem Elternteil statt. „Wir haben als Kinder gesehen, dass die Eltern immer nur arbeiteten; dass wir nie etwas gemeinsam machen konnten.“ Die gewisse „Bekanntheit“ der Apotheker-Kinder führte natürlich auch dazu, so Barbara Doms, dass die Kunden so einige Streiche an die Eltern weitererzählten… Sie würdigt es ganz besonders, dass die Mutter alle Kinder lernen ließ, was diese wollten. So wurde sie Erzieherin, Schwester Margit und Bruder Philipp entschieden sich für den Lehrerberuf. Andreas ist Musiktherapeut in München, Stefan Professor für Biochemie an der Uni Heidelberg.

Sie alle schätzen die Geschichte des Hauses und halten die alten Fotos, gemalte Bilder und die Pläne in Ehren. Woher der Name „St. Anna“-Apotheke aber komme, wisse man nicht, so Barbara Doms. Eine mögliche Erklärung wäre, dass die heilige Anna nicht nur Patronin der Mütter, der Hausfrauen und Arbeiterinnen ist, sondern auch der Weber, Schneider und Spitzenklöppler. Damit schließt sich in Kolbermoor – ein weiteres Mal – der Kreis zur Spinnerei.

<p>Die St. Anna-Apotheke heute. Aus dem Garten ist die Baustelle für die Erweiterung der Tonwerkunterführung geworden. Fotos Archiv Heimatmuseum/Privat/fl</p>

Die St. Anna-Apotheke heute. Aus dem Garten ist die Baustelle für die Erweiterung der Tonwerkunterführung geworden. Fotos Archiv Heimatmuseum/Privat/fl

<p>Viele Arzneien wurden in der Apotheke selbst gefertigt– die Kinder konnten nur andächtig zuschauen.</p>

Viele Arzneien wurden in der Apotheke selbst gefertigt– die Kinder konnten nur andächtig zuschauen.

<p>Konzipiert war das Gebäude als Wohnhaus – deshalb auch die zweite Tür links im Bild.</p>

Konzipiert war das Gebäude als Wohnhaus – deshalb auch die zweite Tür links im Bild.

<p>Die Kinder – hier Margit und Barbara mit ihrem Vater Adolf Wölfl – wuchsen rund um die Apotheke auf.</p>

Die Kinder – hier Margit und Barbara mit ihrem Vater Adolf Wölfl – wuchsen rund um die Apotheke auf.

<p>1935 wurde mit Adele Sandrock ein Film gedreht – eine der Außenaufnahmen entstand vor der Apotheke.</p>

1935 wurde mit Adele Sandrock ein Film gedreht – eine der Außenaufnahmen entstand vor der Apotheke.

<p>Das Pharmazeuten-Ehepaar Wölfl hatte die Apotheke von Josef Lipp übernommen. An diese Familie erinnert noch ein Grabstein auf dem Alten Friedhof Kolbermoor.</p>

Das Pharmazeuten-Ehepaar Wölfl hatte die Apotheke von Josef Lipp übernommen. An diese Familie erinnert noch ein Grabstein auf dem Alten Friedhof Kolbermoor.

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Samstag, 11. Juli 2026
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