Ein Dreizentner-Mann, der 1928 in Amsterdam olympisches Gold errang: Sepp Straßberger (hier stolz mit seiner Tochter Frieda). „Ja, an Straßberger sei Kraft tät ma braucha!“ Fotos Albert Köbler Prien
Er zählte zu den populärsten Gewichthebern in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und hat seine Kolbermoorer Herkunft nie verleugnet. Vor 90 Jahren gewann der „Straße“, wie er überall genannt wurde, sogar olympisches Gold in Amsterdam.
Eine echte Bildrarität: Josef Straßberger auf dem Überseedampfer „Bremen“ unterwegs zu den olympischen Spielen 1932 in Los Angeles.
Koloss mit einer Riesenseele
Kolbermoor – Tränen der Freude und des Glücks liefen dem Dreizentner-Mann bei der olympischen Siegerehrung in Amsterdam über die Wangen. Seine Titelsammlung kann sich sehen lassen: 1920 wurde er in Wien Weltmeister im Halbschwergewicht, 1921 und 1929 holte er sich den Europameistertitel. Hinzu kamen 13 Meisterschaften.
Schon als 16-Jähriger machte der Straßberger Sepp in Kolbermoor auf sich aufmerksam und trug zwei Zentner schwere Mehlsäcke auf dem Rücken im Wettlauf vom Füglein zur westlich des Bahnhofes gelegenen Verladerampe. Er setzte sich dabei gegen „vier Prügel Mannsbilder durch“, wie 1968 in unserer Zeitung noch immer anerkennend zu lesen war.
Vom gewetteten Bier erhielt der jugendliche Sieger jedoch keinen Schluck – schließlich sei der Lauser außer Konkurrenz gestartet, so seine Mitstreiter lachend.
In München bei den Sechzigern ließ der Kolbermoorer schon früh seine Muskeln spielen und setzte auf heute durchaus beeindruckende „Dopingmittel“: Selbst gemachte Fleischsuppe oder – legendär – Rühreier mit Zucker und einem Schuss Cognac. Die Bärenkräfte des Kolbermoorers seien auch darauf zurückzuführen, dass es zu Hause „Knödl, Knödl und wieder Knödl gab“, wie aus der Chronik von Johann Wipper zu entnehmen ist. Und weiter: „Man erzählte sich, dass Straßberger als Mithelfer im väterlichen Speditionsgeschäft eiserne Öfen von bis zu fünf Zentnern Gewicht auf seinen Buckel nahm und diese stiegauf trug“. Kein Wunder, dass es noch lange in Kolbermoor bewundernd, gar sehnend hieß: „Ja, an Straßberger sei Kraft tät ma braucha!“
In Amsterdam vergoldete Straßberger dann seine Kräfte: Im olympischen Dreikampf, der aus beidarmigem Drücken, Reißen und Stoßen bestand, holte er sich mit einer Gesamtleistung von 745 Pfund die Goldmedaille. Diese Leistung bedeutete gleichzeitig olympischen Rekord. Auch bei den Olympischen Spielen in Los Angeles war Straßberger gesetzt – und errang die Bronzemedaille. In Kolbermoor wurde der populäre Gewichtheber natürlich gebührend gefeiert. Vor allem die jungen Leute waren Feuer und Flamme für den „Straße“, sammelten Zigaretten-Reklamebilder, auf denen der Olympiasieger stolz abgebildet war. Auch in der Landeshauptstadt genoss Straßberger hohes Ansehen und untermauerte seinen Erfolg mit sehr gut gehenden Gastwirtschaften. Dem sportlichen Nachwuchs war er ein beliebter Ratgeber. Und noch 1935 stellte er im beidarmigen Drücken mit 271 Pfund einen neuen Weltrekord auf.
1945 wurde Straßbergers letzte Gaststätte, das Hotel „Bayerischer Hof“, total ausgebombt – sämtliche olympischen Medaillen, Ehrenpreise, Erinnerungsstücke und die Ehrenbriefe der Stadt München gingen verloren. Die goldene Medaille aus Amsterdam suchte er drei Tage lang, wendete Stein um Stein, doch vergebens. Sie kam unter den Trümmern nicht mehr zum Vorschein. Im Oktober 1950 starb Sepp Straßberger an einem Schlaganfall. Der Koloss mit einer Riesenseele wurde nur 56 Jahre alt. Beerdigt wurde er in seiner Heimatstadt Kolbermoor. Im Münchner Olympiadorf erinnert eine Straße an diesen großen Sportler.