Kolbermoor – Eigentlich findet Tina Knight das Autobahnschild „Kolbermoor“ an der A8 „schade“, denn jetzt sei ihre Wahlheimat kein Geheimtipp mehr. „Es war so abseits, so versteckt, das fand ich schön“, erzählt die gebürtige US-Amerikanerin. Seit Sommer 2012 ist die Mangfallstadt ihre Heimat – „ein wahrer Glücksfall“, sagt Knight, die ihr Alter nicht verraten will.
Sie kennt Kolbermoor aber schon viel länger. Knight und ihr Mann sind zwischen Oregon, einem Bundesstaat an der Westküste nördlich von Kalifornien, und Oberbayern hin und her getingelt. So hat sie beispielsweise in München studiert und lange aqls Ingenieurin beim Militär in Bad Aibling gearbeitet. Wieder zurück im Bundesstaat Oregon fing sie nochmal zur Universität – studierte Erwachsenen-Bildung und „Englisch als Fremdsprache“. Dort traf sie auf Studenten aus der ganzen Welt: Europa, China, Korea und Japan.
Wieder zurück Oberbayern, zog das Paar nach Kolbermoor, auch dort wollte sie unterrichten: Und so initiierte sie einen Englisch-Stammtisch. Vor sechs Jahren ging es los. Seither treffen sich Knight und ihre Kolbermoorer Schüler in der Stadtbücherei – „hier ist es so kuschelig, einfach toll“. Zwischen zwölf und 24 kommen zum Stammtisch, der alle zwei Wochen am Donnerstag stattfindet. Es dreht sich um Politik, Ehrenamt, Witze, Martin Luther King-Tag, Weihnachten und um Rezepte. Denn Knight backt und kocht gerne. Am liebsten kocht sie mediterran, indisch, aber auch bayerisch. Schweinebraten? „Ja, das kann ich. Aber nicht ganz so gut“, sagt sie und lacht. Und einmal im Jahr gibt es Haxe – „aber die bestelle ich im Lokal, das muss sein“.
Kolbermoor ist
eine Stadt mit Herz
Und was vermisst sie an ihrer Heimat? „Manchmal fehlt mir das Meer, die Brandung.“ Da komme auch der Chiemsee nicht mit. Berge und Wälder fehlen ihr nicht – „die habe ich hier ja auch“. Aber ihr würde viel fehlen, wenn sie in Oregon wäre: die regionalen Lebensmittel, die kleinen Familienbetriebe, Ölmühlen, die kleinen familiengeführten Geschäfte – „das würde ich unendlich vermissen“. Sie war seit zwei Jahren nicht mehr in den Vereinigten Staaten. Und so lange Donald Trump Präsident ist, fährt sie auch nicht mehr hin – „mein Mann und ich sind quasi politische Flüchtlinge“, sagt sie und lacht. Nein, das sei nicht mehr ihr Amerika. Vielmehr liebt sie Kolbermoor und die Menschen. „Hier hat sich viel verändert“, erzählt sie. Die Menschen seien viel offener geworden – nicht mehr so traditionell. Und das mache es neuen Mitbürgern leichter. „Kolbermoor ist eine Stadt mit Herz. Und das sage ich nicht, um zu schmeicheln.“ Knight bewundert die Kolbermoorer Geschichte: Arbeitersiedlung, Spinnerei – „und anstatt alles herunterzureißen, wird alles schön aufgebaut, es finden sich neue Anziehungspunkte“. Ohnehin: Aus Kolbermoor will sie gar nicht mehr weg: „Die Vereine, der Mareissaal mit Kabarett und Rockkonzerten. Klasse.“ Und sie hat jetzt sogar ein Café gefunden in dem es Cookies gibt, die so schmecken wie in Amerika: „Mmmh, mit Haferflocken und Rosinen sowie mit Schokolade“ – oder bei Knight zuhause, wenn sie backt. Wenn Knight nicht backt, geht sie dreimal die Woche zum Schwimmen. Obendrein reisen sie und ihr Mann gerne. Gerade ist Frankreich ganz oben auf der Urlaubs-Liste. Deshalb lernt Knight jetzt auch französisch. „Immer, wenn ich abends im Bett liege, zähle ich auf französisch bis 100“, erzählt sie. Und wenn sie und ihr Mann das nächste Mal mit dem Auto nach Frankreich fahren, kann sie auch bei Dunkelheit sicher sein: Das weiß-blaue Autobahnschilde „Kolbermoor“ heißt Tina Knight willkommen.