„Das bringt uns einfach um“

von Redaktion

Interview mit Ralf Exler, Vorsitzender der Bürgerinitiative „Nordzulauf Kolbermoor“

Kolbermoor – Vor etwa einem halben Jahr hat der Kolbermoorer Ralf Exler (57) die Bürgerinitiative „Nordzulauf Kolbermoor“ gegründet. Mittlerweile sind etwa 900 Mitglieder an Exlers Seite. Was die Initiative plant, wovor die Kolbermoorer Angst haben und was sich der Vorsitzende Exler vom Kolbermoorer Stadtrat wünscht, erzählt der Vorsitzende im Interview mit dem Mangfall-Boten.

Herr Exler, die Kolbermoorer Bürgerinitiative ist noch jung, hat aber schon 900 Mitglieder.

Ja, nach etwa einem halben Jahr sind wir 900, teilweise sind ganze Vereine eingetreten. Mein Ziel ist es bis Ende des Jahres bis zu 2000 Mitglieder zu gewinnen.

Was war Ihre Motivation?

Ich wollte, dass auch Kolbermoor seine Meinung zum Brenner Nordzulauf kundtut und nicht in der stillen Opferrolle verharrt. Es gab keine Bürgerinitiative in Kolbermoor und ich wollte, dass wir vertreten sind, wir brauchen den Raumwiderstand „Bürger“. Ich konnte unseren Bürgermeister für die Sache gewinnen, er unterstützt unsere Idee und ist Schirmherr der Bürgerinitiative.

Sie haben also den Nerv der Kolbermoorer getroffen.

Ich denke schon. Bei der Eröffnungsveranstaltung im September war der Mareissaal voll – da habe ich gemerkt, wie akut das Thema auch in Kolbermoor ist. Viele haben daraufhin ihre Nachbarn angesprochen, nach mehr Mitglieder-Listen gefragt und haben sie mit bis zu 40 neuen Mitgliedern zurückgegeben.

Die Kolbermoorer haben auch beim Sternenmarsch im Februar zum Landratsamt Rosenheim teilgenommen.

Der Westzug den wir gemeinsam mit der Initiative von Pang organisiert haben, war die größte Kolonne. Mit dabei waren viele Traktoren, die unseren Marsch angeführt haben. Entlang der ganzen Äußeren Münchener Straße sind zahlreiche weitere Demonstranten dazugestoßen.

Wovor haben die Kolbermoorer am meisten Angst?

Viele Landwirte bangen um ihre Existenz. Wir Kolbermoorer liegen ja mittendrin – zwischen Westtangente und einer der möglichen Trassen. Man muss sich vorstellen, wenn diese Trasse kommen sollte, wird ganz Schlarbhofen in Mitleidenschaft gezogen. Arbeiter, Tonnen von Material – alles muss zur Baustelle gebracht werden. Dafür gibt es nicht einmal Straßen. Während der Bauphase bringt uns das einfach um.

Derzeit finden Probebohrungen auf Kolbermoorer Gebiet statt. Was halten Sie davon?

Sie sollen bohren, nur würden wir gerne an den Ergebnissen partizipieren. Ein Mitglied hat vorgeschlagen, Demonstrationen zu organisieren und Plakate aufzuhängen. Hier gibt es kein falsch oder richtig.

Wie soll es nach Ihrer Meinung jetzt weitergehen?

Alle Bürgerinitiativen aus dem Inntal und im Rosenheimer Landkreis müssen sich auf eine gemeinsame Position einigen. Dies sollte weiterhin die Forderung des Planungsstopps nach dem geltenden Bundesverkehrswegeplan sein, da dessen Vorgaben veraltet sind und ihnen keinerlei Verkehrskonzept für das Inntal zugrunde liegt. Erst wenn ein Verkehrskonzept für unsere Region existiert, kann mit einer sinnvollen Planung begonnen werden. Keine Bürgerinitiative wehrt sich dagegen, dass die Güter auf die Schiene müssen.

Was ist das Ziel der Bürgerinitiative in Kolbermoor?

Wir müssen die Bürger stets über den aktuellen Stand auf dem Laufenden halten. Nur gut informiert können die Bürger mitgestalten. Dazu veranstalten wir regelmäßig offene Sprechstunde zu den alle interessierte Kolbermoorer Bürger herzlich eingeladen sind. Der nächste findet übrigens am 4. April statt. Wir wollen natürlich weiterhin mehr neue Mitglieder gewinnen. Zusammen mit anderen Initiativen soll für die gemeinsamen Ziele gekämpft werden. Über dahingehende Aktionen kann ich aber noch nicht sprechen.

Sind Sie mit dem Stadtrat zufrieden?

Die Resolution zum Planungsstopp kam leider etwas spät aber nun wurde ja Flagge gezeigt. Außerdem glaube ich, dass manche Parteien es sich mit der Forderung „Güter auf die Schiene“ zu einfach machen, die Situation hier ist viel komplexer. Deshalb wünsche ich mir, dass wir ein Parteien-Briefing machen und darin unsere Argumente und unsere Sichtweise vortragen können.

Interview: Ines Weinzierl

Der Nordzulauf: Hintergründe und Ziele

• Als Teil des transeuropäischen Kernnetzes ist der Nordzulauf nach Angaben des DB-Planungsbüros von größter strategischer Bedeutung für den Verkehr in Europa. Der Bau eines dritten und vierten Gleises am Brenner-Nordzulauf sichere die erforderlichen Schienenkapazitäten für die Zukunft. „Nur so ist eine Verlagerung der Güter auf die Schiene möglich“, meinte Bernd Reiter (DB-Planungsbüro). Der Auftrag des Bundes sei deshalb klar definiert: zwei zusätzliche Neubaugleise, 230 km/h an Streckengeschwindigkeit sowie 400 Züge auf Neubau- und Bestandsstrecke ab dem Querschnitt Kufstein.

• Gründe für den Ausbau laut DB-Planern: 2,3 Millionen Lkw-Fahrten rollen jedes Jahr über die Brennerautobahn, 51 Millionen Tonnen Güter waren es alleine im Jahr 2017, rund 8150 Lkw (über 3,5 Tonnen) „täglich“. Anschaulich auf einem Tableau sah man auch die veränderte Güterverkehrsteilung Bahn/Straße in den vergangenen Jahrzehnten: 1970 noch 55 Prozent Bahn und 45 Prozent Straße, 1990: 30 Prozent Bahn und 2015 „nur“ 29 Prozent Bahn und 71 Prozent Straße.

• Welche Trasse die verträglichste ist, wisse man heute noch nicht. Gesucht werde jedenfalls nach einer durchgängigen Linie von Schaftenau (südlich von Kufstein) bis Tuntenhausen. Dabei gibt es einen gemeinsamen Planungsraum von Schaftenau bis kurz vor Rosenheim und einen erweiterten Planungsraum rund um Rosenheim, der auch das Gebiet um Bad Aibling und Bad Feilnbach umfasst.

• Aktuell laufen Erkundungsbohrungen - auch seit einigen Wochen in Kolbermoor. Denn rund um Rosenheim fehlt es stellenweise noch an ausreichenden Kenntnissen des Untergrunds für die Planung einer neuen Schienentrasse. Die 18 nun gewählten Bohrpunkte und 26 Sondierungsmaßnahmen besitzen allerdings keinerlei Aussagekraft bezüglich eines späteren Trassenverlaufs, so die Deutsche Bahn. Bis zu vier Bohrgeräte gleichzeitig werden zum Einsatz kommen. Sie werden jeweils mehrere Wochen an einem Ort sein. Bei der aktuellen Bohrung in Kolbermoor dringen nach Angaben der Geologen bis zu 60 Meter tief in das Erdreich vor. Das Erkundungsprogramm wurde so konzipiert, dass möglichst wenige Bohrungen auf privatem Grund erfolgen. Die angewandte Bohrtechnik vermeidet Erschütterungen. Ergänzend führt die Bahn – so die Informationen – auch wieder geoseismische und geoelektrische Messungen durch.

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