Pures Staunen über Werkstatt-Blues

von Redaktion

Wann ist ein Konzert so richtig gut? Wenn man selbst auf dem Nachhauseweg den Groove und die Texte nicht aus dem Kopf bringt. Insofern war die Rockwerkstatt im Jugendtreff in Kolbermoor der „absolute Bringer“.

Kolbermoor –Noch geraume Zeit nachher ertappte man sich immer noch beim innerlichen Mitsingen: „Das ist der Werkstatt-Blues, der haut di aus die shoes“. Das ist umso erstaunlicher als dieser Werkstatt-Blues erst im Lauf des Aufführungstages entstanden ist, samt Text und Arrangement.

Was selbst bei Profis eine Leistung wäre, ist hier Anlass für pures Staunen: Die Musiker im Alter von neun bis 15 Jahren kannten sich erst seit drei Tagen und die meisten von ihnen waren noch nie auf einer Bühne gestanden, hatten, wenn überhaupt, ein Instrument grad mal für den häuslichen Musikunterricht in den Fingern gehabt.

Immer wieder

ein Abenteuer

Dass so etwas prinzipiell funktioniert, wissen Christian Spatzier vom Jugendtreff und Günther Obermeier von der Musikschule zwar, denn sie organisieren diese Musikwerkstatt, die von der VHS mitgetragen und vom Bildungsministerium gefördert wird, nun schon zum vierten Mal. Dennoch ist es für sie wie auch für die beteiligten fünf Musiklehrer immer aufs Neue ein Abenteuer, denn die Kinder und Jugendlichen bringen natürlich jedes Mal ganz andere musikalische Voraussetzungen mit. Wahrscheinlich liegt das Geheimnis des Erfolges einfach in der Lockerheit, mit der man die Sache angeht. Natürlich ist das gemeinsame Konzert am letzten Abend das große Ziel, auf das man hinarbeitet, aber man tut es eben nicht verbissen: Hauptzweck der Veranstaltung ist, dass die Kinder während der Herbstferien drei abenteuerreiche Tage erleben. Und deshalb ist auch am Aufführungstag immer noch Zeit für ein Billiard- oder Tischfußballspiel zwischendurch: Bei gut zwanzig Teilnehmern können nicht immer alle gleichzeitig auf der Bühne sein, sie wechseln sich von Lied zu Lied ab. Dafür aber spielen bei allen Stücken auch Musiklehrer mit, weshalb die Last, dem Ganzen Form und Richtung zu geben, nicht allein den Nachwuchsmusikern überlassen bleibt: Wenn statt einem vier Keyboards mitspielen, muss nicht an jedem die komplette Melodie ausgeführt werden.

Erwartet wird auch nicht, dass jede und jeder der Teilnehmer sich im Anschluss voller Begeisterung auf ein Instrument und den Musikunterricht stürzt. Wenn man partout einen pädagogisch-wertvollen Hintergrund suchen will, so liegt der, wie Christian Spatzier sagt, darin, dass die Kinder hier ihre Selbstwirksamkeit erfahren.

Und er meint damit, dass sie ganz unmittelbar durch das Publikum und seinen Applaus erleben, dass sie als Person auf andere wirken, durch ihr Tun bei anderen Emotionen und Gefühle auslösen können, die durchweg positiv sind. Toll, sagt Spatzier finden das alle, manche erleben so was in dieser Intensität überhaupt zum ersten Mal, aber nicht alle finden dann in der Musik auch das Vehikel zur weiteren Selbstverwirklichung.

Für manche ist der ganze Aufwand mit dem Üben dann einfach doch zu viel, sie haken zwar die Musik ab, aber von der Erfahrung an sich bleibt auf jeden Fall etwas hängen.

Andere hingegen werden durch das Erlebnis buchstäblich „angefixt“ und sind von da an gefangen. „Wenn man einmal auf der Bühne gestanden ist“, sagen Eliana und Larissa, elf und dreizehn Jahre alt fast unisono „will man nicht mehr runter“.

Dabei stand ihnen zu diesem Zeitpunkt das Erlebnis der eigentlichen Aufführung mit dem großen Applaus noch bevor. Die zwei hatten zwar bislang schon Instrumente gelernt, beim Workshop aber den Gesang als ihr ureigenes Ausdrucksmittel entdeckt. Was nicht zuletzt auch an Paulina Matz liegt, die in diesem Jahr erstmals die „vocals“ als eigenes Instrument betreute. An ihr, an der vor allem die jungen Mädchen wie die Kletten hingen, konnte man besonders gut sehen, was den Erfolg der Veranstaltung ausmacht: der direkten Draht, den Christian Spatzier und alle Lehrer der Musikschule zu den Kindern und Jugendlichen haben.

Doch zurück zu Eliana und Larissa: Die beiden waren es auch, die letztendlich dafür sorgten, dass ins Programm zusätzlich zu den vier Songs, die man über die drei Tage hinweg einstudiert hatte, kurzfristig auch noch der Werkstatt-Blues mit aufgenommen wurde. Eigentlich war das nur ein spontaner, nicht wirklich ernst gemeinten Vorschlag von Christian Spatzier gewesen, doch die beiden Mädchen ließen nicht locker und machten sich mit ihm am Mittwochmittag, sechs Stunden vor der Aufführung, an das Schreiben des Textes, der die drei Tage noch einmal Revue passieren lassen sollte.

Für die Proben selbst hatten die beteiligten drei Erwachsenen und fünf Jugendlichen dann gerade mal zwei Durchläufe. Aber was man im Blut hat, hat man eben im Blut: „Der Blues ist freier“, sagte Eliana, schon ganz Profi, „da kann man spontan zeigen, was man drauf hat, die anderen Lieder, die wir spielen, haben da mehr Struktur. Die führt einen, aber man muss sie üben“.

Und dass sie allesamt was draufhatten, zeigte dann der Auftritt der Werkstatt-Teilnehmer, vorneweg und hinterher noch zwei Gruppen der Musikschule, die schon länger zusammen und deshalb eigentlich auf einem ganz anderen Niveau spielen. Das absolut Verblüffende aber war, dass für den Zuhörer die „Newcomer“ mit den „Profis“ sehr wohl mithalten konnten, auch ihr Auftritt fetzte und hatte absolut nichts von dem unbeholfenen Gefiedel, das man mit musizierenden Kindern gerne in Verbindung bringt. Der absolute Höhepunkt war aber dann doch der Werkstatt-Blues.

Warum, das kann man entweder mit den Worten von Eliana und Larissa formulieren und sagen „das war einfach nur noch geil“ oder aber man summt eben auch auf dem Nachhauseweg noch vor sich hin „das ist der Werkstatt-Blues, der haut di aus de shoes“.

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