Aktuelles Interview mit Pfarrer Maurus Scheurenbrand

Allergie wies den Weg ins Priesteramt

von Redaktion

Vier Jahre sind vergangen, seit die katholischen Pfarreien in Kolbermoor offiziell zu einer Stadtkirche vereint wurden. Schon zwei Jahre zuvor begann der Umstellungsprozess mit der Einsetzung von Maurus Scheurenbrand zum Seelsorger von Wiederkunft Christi und Heilige Dreifaltigkeit. Unzählige kirchliche und weltliche Festtage hat der Stadtpfarrer in der Gemeinde seither begleitet. Am 12. September steht nun ein ganz persönliches Jubiläum an: An diesem Tag des Jahres 1993 wurde der heute 55-Jährige in der Basilika Weingarten (Kreis Ravensburg) zum Priester geweiht. Im Vorfeld seines silbernen Priesterjubiläums hielt Pfarrer Scheurenbrand im Gespräch mit unserer Zeitung eine Rückschau.

Sie haben sich für den Beruf des katholischen Priesters entschieden. Bei ihrer Weihe vor 25 Jahren sprach die lokale Presse von einer „mutigen Entscheidung“. Welche Beweggründe führten Sie zu dieser Wahl?

Dazu muss ich zunächst etwas auf meinen vorherigen Lebensweg zurückgreifen. Aufgewachsen bin ich in der Nähe von Esslingen und habe dort nach meinem Realschulabschluss zunächst eine Orgelbauerlehre begonnen. In dieser Zeit hat mich mein Meister einmal nach Weingarten mitgenommen, um mir in der Basilika die berühmte Gabler-Orgel zu zeigen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich dort einen Mönch gesehen und auf die Lektüre eines Plakates hin, auf dem eine „Woche im Kloster“ angekündigt war, spontan Kontakt zur dortigen Benediktinergemeinschaft aufgenommen.

Dennoch sollte es noch eine Weile dauern, bis Sie tatsächlich als Novize in dieses Kloster eingetreten sind.

Richtig, denn nachdem ich die Orgelbauerlehre aus gesundheitlichen Gründen abbrechen musste – ich hatte damals eine Allergie entwickelt – erlernte ich zunächst bei einem kirchlichen Verlag in der Diözese Rottenburg-Stuttgart den Beruf des Industriekaufmannes. Schon damals wurde mir aber klar: Das reicht mir noch nicht. In welche Richtung es weitergehen sollte, konnte ich für mich noch nicht entscheiden und beschloss daher, zunächst einmal mein Abitur nachzuholen. In dieser Zeit bestand der Kontakt nach Weingarten weiter und vertiefte sich, sodass ich mich dann mit 23 Jahren schließlich für den Eintritt ins Kloster entschied.

War die Priesterweihe also eine Voraussetzung für die Mitgliedschaft im Orden?

Nein, denn im Benediktinerorden leben durchaus auch viele Brüder, die andere Berufe ausüben. Für mich war das Ziel der Priesterweihe aber sehr bald klar, allerdings nicht mit dem Ziel, einmal Pfarrer in einer Gemeinde zu werden. Die Vorstellung, alleine in einem Pfarrhaus zu leben, schreckte mich damals eher ab. Vielmehr bewogen mich die enge Gemeinschaft der Ordensbrüder, die Pflege des lateinischen Choralgesangs und der feierlichen Liturgie sowie die klösterliche Abgeschiedenheit zu meiner Entscheidung. Das Klosterleben war von Anfang an mein Leben.

Wie kam es dann, dass Sie schon bald doch als Gemeindeseelsorger tätig wurden?

Das kam durch einen Zufall, der sich während meines Studiums in Salzburg ereignete. Ich hatte zuvor Theologie und Philosophie in Rom studiert, die musikalischen Fächer belegte ich aber am Mozarteum. Als zu dieser Zeit der Berchtesgadener Pfarrer kurzfristig die Gemeinde verließ, wurde ich dort für zwei Jahre nebenher als Pfarrvikar eingesetzt. Wenn man so will, geriet ich in dieser Zeit in eine Art Krise, denn ich stellte mir zunehmend die Frage, wo meine Zukunft liegt – in der Abgeschiedenheit des Klosters, oder in der Pfarrseelsorge. Ich tendierte immer mehr zu Letzterem und bat meinen Abt schließlich, mich weiterhin für den Gemeindedienst freizustellen. Zehn Jahre danach habe ich schließlich den Orden verlassen und gehöre seither als Pfarrer zur Erzdiözese München und Freising.

Warum bewarben Sie sich gerade um den Dienst in dieser Diözese, wo doch sowohl ihre Heimat als auch das Kloster Weingarten zum Bistum Rottenburg-Stuttgart gehörten?

Ich wollte explizit in München-Freising bleiben, da mich das, was ich in Berchtesgaden kennengelernt hatte, sofort angesprochen hat. Mir gefielen Land und Leute, die Berge, die bayerische Mentalität und das Brauchtum. Das hat dazu geführt, dass ich hier bleiben wollte und letztlich auch nach Kolbermoor gelangt bin.

Zuvor waren Sie 15 Jahre als Pfarrer in Schlehdorf am Kochelsee tätig. Wie nahmen Sie darauf die Versetzung an die Mangfall auf?

Als ich damals zum Versetzungsgespräch nach München zitiert wurde, hat man mir die Kolbermoorer Pfarreien gleich sehr ans Herz gelegt. Bei meinem ersten Besuch hier habe ich dann gleich zu Beginn die moderne Pfarrkirche Wiederkunft Christi besichtigt. Da habe ich spontan erst einmal gesagt: „Lieber Himmelvater, wo schickst du mich hin?“ (schmunzelt). Für mich als barockliebender Mensch – sowohl Weingarten als auch Schlehdorf sind ja prächtige Basiliken – war das schon eine Umstellung, noch mehr natürlich der Wechsel von der eher ländlichen zur eher städtischen Gegend.

Was fällt ihnen in Kolbermoor im Gegensatz dazu an positiven Dingen ins Auge?

Zuallererst die Menschen. Das fing schon bei meiner Begrüßung an, als mich Bürgermeister Kloo und sein damaliger Stellvertreter Franz Schrank eigens zu einer persönlichen Stadtrundfahrt einluden. Auch in der Gemeinde fühle ich mich sehr wohl, da ich hier mit sehr engagierten und interessierten Menschen zusammenkomme. Auf dem Land war der Kirchenbesuch zwar größer, viele gingen aber nur aus einer Art Verpflichtung heraus zum Gottesdienst. Das ist hier deutlich anders, das merkt man schon am Gesang und Gebet.

Neben Ihrem Jubiläum ist zurzeit in der Gemeinde die Orgelrestaurierung in Heilige Dreifaltigkeit ein aktuelles Thema. Wie stehen Sie als Pfarrer und Musiker zu diesem Großprojekt?

Ich persönlich glaube, dass es notwendig und berechtigt ist, das zu erhalten, was sich die Kolbermoorer damals mühsam geschaffen haben. Wir freuen uns alle riesig darauf, dass die Orgel wieder so entsteht und auch klingt, wie sie es im 19. Jahrhundert getan hat. Für mich ist das, genau wie die Restaurierung des historischen Pfarrhauses, eine Sache, die für ganz Kolbermoor Bedeutung hat.

In jedem Beruf muss es die Möglichkeit für Entspannung und Ausgleich geben. Wie kann man sich die privaten Aktivitäten eines Pfarrers vorstellen?

Bei mir stehen da ganz klar die Berge an erster Stelle. An meinem freien Tag gehe ich gerne wandern, genieße die Landschaft und komme dabei zum Nachdenken, aber auch zum Entspannen. Dazu gehört natürlich die Brotzeit auf der Hütte.

Zum Abschluss ein kleiner Blick auf die aktuelle Lage der Gesamtkirche. Besonders der globale Missbrauchsskandal schlägt zurzeit hohe Wellen.

Die geschehenen Missbrauchsfälle sind allesamt schrecklich, und als Priester schäme auch ich mich dafür. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass die Kirche da inzwischen sehr streng geworden ist, erst letzte Woche musste ich zum Beispiel wie alle vier Jahre mein erweitertes Führungszeugnis neu beantragen und abgeben. Positiv und notwendig finde ich auch die aktuelle Intervention von Papst Franziskus. Auch wenn ihm zurzeit mangelndes Durchgreifen vorgeworfen wird, nehme ich ihm seine persönliche Betroffenheit und sein Interesse an einer Aufklärung ab.

Ein weiteres, schon länger bekanntes Problem ist der Priestermangel, der sich besonders hierzulande in immer größer werdenden Pfarrverbänden niederschlägt.

Der Priestermangel wird heutzutage gerne an den Zölibat geknüpft. Dessen Abschaffung wäre vermutlich relativ einfach möglich, nur glaube ich nicht, dass das Problem damit gelöst wird. Die wirkliche Situation ist doch die, dass für die aktuelle Anzahl an Gläubigen die Priester sogar ausreichen. Parallel zu den Priesterzahlen gehen ja, außer bei den Familienfesten Taufe, Hochzeit, Beerdigung, auch die Zahlen der Gottesdienstbesucher zurück. Ich meine aber trotzdem: Die Kirche mag zwar kleiner werden, aber sicher nicht schlechter. Das Interview führte Leonhard Sedlbauer

Gottesdienst und Stehempfang

Das silberne Priesterjubiläum von Pfarrer Maurus Scheurenbrand wird am Mittwoch, 12. September, 18 Uhr, mit einem feierlichen Gottesdienst in der Stadtpfarrkirche Wiederkunft Christi begangen. Im Anschluss lädt die Pfarrgemeinde zu einem kleinen Stehempfang auf dem Vorplatz ein.

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