Kolbermoor – „Ich wollte den 9. November in Erinnerung an die Reichspogromnacht mit den Schülern bewusst anders begehen.“ Geschichtslehrer Georg Lechner vom Gymnasium Bad Aibling steht betroffen vor einer Schautafel, die die Stationen der NSU-Morde in ganz Deutschland verdeutlicht.
Das sei wohl alles geplant gewesen, sagt Schüler Adrian Mohr nachdenklich. Und der 14-jährige Patrick Fuhrmann findet das Ganze „schrecklich“. Alle Opfer seien mit Kopfschüssen hingerichtet worden. Die Mörder müssen professionell vorgegangen sei, ist er sich sicher. Man stelle sich nur vor eine solche Leiche zu finden, so der junge Mann und dreht sich erschüttert ab. Keine leichte Kost, die die Schüler bei den beiden Sonderschauen über die NSU-Morde und die Räterepublik in Kolbermoor gestern zu verdauen hatten.
Blutzeugen einer Vergangenheit, die heute die jungen Menschen wieder sehr bewegt, unterstreicht der Geschichtslehrer, „vor allem wegen der Afd“. Erneut seien rechte Parolen sehr präsent im Alltag und erneut gelte es, wachsam zu sein, hieß es beim Rundgang.
Wie berichtet, wird bei der noch bis 16. November im Rathaus laufenden NSU-Ausstellung der Themenkomplex eingehend dargestellt. Besonders bewegend sind die 24 großformatigen Tafeln, die die Biografien der Opfer zeigen und sich mit den Bombenanschlägen in Nürnberg und Köln sowie den Banküberfällen beschäftigen, bei denen unschuldige Menschen teilweise lebensbedrohlich verletzt wurden.
Kurator Christian Poitsch vom Kolbermoorer Stadtmarketing ging unter den Blicken der Revolutionäre auf die bewegten 178 Tage der Räterepublik in Kolbermoor ein. Schon allein die Anordung der Kabinett-Ausstellung „Die Rätezeit 1918/1919 und Kolbermoor“ am Eingang des Sitzungssaals ist symbolisch zu werten. Unter den Blicken der führenden Persönlichkeiten, wie Kurt Eisner, Alois Lahn und Kurt Schuhmann breitet sich die Dramatik dieser Tage aus. „Ein Dichter ist kein Phantast, sondern ein Dichter ist ein Seher der Zukunft“, so beschrieb der erste bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner, der bei der Abgabe seines Rücktrittsgesuchs auf dem Weg zum Landtag mitten in München erschossen wurde, die Arbeit eines Dichters. Als „Seher der Zukunft“ erwies sich in gewisser Hinsicht auch Georg Schuhmann.
Als Volksratsvorsitzender und späterer fünfter Bürgermeister setzte er in Kolbermoor vieles zum Nutzen der vom Ersten Weltkrieg schwer gezeichneten Bevölkerung um. Am 3. Mai 1919 entschloss er sich, Kolbermoor kampflos zu übergeben. Nur einen Tag später werden er und sein Sekretär nach brutaler Misshandlung an der Tonwerksunterführung von Weißgardisten erschossen. Mit einem Denkmal erinnert die Stadt am Originalschauplatz an diese Vorkommnisse – über die Jahre hinweg sei dieses immer wieder übersprüht oder kaputt gemacht worden, führt Poitsch nachdenklich aus. Zusammen mit den Schülern erarbeitet er die Errungenschaften der Revolution in Bayern: etwa das Frauenwahlrecht oder der Acht-Stunden-Tag. Aus dem Kreis der Schüler beeindruckt die Frage, ob es in Zeiten der Räterepublik schon einen Verfassungsschutz gegeben habe. Gerade diese Thematik lade förmlich zum Vertiefen ein, so Poitsch im Gespräch mit unserer Zeitung. Wann entstand die Verfassung, warum ist sie schützenswert – Fragen, die aus dem Munde eines 14-Jährigen nicht selbstverständlich seien und auch zeigten, dass die Schüler sehr gut vorbereitet in die Ausstellungen gegangen seien. Eindringliche Schlussworte zum für Deutschland und Bayern so schicksalhaften 9. November hatte Geschichtslehrer Georg Lechner parat: „Nicht irgendwer wurde ermordet. Ermordet wurden immer Menschen!“