Thema Pflegenotstand
Wo bleibt die Achtung?
Gabriele Endter will einen grundlegenden Wandel im Pflegesystem – nach skandinavischem Modell.Foto ge
Zeit ihres Lebens hat sich Gabriele Endter für andere eingesetzt. Auch jetzt, im Ruhestand, treibt die ehemalige Geschäftsführerin der Nachbarschaftshilfe Kolbermoor und jetziges Vorstandsmitglied das Thema „Pflegenotstand“ um. Ihre bittere Erkenntnis: „Auf dem Rücken der Alten tanzt der Kommerz.“
Frau Endter, Ihre Prognose für das Altern in Deutschland ist düster. Warum?
Schauen Sie doch auf unser derzeitiges System. Bei uns zahlt jeder in die Pflegekasse ein – und davon gibt es viel zu viele. Diesen Kassen ist das Recht gegeben, Leistungskataloge zu ambulanter Pflege zu erstellen und die alten Menschen in Pflegegrade einzuteilen. Entsprechend bezahlt die Pflegekasse zur Pflege einen Zuschuss, den Rest muss der Betroffene privat bezahlen.
Und damit beginnt für viele die Abwärtsspirale?
Ja, genau. Da wir ein System haben, welches leider Gewinnmaximierung an die erste Stelle stellt, und Altenheime und ambulante Dienste in dem System eingebunden sind, sind die Kosten oft nicht mehr zu bezahlen und die alten Menschen müssen auf ausreichende Pflege daheim verzichten. Wenn das eigene kleine Ersparte aufgebraucht ist, die Kinder auch nichts mehr zuzahlen können, dann tritt das Sozialamt, also der Steuerzahler ein. Der Prozentsatz der künftigen Sozialhilfeempfänger in den nächsten Jahrzehnten wird enorm steigen, wenn man bedenkt, dass viele Rentner heute schon das Sozialamt brauchen.
Deshalb Ihre klare Ansage: Das Pflegesystem ist defekt und bedarf einer grundlegenden Korrektur. Aber wie?
Warum hört man von keinem Politiker den Vorschlag, das „Skandinavische Pflegemodell“ als Vorbild zu nehmen? Dort ist Altern in Würde die vornehmste Pflicht und die zentrale Aufgabe des Staates. Niemand muss in nordischen Staaten Angst haben, alt und gebrechlich zu werden und dann nicht genügend Geld für einen Pflegeplatz oder ein Heim zu haben, so wie es bei uns in Deutschland leider ist.
Was fasziniert Sie so an diesem Pflegemodell in Skandinavien?
Dort hat jeder Bürger einen Anspruch auf Pflege durch einen ambulanten Pflegedienst oder auf einen Platz im Altenheim. Die Zuzahlung liegt bei fünf bis maximal zehn Prozent bei höheren Einkommen. Pflegedienste und Heime sind in staatlicher Hand, das Personal ist staatlich angestellt und wird gut bezahlt. Es gibt ausreichend Personal, da die Wertschätzung dieses Berufsstands bei Politik und Bevölkerung sehr hoch ist.
Wie aber lässt sich das finanzieren?
Finanziert wird das Ganze durch eine Steuer, die jeder Bürger zahlt. Aus diesem Steuertopf werden die gesamten Aufwendungen für das Pflegesystem bezahlt.
Sie haben die andere Wertigkeit des Alters in Skandinavien angesprochen. Sie verbinden damit Ihre heftige Kritik am deutschen Pflegesystem.
Ich frage mich, nicht nur aus meiner beruflichen Erfahrung heraus, was ist das für ein System, das wir haben? Seit vielen Jahren weisen Fachleute auf den drohenden Pflegenotstand hin, der uns nun immer mehr einholt. Urplötzlich bekommt diese drohende Gefahr auch Aufmerksamkeit von den Politikern. Mit beruhigenden Ankündigungen von Maßnahmen, wie mehrere Tausend Pflegekräfte aus dem Ausland holen, bessere Bezahlung für Pflegekräfte, familienfreundlichere Arbeitszeiten, ist dieser Notstand wohl in den nächsten Jahrzehnten nicht zu beheben. Und ich frage Sie: Ist es ethisch zu vertreten, das Älterwerden als lukrativen Wirtschaftsfaktor zu sehen? Wo bleibt die Achtung in unserem Land vor den alten Menschen?
Interview:Eva-Maria Gruber
Neues Projekt: Die helfende Hand
Mit ihrem neuen Projekt „Die helfende Hand“ will die Nachbarschaftshilfe Kolbermoor allein lebenden Menschen „präventive Hausbesuche“ anbieten.
Nach Auffassung des Projektteams um Gabriele Endter gibt es sicher sehr viele Möglichkeiten, einem alten Menschen den Alltag zu erleichtern, damit das Alleinleben nicht zur Last wird.
Wie Endter im Gespräch mit unserer Zeitung betont, werde der Dienst derzeit aufgebaut. Als Vorbild fungiert das „Skandinavische Modell“ (siehe Interview) mit dem Fokus auf Altern in Würde.