Ein massiver Teil der Stadtgeschichte

von Redaktion

Als einen entscheidenden Beitrag zur Erinnerungskultur wertete Bürgermeister Peter Kloo gestern Nachmittag die neue Gedenktafel an der Tonwerksunterführung. Vor allem für Heimatforscher Andreas Salomon war die Enthüllung des eisernen Denkmals ein bewegender Moment: Damit mache die Stadt deutlich, dass die Räterepublik jetzt Teil der Stadtgeschichte sei, betonte er.

Kolbermoor – Genau an diesem Tag vor 100 Jahren berief die SPD im Mareissaal eine Volksversammlung ein, auf der der erste Kolbermoorer Volksrat gewählt wurde. Damit war der Beginn einer sechsmonatigen Phase demokratischer Mit- und schließlich Selbstbestimmung gesetzt, die am 3. Mai 1919 mit der Übergabe an die Stadt offiziell endete, wie Salomon weiter ausführte. Nur einen Tag später, am 4. Mai, stürmten Grafinger Weißgardisten die Wohnungen des Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seines Sekretärs Alois Lahn, misshandelten beide schwer, schleiften sie zur Tonwerksunterführung und ermordeten sie dort.

Überaus schwer taten sich nachfolgende Generation mit der Erinnerung an dieses Ereignis: Zum allerersten Mal wurde 1989 von Klaus Weber und einigen Freunden eine Gedenktafel errichtet – „aus Plastik, nicht wetterfest“, so Salomon. Vor 20 Jahren präsentierte der Heimatforscher anlässlich des 80. Todestags von Georg Schuhmann und Alois Lahn dann selbst seine Forschungen. Mit Unterstützung durch den Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft wurde eine relativ schlichte Gedenktafel bei der Tonwerksunterführung aufgestellt und ein Gedenkschild am Wohnhaus von Georg Schuhmann angebracht.

Die Gedenktafel sollte aber nicht lange bestehen: Bereits am 11. Januar wurde die Kunststofftafel mit blauer Farbe komplett zugesprüht und konnte nicht mehr repariert werden. Und auch die nächste Tafel, „wesentlich massiver“, so Salomon, wurde wieder beschädigt. Die Aufschrift „Noske, do it again“ und große Hakenkreuze hätten eindringlich gezeigt, aus welcher Ecke die Angriffe kamen.

Gustav Noske war Reichswehrminister 1918/1919 und verantwortlich für die blutige Niederschlagung der Revolution in ganz Deutschland. Von ihm stammt der Satz „Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht.“ Mit schwerem Gerät wurde die Marmorplatte endgültig zertört. Salomon: „Fast 20 Jahre hatte ich die Gedenkstätte gepflegt und immer wieder Blumen angepflanzt – jetzt bot sich dem Betrachter ein jämmerlicher Anblick.“

Nicht hoch genug könne demnach der Antrag der Dritten Bürgermeisterin Dagmar Levin eingeschätzt werden, die die neue Tafel im Namen der SPD-Fraktion beantragte und dafür die Zustimmung des Kolbermoorer Stadtrats erhielt. Gedenktafel und die Stelle, wo sie errichtet ist, seien nun offizielle Standorte der Stadt. Kolbermoor erinnere somit an die feige Bluttat. Salomon weiter: „Das zeigt letztendlich, dass die Geschichte der Kolbermoorer Räterepublik nun offiziell als ein Teil der Kolbermoorer Stadtgeschichte angenommen wird.“

Auch Bürgermeister Peter Kloo verwies auf die dramatischen Stationen dieser bewegten Tage in Bayern. „Und auch, wenn der bayerische Ministerpräsident Markus Söder glaubt, er müsste sich noch heute bei den Wittelsbachern dafür entschuldigen, dass Bayern durch die Revolution die Monarchie abhanden kam, so waren es doch Kurt Eisner und Gustav Landauer, die den Grundstein für eine soziale Entwicklung des Freistaats gelegt haben.“ Und auch in Kolbermoor seien es Männer wie Franz Sperber und Georg Schuhmann gewesen, die sich dafür einsetzten, die Not der Arbeiterschaft zu mindern und eine sozialere, gerechtere Gesellschaft zu entwickeln.

„Dieses Denkmal wird uns alle überdauern“, sagte Kunstschmied Sepp Still, dessen Vater schon das Vorgängerdenkmal gestaltet hatte. Viele Einzelgespräche hätten letztlich die Grundlage für die optische Umsetzung geliefert. Die massive Eisenplatte symbolisiere die Arbeiterschaft.

Der Farbton – im übrigen unterliege er einer steten Veränderung – sei warm und traurig zugleich und verdeutliche so eindringlich den Zwiespalt der revolutionären Tage in der Mangfallstadt.

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