Kolbermoor – Und dann denkt sich der Hund: „Die Leine ist kurz gehalten, aber locker, mein Mensch ist entspannt, Leckerli gibt’s auch noch – bärenstarker Tag heute.“ Den Einblick in die Hundepsyche, den Michael Fischer, Vorstand des Schäferhundevereines Kolbermoor, gibt, nehmen ihm seine Zuhörer sofort ab. Denn er hat die rund vierzig Teilnehmer des „Hunde-Erziehungskurses“, der jetzt gestartet ist, mehrmals verblüfft: Während die Hunde mit Frauchen und Herrchen umspringen wie ein pubertierender Teenager mit seinen Eltern – ganz nach dem Motto: „Du? Du hast mir gar nichts zu sagen!“ –, scheinen die Vierbeiner den Hundeexperten anzuhimmeln und aufs Wort zu folgen.
Aber warum sind die Teilnehmer gekommen? Sie wollen besser verstehen wie ihr Hund tickt und dass er besser folgt. Das Gassigehen soll einfach entspannter werden. Dabei haben Michael Fischer und Christian Hecker, Erster und Zweiter Vorstand, die Erwartungen gleich ein wenig gedämpft: „Dass Ihr Hund in den zehn Stunden, die wir haben, zum perfekten Begleithund wird, dürfen Sie nicht erwarten. Aber wir können Ihnen zeigen, auf welchem Weg Sie da hinkommen.“ Und da scheint etwas dran zu sein, denn wie zum Beispiel Michaela Mockross mit ihrem kleinen Mischling Aika feststellt, sind die Tipps gut: „Sie sind sofort umzusetzen, und man sieht wirklich verblüffend schnell ein Ergebnis.“
Der Hund lernt über die Belohnung: „Das muss aber schnell gehen“, erklärt Michael Fischer, „wenn Ihr erst ewig in der Tasche nach den Leckerlis kramt, habt Ihr schon verspielt“. Der Hund verknüpft das dann nicht mehr mit dem eben gezeigten Verhalten, sondern freut sich nur übers spendable Herrchen.
Der schnelle Draht muss auch gegeben sein, wenn er etwas falsch macht: „Kein Geschirr, ein Halsband und eine ganz kurze Leine.“ Fischer zeigt auch, wie so etwas in der Praxis aussieht: Während er den Hund ganz kurz an der Leine hat, zeigt er ihm mit der anderen Hand das Leckerli und hält es ihm immer direkt vor die Schnauze. Da folgt Schäferhund Nils wie ein Lamm.
Sieht so leicht aus, dass man sich im ersten Moment fragt, warum es nicht alle Hundebesitzer so machen. Das aber wird sofort klar, wenn sich Fischer Franzi zuwendet und – weil Franzi ein Basset ist – das ganze Spiel gebückt absolvieren muss. Das geht ins Kreuz und in die Knie. „Hilft aber nix“, meint Fischer, „es nützt gar nichts, wenn Sie einen halben Meter über dem Hund mit Ihrem Leckerli wedeln, da sieht er auf seiner Höhe Tausend Dinge, die interessanter sind“.
Zum Glück sind Hunde, wie Fischer immer wieder betont, nicht doof. Das merkt man daran, wie schnell sie ihn als einen erkannt haben, der näherer Bekanntschaft wert ist. Das liegt auch an den Leckerlis, die er anzubieten hat. „Für solche Übungsspaziergänge nehmt Ihr nicht die Packung aus dem Discounter. Da darf’s ein Stück von einem Wienerchen sein.“
Was aber, wenn der Hund abhaut? Marinus passiert genau das mit seiner kleinen Coco, und er läuft ihr sofort nach. „Lass es“, ruft Fischer. „Du erwischst sie nie. Knie dich hin und ruf‘ sie.“ Es dauert eine Weile bis Coco kommt, aber sie kommt. „Jetzt richtig loben“, sagt Fischer. Das ist nicht immer einfach, gibt er zu. „Der Hund haut einem ab, man schreit und schreit, aber kommen tut er nicht. Wenn er dann endlich wieder da ist, hilft nur eins: loben.“
Interessant: Obwohl die Hunde Fischer nicht kennen, scheint es, als ob sie aufmerksamer sind als bei Frauchen oder Herrchen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Fischer beim Gehen mit dem Hund permanent redet, ihn lobt, solang er die Nase an der Hand mit dem Leckerli hat, ein Wegschauen aber sofort mit einem energischen „Nein“ und einem Zupfen an der Leine quittiert. Hunde lieben klare Verhältnisse, sagt Fischer. Und sie wollen ein Team sein, dabei aber spüren, dass der Mensch sie und damit die Lage im Griff hat, das gibt ihnen Sicherheit.
Die Teilnehmer hatten schon nach den ersten beiden Stunden das Gefühl, dass sich bei ihrem Hund etwas bewegt hat. „Wahrscheinlich“, sagt Elisabeth Glaser zu Basset Franzi, „bist gar nicht du es, der lernen muss, vernünftig an der Leine zu gehen, ich bin es“.