Im Blick der Revolutionäre

von Redaktion

Interview Christian Poitsch zur derzeitigen Ausstellung „Rätezeit 1918/1919“

Kolbermoor – Seit Ende September läuft in Kolbermoor die Ausstellung über die Rätezeit 1918/1919 unter dem Titel „Wir haben für unsere Überzeugung gekämpft“ im Kolbermoorer Rathaus – und sie stößt auf großen Zuspruch, so Stadtmarketingleiter Christian Poitsch im Gespräch mit unserer Zeitung.

Herr Poitsch,die Ausstellung „100 Jahre Räterepublik“ fordert und bewegt den Besucher. Wie erklären Sie sich die Faszination dieses doch für Kolbermoor auch sehr dramatischen Themas?

Seit Monaten wird die Thematik „100 Jahre Räterepublik“ medial, wie ich finde, historisch fundiert aufbereitet. Die Ausstellung der Stadt Kolbermoor ist Teil der Reihe „Heimat 1918“ im Museumsnetzwerk Rosenheim und beleuchtet die Rolle der „letzten roten Bastion“ in der Region, wobei wir unser Augenmerk sowohl auf Kolbermoor wie auch auf die Situation in Deutschland und Bayern lenken. Wir wollen das Schicksal der politischen Entscheidungsträger ohne „pädagogisches Fingerheben“ darstellen: Jeder Besucher soll sich selbst ein Bild machen – vielleicht spricht die Besucher gerade dieses „freie be-denken“ an.

Ziemlich düster gestalten sich diese revolutionären Tage, denn mit Ausnahme von Ernst Toller, der kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges Suizid beging, wurden alle in der Ausstellung abgebildeten Männer – neben Schuhmann und Lahn etwa Erich Mühsam, Gustav Landauer und Kurt Eisner, der gemeinsam mit seinem Mörder Anton Graf Arco auf Valley gezeigt ist – Opfer eines Gewaltverbrechens.

Ja, die Geschichte ist düster, werden doch der Volksratsvorsitzende Georg Schumann und sein Sekretär Alois Lahn an der Tonwerksunterführung in Kolbermoor brutal ermordet. „Wir haben für unsere Überzeugung gekämpft“, sagte Schuhmann kurz vor seinem gewaltsamen Tod. Diese große Hingabe für die gemeinsame Sache trifft wohl auf die meisten Beteiligten zu.

Sie führen selbst durch die Ausstellung, die auch von Schulklassen besucht wird. Wie gehen die jungen Leute mit diesem für Deutschland und Bayern so entscheidenden Thema um?

Mich freut besonders, dass sich viele der Schüler ins Thema eingelesen haben. Und es ist spürbar, dass ihr Interesse nicht einem schulischen Muss unterliegt. Es werden überwiegend sinnvolle Fragen zum Thema gestellt. Der Großteil der Schüler ist bewegt: vom Grauen des Ersten Weltkriegs, den Auswirkungen des Krieges auf die Bevölkerung daheim und die große Umsturzbereitschaft während der Revolutionstage. Der Wille zu einem stabilen Frieden ist förmlich greifbar.

Und die erwachsenen Besucher?

Sie zeigen sich fasziniert von der Durchsetzung der Politik mit Dichtern und Denkern. Dieses Ringen um eine friedliche Revolution in den Anfangstagen und der plötzliche Umsturz hin zu Gewalt hinterlässt viele Besucher fragend und klingt sicherlich auch noch zuhause nach. Überhaupt stimmt doch diese Verrohung der Gesellschaft, hervorgerufen durch die zermürbenden Erfahrungen auf den Schlachtfeldern, im Stellungskrieg an den Frontlinien, sehr, sehr nachdenklich. Schauen Sie nur auf Georg Schuhmann und Alois Lahn – mit welcher Brutalität sie von den Weißgardisten ermordet wurden – obwohl sie selbst durch ihr umsichtiges und mutiges Handeln ein großes Blutvergießen in Kolbermoor verhindert haben.

Rund um die Ausstellung gab es aber auch „Lustiges“. Ich sage nur Fensterputzer…

Oje, die Fensterputzer. Sie haben es sicherlich gut gemeint, doch mit ihrer Leiter haben sie die Bilderleisten mit den Konterfeis der bayerischen und Kolbermoorer Revolutionäre gehörig verrutscht. In den vergangenen Tagen mussten wir das Ganze sozusagen wieder ins Lot bringen. Wie gesagt, keine Absicht aber doch ärgerlich.

Eine Besonderheit der Ausstellung ist auch die Leseleiste mit Büchern aus jenen Revolutionstagen.

Sie wird ebenfalls gut wahrgenommen. Von einem Bürger wurde ich darauf hingewiesen, dass das Fachbuch von Andreas Salomon über die Revolution in Kolbermoor dort fehlt. Es ist so, dass die letzten Exemplare des Buchs bei uns im Rathaus käuflich erworben werden können, deshalb steht es nicht im Regal. Einige nehmen die Bücher mit nach Hause, lesen sie und bringen sie wieder zurück. das nenne ich eine echte interaktive Aktion.

Bei der Einweihung des neuen Denkmals für Georg Schuhmann und Alois Lahn an der Tonwerksunterführung rief Bürgermeister Peter Kloo dazu auf, unsere wertvolle Demokratie vor allem gegen rechte Kräfte zu verteidigen. Auch bei der Ausstellung über die Opfer des NSU im Rathaus wurde deutlich, dass dieser Aufruf unbedingt erforderlich ist.

Die öffentliche Diskussion im Rathaus im Rahmen der NSU-Ausstellungseröffnung wurde durch Wortbeiträge von Teilnehmern rechter Gesinnung erheblich gestört. Eine ehemalige KZ-Insassin, die sich eigentlich zu Wort melden wollte, sah daraufhin davon ab und hat den Saal unter Begleitschutz verlassen. Wer glaubt, Vergangenes ist vergangen, sieht sich heute mehr denn je getäuscht. Nichts ist vorbei. Das ist Erkenntnis und Auftrag für uns alle zugleich.

Ausstellung läuft bis Mai 2019

Die Ausstellung „Wir haben für unsere Überzeugung gekämpft“ läuft noch bis Mai 2019 im Kolbermoorer Rathaus. Termine über weitere Veranstaltungen im Rahmen von „Heimat 1918“ sind im Netz unter www.kolbermoor.de einzusehen.

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