Leserbrief zum Bericht „Ende einer roten Bastion“ im Lokalteil:
Mit Freude sehe ich, welche Aufmerksamkeit anlässlich des 100. Jubiläums der Novemberrevolution dem Roten Kolbermoor jener Monate entgegengebracht wird.
Die alte Gedenktafel an der Tonwerksführung war am 4. Mai 1999 von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft errichtet worden und erinnerte an die Ermordung des Kolbermoorer Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seines Sekretärs Alois Lahn. Diese beiden waren am 4. Mai 1919, einen Tag nach der Kapitulation Kolbermoors, von Grafinger Weißgardisten aus ihren Wohnungen gezerrt, brutal verprügelt und schließlich bei der Tonwerksunterführung erschossen worden. Die Gedenktafel wurde immer wieder attackiert, mit Säure bespritzt, mit Naziparolen übermalt und schließlich völlig zertrümmert.
Die Stadt macht mit ihrem einstimmigen Beschluss zur Finanzierung einer neuen Tafel deutlich, dass sie nicht möchte, dass das damals geschehene Unrecht in Vergessenheit gerät. Die Gedenktafel steht aber auch symbolisch für die gesamte Zeit der Kolbermoorer Räteherrschaft. Damals stand der weitaus überwiegende Teil der Bevölkerung hinter den von ihnen gewählten Räten.
Die Einwohner Kolbermoors dankten den Räten, dass diese in schwieriger Zeit nach dem Ersten Weltkrieg sich auf demokratische Weise um die Belange der Bürger gekümmert hatten. Der Volksratsvorsitzende Georg Schuhmann wurde geradezu „verhimmelt“, wie die Chronisten berichten. Und als er zusammen mit Alois Lahn nach der Ermordung begraben werden sollte, wurde ein Beerdigungszug verboten, weil man Ausschreitungen befürchtete; die Angst der Besatzer war so groß, dass man um den Friedhof Maschinengewehre platzierte.
Die „roten sechs Monate“ sind ein bedeutsames Kapitel der Kolbermoorer Stadtgeschichte und der Geschichte der Kolbermoorer Arbeiterbewegung.
Andreas Salomon
Rosenheim