von Redaktion

Ernüchterung bei CSU und SPD nach den Landtags- und Bezirkstagswahlen, Freudestrahlen bei Grünen und Freien Wählern – und der AfD. Sie fuhr in Kolbermoor mit über 14 Prozent landkreisweit das beste Ergebnis ein. In einzelnen Ortsteilen erreichte die AfD gar an die 20 Prozent und mehr.

Erneut großer Zuspruch für AfD

Kolbermoor – In früheren Jahren die Republikaner, jetzt die AfD: Kolbermoor gerät nach den Landtags- und Bezirkstagswahlen von Sonntag einmal mehr in die Schlagzeilen, schreibt zumindest „Landkreisgeschichte“: Mit knapp 14,5 Prozent bei den Erststimmen und knapp 14,2 Prozent bei den Zweitstimmen (Landtag) beschert die Mangfallstadt der AfD das beste Ergebnis landkreisweit – sowohl im Stimmkreis West wie auch im Stimmkreis Ost (gesamt rund 10 Prozent). Einzig die Gemeinde Ramerberg ist Kolbermoor „dicht“ auf den Fersen mit ebenfalls über 14 Prozent pro AfD bei den Erststimmen.

Grüne sind nun
zweitstärkste Kraft

Allerdings: Verglichen mit der Bundestagswahl im September vergangenen Jahres scheint die AfD bereits an Zustimmung verloren zu haben: Damals kam die Partei noch auf 17,7 Prozent in Kolbermoor (1798 Stimmen; aktuell: 1306 Stimmen) und landete auf Platz zwei hinter der CSU. Diesen Platz machen ihnen nun die Grünen streitig mit über 16 Prozent bei den Zweitstimmen.

AfD-„Hochburgen“ lassen sich insbesondere im Nordosten von Kolbermoor ausmachen: Im Bereich Am Graben (Stimmbezirk 6) kam die Partei auf über 22 Prozent; in den Wohngebieten entlang der Filzenstraße auf knapp 20 Prozent (Wahllokal Sportheim). Magere Ergebnisse fuhr hier jeweils die CSU ein mit rund 32 Prozent; stark vertreten indes die Grünen mit knapp 19 Prozent im Bereich Sportheim Filzenstraße.

Schwere Verluste hat auch in Kolbermoor die CSU zu verkraften – und liegt hier gar noch unter dem Ergebnis im westlichen Landkreis: Im Stimmkreis West kam die CSU auf gesamt 40,7 Prozent (Zweitstimmen), Kandidat Otto Lederer auf 37,8 Prozent. In Kolbermoor landete die Volkspartei nur bei 37,7 Prozent Zweitstimmen und knapp 35 Prozent für Lederer – ein mehr als deutlicher Absturz gegenüber der Landtagswahl 2013: Dort fuhr die CSU in Kolbermoor noch ein Ergebnis von über 53 Prozent ein (2018: -15,6 Prozent).

Ihr bestes Ergebnis erreichte die CSU am Sonntag in Pullach mit über 45 Prozent an Zweitstimmen und knapp 41 Prozent für Lederer; gefolgt von der Siedlung (Wahllokal Turneralm) mit 42,5 Prozent und 37,5 für Lederer. Mager fiel das CSU-Ergebnis südlich der Mangfall aus mit gerade mal 30 Prozent. Zweitstärkste Kraft hier jeweils: die Grünen.

Gewinner der Landtagswahl: Grüne und Freie Wähler. Die Grünen liegen mit rund 16 Prozent (2013: 7,6 Prozent) auf Platz zwei hinter der CSU in Kolbermoor, gefolgt von AfD mit 14 Prozent und den Freien Wählern mit 11 Prozent Erst- und 8,4 Prozent Zweitstimmen (2013: 8/4,2 Prozent).

Stärkstes Ergebnis der Grünen in Kolbermoor: rund 23 Prozent im Wahllokal Ganghoferstraße. Und auch bei den Briefwählern schnitten die Grünen gut ab: mit 17,5 Prozent. Die Freien Wähler punkteten insbesondere südlich der Staatsstraße.

Federn lassen musste die SPD in Kolbermoor: Sie stürzte von 19,3 Prozent im Jahr 2013 auf nun 7,4 Prozent (Zweitstimmen) ab – und hielt sich dennoch besser als im gesamten westlichen Landkreis, wo die Volkspartei auf 6,8 Prozent absackte. „Lichtblicke“ für die SPD gab es südlich der Mangfall, wo sie im Wahllokal Grundschule Breitensteinstraße ihr bestes Ergebnis mit 13,2 Prozent bei den Zweitstimmen einfuhr. In Pullach riss die SPD gar die Fünf-Prozent-Hürde mit 4,9 Prozent bei den Zweitstimmen (SPD-Kandidatin Alexandra Burgmaier knapp 6 Prozent).

Knapp über die Fünf-Prozent-Hürde schaffte es am Sonntag die FDP in Kolbermoor mit rund 5,3 Prozent (2013: 2,5 Prozent) – gegenüber der Bundestagswahl 2018 (rund 10 Prozent) musste sie allerdings deutlich Federn lassen.

Erfreulich hoch gegenüber den Vorjahren: die Wahlbeteiligung, die in der Mangfallstadt bei knapp 70,2 Prozent lag (2013: 61,7 Prozent). Rund ein Drittel der 9377 Wähler (13362 Wahlberechtigte) machte zudem von der Briefwahl Gebrauch: Knapp 3400 Briefwahlunterlagen galt es in den insgesamt sechs Briefwahlbezirken im Rathaus zu bearbeiten – ähnlich viele wie bereits zur Bundestagswahl im vergangenen Jahr.

Zufrieden äußerte sich gestern Kolbermoors Wahlleiter Albert Paukert über den Wahlsonntag – obwohl das Auszählen bis in die späten Nachtstunden dauerte. Erste Schnellmeldungen waren bereits kurz nach 19 Uhr im Rathaus gelandet. Bis dann auch das letzte Ergebnis der Bezirkstagswahlen eingetrudelt und vermerkt war, war es kurz nach 1 Uhr morgens. „Das sind lange Tage, aber grundsätzlich ist alles gut gelaufen und wir hatten keine Störungen“, ist Paukert erleichtert.

Auszählen ließ die Helfer schwitzen

Extrem aufwendig empfanden viele Wahlhelfer das Auswerten der Stimmzettel – insbesondere der beiden übergroßen Formate für die Zweitstimmen bei Landtags- und Bezirkstagswahl. „Weil die Wähler das gesamte Spektrum genutzt haben, man musste oft regelrecht nach dem einen Kreuzchen suchen, von links oben bis nach rechts unten“, berichtet ein Wahlhelfer im Gespräch mit unserer Zeitung.

Ebenso zeitaufwendig gestaltete sich bei vielen Bürgern das Wählen an sich – bis alle vier Stimmen vergeben und die Zettel alle wieder gefaltet waren, das dauerte mitunter. „Entsprechend bildeten sich immer wieder Warteschlangen, bis auf wenige Ausnahmen den ganzen Tag über“, schildert Paukert. Doch zum Glück waren alle soweit geduldig.

Bürgermeister Peter Kloo: „Ich bin ratlos“

Absturz der Volksparteien, klares Plus bei Grünen und Freien Wählern – und neu im Bayerischen Landtag: die AfD. Sie fuhr in Kolbermoor mit über 14 Prozent das beste Ergebnis im Landkreis ein – und lässt an die Zeiten erinnern, als die Mangfallstadt Hochburg der Republikaner war. Wir haben mit Kolbermoors Bürgermeister Peter Kloo gesprochen:

Gibt es eine Erklärung für das starke Abschneiden der AfD in Kolbermoor?

„Vielleicht ist es ein städtisches Problem, aber im Grunde genommen weiß ich es auch nicht. Ich frage mich, geht es den Leuten zu gut? Sehnen sie sich nach mehr Polarisierung? Oder sind die politischen Themen heutzutage so komplex, dass man sie nicht mehr verständlich machen kann und dann die punkten, die sie schwarz-weiß darstellen? Dabei handelt es sich zwar um realitätsferne Parolen, aber sie klingen halt gut.“

Die meisten Stimmenanteile konnte die AfD im Nordosten von Kolbermoor erringen – gibt es dafür eine Erklärung?

„Dort leben eigentlich vorwiegend Hausbesitzer, Leute, denen es gut geht. Vielleicht herrscht bei denen die Angst vor, etwas zu verlieren. Aber im Grunde genommen bin auch ich ratlos.“

Was ist Ihrer Ansicht nach schief gelaufen bei diesen Wahlen?

„Offenbar sind alle die Parteien, die soziale Gerechtigkeit und Solidarität vertreten, abgestraft worden vom Wähler. Es ist ihnen nicht gelungen, die sozialen Themen zu verkaufen. Grundsätzlich ist wohl das Problem, wie bringt man Themen besser rüber?“

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