Buchautorin und Rechtsextremismus-Expertin Birgit Mair widmet sich seit Jahren der Aufarbeitung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie ist Mitbegründerin des Nürnberger Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung e.V. (ISFBB), Co-Autorin der internationalen Studie zu NS-Zwangsarbeit „Hitlers Sklaven“ („Hitlers Slaves“). Zeitzeugengesprächen, etwa mit KZ-Überlebenden oder Angehörigen der NSU-Opfer, gehören ebenfalls zu ihrem Betätigungsfeld. 2013 konzipierte sie die Wanderausstellung „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“, die bisher mehr als 160 Mal bundesweit gezeigt wurde.
Frau Mair, Ihr Betätigungsfeld reicht von biografischen Ausstellungen über Holocaust-Opfer bis hin zu Aufklärungsvorträgen zum Thema Neonazismus. Was treibt Sie in Ihrer Arbeit an?
Mein Ziel ist die Verhinderung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie sie von vielen unserer Vorfahren im Dritten Reich betrieben oder geduldet wurden.
Im Zusammenhang mit dem NSU-Prozess bedauern Sie, dass sich die mediale Aufmerksamkeit zu sehr auf Beate Zschäpe konzentriert habe. Der innere Impuls für Sie, die Wanderausstellung zu konzipieren?
Ich wollte die Opfer des NSU in einem menschlicheren Licht darstellen, als dies über einen Zeitraum von elf Jahren durch polizeiliche Ermittler und viele Medien gemacht wurde. Alle fünf bayerischen NSU-Opfer beispielsweise waren verheiratet, hatten Kinder und ein großes soziales Umfeld, aus dem sie herausgerissen wurden. Man hat sie kriminalisiert und stigmatisiert. Das hat die Familien schwer belastet. Hier müssen wir als Gesellschaft etwas wieder gutmachen.
Welcher Moment hat Sie in dem fünf Jahre dauernden Prozess am meisten bewegt?
Als ich am 11. Juli 2018 auf einer Demonstration vor dem Oberlandesgericht München gesehen habe, wie verzweifelt und schockiert Angehörige der Ermordeten über das niedrige Strafmaß für NSU-Helfer wie André E. waren, der noch am Tag der Urteilsverkündung aus der U-Haft entlassen wurde. Es waren aber auch die Tränen, die ich in den Augen vieler Ausstellungsbesucherinnen und -besucher gesehen habe, wenn Sie sich die Biografien der Ermordeten durchgelesen haben und ihnen in die Augen geblickt haben.
Gerade hinsichtlich der Wortwahl schleichen sich immer mehr „rechte Parolen“ ein. Wie lassen sie sich erkennen, wie lässt sich damit umgehen?
Flankiert durch die Erfolge der AfD trauen sich wieder mehr Menschen insbesondere gegen Geflüchtete und Muslime zu hetzen. Wie es im NSU-Bekennervideo heißt, sollen aus Worten Taten werden. Und tatsächlich schreckt ein Teil der Menschenfeinde auch vor Gewalttaten nicht zurück. Wie damit umgehen? Wir müssen uns mit den Betroffenen rechter Hetze und Gewalt solidarisieren, gegen AfD, Pegida und Co auf die Straße gehen und auch in unserem persönlichen Umfeld den Mund aufmachen, wenn jemand in den Migrantinnen und Migranten das Hauptproblem allen Übels auf dieser Welt zu erkennen glaubt. Sei es im Supermarkt, im Klassenzimmer, bei der Familienfeier oder bei Demonstrationen auf der Straße. Wir müssen die Lufthoheit über den sozialen Raum, in dem wir uns bewegen, wieder erlangen.
Sie weisen sie im Zusammenhang mit ihrer Ausstellung auf einen Einlassvorbehalt gegen Neonazis hin, der rechtliche Möglichkeiten aufzeigt, diese von der Veranstaltung auszuschließen. Wie gehen Sie selbst mit der Bedrohung durch Rechtsextreme um?
Gegen mich gab es in der Vergangenheit kleinere und größere Bedrohungen. Sie reichten in den letzten drei Jahren von Morddrohungen über sexistische Diffamierungen im Internet, einer Anzeige eines AfD-Funktionärs gegen mich bis hin zu eher subversiv angelegten Nötigungsversuchen unlängst in der Nähe meines Büros. Ich gehe damit unterschiedlich um. Die Spannweite reicht vom Verfassen von Gedächtnisprotokollen über Anzeigen bei der Polizei bis hin zum Öffentlich- machen. Niemals behalte ich solche Dinge für mich. Ganz wichtig ist, dass ich aus meinem sozialen Umfeld viel Solidarität erfahre.