Ausstellung „Die Rätezeit 1918/1919 und Kolbermoor“
Im Kampf für die Überzeugung
Danksagung der Angehörigen von Alois Lahn und Georg Schuhmann im Aiblinger Wochenblatt. Die beiden wurden an der Tonwerksunterführung von Weißgardisten erschossen.Fotos stadt Kolbermoor
„Wir haben für unsere Überzeugung gekämpft“, sagte der Kolbermoorer Volksratsvorsitzende Georg Schuhmann kurz vor seinem gewaltsamen Tod. Im Rahmen der Gemeinschaftsausstellung „Heimat 1918“ wird morgen, Sonntag, 10.30 Uhr, im Rathaus die Ausstellung „Die Rätezeit 1918/1919 und Kolbermoor“ eröffnet.
Kolbermoor – Was mit einer Friedenskundgebung auf der Münchner Theresienwiese als unblutige Revolution beginnt, entäußert sich in ihrer letzten Phase doch in Gewalt und Terror. Auf sieben Schautafeln zeichnen die Ausstellungsmacher Simon Hausstetter und Christian Poitsch ein eindringliches Bild der Vorgänge in Deutschland, in Bayern, in Kolbermoor. Positioniert ist die Schau durchaus gewollt und sehr symbolträchtig vor dem Sitzungssaal im neuen Rathaus, schließlich war Georg Schuhmann eine der tragenden Figuren in der kurzen Periode der Rätezeit in Kolbermoor.
Seit Beginn des Ersten Weltkrieges verschlechterten sich die Lebensbedingungen in Kolbermoor zusehends. 730 Männer waren in den Kriegsjahren eingezogen worden, 153 kehrten nicht mehr heim, viele waren verwundet. Arbeitsplätze waren knapp, Heizmaterial und Lebensmittel unbezahlbar, sogar die Kriegskinderküche musste zum Jahresende 1918 geschlossen werden. In Kolbermoor herrschte Not allenthalben. Bereits am 11. November 1918 wurde ein Volksrat unter Leitung von Franz Sperber und Bürgermeister Edmund Bergmann gewählt, der versuchte, ungerechte Verteilungen und Plünderungen zu verhindern. Am 8. Januar 1919 wurde ein neuer Volksrat unter der Führung des Installateurs Georg Schuhmann eingesetzt. Nach der Ermordung von Ministerpräsident Kurt Eisner wird auch in Kolbermoor der Bürgermeister abgesetzt, die Gemeindeverwaltung obliegt nun endgültig in den Händen des Volksrats.
Monate später eskaliert die Situation: München wird Anfang Mai 1919 von „Weißen Truppen“ eingenommen. In der letzten roten Bastion Kolbermoor stehen den etwa 1000 „roten“ Verteidigern 4000 „weiße“ Angreifer gegenüber.
Schuhmann beschließt am 3. Mai 1919, Kolbermoor kampflos zu übergeben. Einen Tag später wird er von Grafinger Weißgardisten zusammen mit seinem 18 Jahre alten Sekretär Alois Lahn nach schweren Misshandlungen an der Tonwerksunterführung erschossen. Die Täter wurden freigesprochen. Wie die schicksalhafte Dynamik dieser Monate verdeutlichen? Ausstellungsmacher Christian Poitsch setzt zusammen mit Christian Hausstetter auf die Macht der Bilder. So schauen Revolutionäre, Politiker, Attentäter, Dichter von den Wänden die Ausstellungsbesucher direkt an und versinnbildlichen dadurch buchstäblich den Lauf der Geschehnisse, zeichnen blickend die Blutspur der Revolution nach.
Bewegende
Schaustücke
Außergewöhnliche Schaustücke, etwa eine gut 100 Jahre alte Schreibmaschine, in der noch das Beschwerdeschreiben des Vaters von Alois Lahn eingespannt ist – er beklagt darin den monetären Verlust der Uniform seines ermordeten Sohnes – künden vom kaum nachvollziehbaren Schrecken dieser Zeit, die zwar einen „Freistaat Bayern“ gebiert, dem aber als Geburtshelfer überwiegend durch die entsetzlichen Erlebnisse in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs schwer traumatisierte, zum Teil auch dadurch verrohte junge Menschen zur Seite stehen. Christian Poitsch: „Unser heutiges Bayern ist durch den damaligen Zeitenlauf geprägt.“ Inwieweit sich Kolbermoor durch die sechs Monate Rätezeit verändert hat? „Das wäre einer eigenen Nachforschung wert“, so Poitsch. Und so schließt die letzte Schautafel nachdenklich: „Das Selbstverständnis als Industrie- und Arbeiterstadt ist sicherlich vertieft worden. Die Entscheidung Georg Schuhmanns, ein sinnloses Blutvergießen zu verhindern, wird bis heute in weiten Teilen der Bevölkerung mit Anerkennung und Respekt bewertet. Und die Tatsache, dass eben Schuhmann und Lahn die einzigen Todesopfer der Kolbermoorer Rätezeit waren, empfinden wir heute als besondere Tragik.“
Ministerpräsident Kurt Eisner wurde 1919 von Anton Graf Arco auf Valley erschossen.Foto archivStabi
Georg Schuhmann