Wo einst Spinnerei-Facharbeiter lebten

von Redaktion

Der nächste Abschnitt der Werkssiedlung an der Von-Bippen-Straße 10-11b wird jetzt entkernt. Im Sommer 2021 sollen die neuen Wohnungen fertig sein. Der Mangfall-Bote hat einen Blick hinter die alten Mauern geworfen.

Kolbermoor –Die Türen der Häuser mit den Nummern 11a und 11b stehen sperrangelweit offen. Bauarbeiter laufen rein und raus. An den denkmalgeschützten Gebäuden nagt der Zahn der Zeit: Das bemerkt auch der Laie spätestens, wenn man die wenigen Stufen zur Haustür emporgeht: Ein dicker Riss zeigt sich auf der letzten Stufe. „Es war höchste Eisenbahn mit der Sanierung zu beginnen“, sagt Jörg Reinheckel. Der Ingenieur der Stadt betreut die Arbeiten an den drei Häusern der Werkssiedlung an der Von-Bippen-Straße.

Entkernung

läuft seit April

Seit Anfang April wird hier entkernt: Rückbau nennt das der Fachmann. Alles, was nicht mehr brauchbar ist, kommt heraus. Außen- und Innenwände bleiben stehen. Und bei dieser Maßnahme kommen sogar einige Schätze zum Vorschein: So ist in der Hausnummer 10 im Flur ein hölzerner Bodenbelag, dieser sieht aus wie neu und das ist er auch. Darunter verstecken sich Fliesen, die zur Zeit der Entstehung eingesetzt wurde. Neben diesem Bodenschatz sollen auch die Geländer erhalten blieben erklärt Reinheckel. Um sie nicht zu beschädigen, sind sie verpackt – so auch die Treppen, die in die nächsten Stockwerke führen.

Das gelbe große Haus direkt an der Straße ist verschlossen. Hier befanden sich sechs Wohnungen – das besondere daran: jede hatte einen Balkon. Blickt man vom ersten Stock in den Garten, erkennt man sieben Baucontainer. Sie sind voller Holz, Bauschutt, Müll und Putz.

Bezugsfertig

bis 2021

Stichwort Rückbau. Unter den Wanddecken blitzt Stroh hervor. Stroh? „Bretter, Stroh, Putz“, erklärt Reinheckel. So wurde damals gebaut, als die Siedlung entstand. Ganz oben direkt unter dem Dach wird es unheimlich: Da knarzt und knackt es. Ob die Bretter halten? „Klar“, sagt Reinheckel. Sechs steinerne Löcher befinden sich im Fußboden des Dachbodens. „Das waren alles Kamine“, erklärt Reinheckel gegenüber unserer Zeitung ausführlich. 2020 wird dann gebaut, saniert, dann folgen die Außenanlagen. Ziel ist es, dass die neu hergerichteten Häuser der Spinnereisiedlung im Sommer 2021 bezugsfertig sind.

„Total modern“: Jede Wohnung hatte eine Toilette

Dieser Abschnitt der Spinnerei-Siedlung wurde 1907-1912 gebaut. Gelebt haben in den Häusern Textil-Facharbeiter, sagt Christian Poitsch vom Kultur- und Stadtmarketing. Also keine „einfachen Arbeiter“. Die Wohnungen waren nach neuestem Stand gebaut. Kurz: „Sie waren total modern.“ Das half, die Facharbeiter nach Kolbermoor zu locken, denn sie kamen aus dem Augsburger Raum und aus Franken. Die Wohnungen, die zwischen knapp 50 und 70 Quadratmeter groß waren, hatten alle jeweils eine Toilette und fließendes Wasser. Allerdings kam aus den Hähnen ausschließlich kaltes Wasser, so Poitsch. Bis zu sechs Personen – zwei Erwachsene und vier Kinder –lebten in den Wohnungen. Ausgestattet waren sie unter anderem mit einer Küche, Schlafzimmer und Kinderzimmer. Ein Kinderzimmer war schon Luxus, so Poitsch. Was auffällt, dass die Wohnungen alle extrem hell sind. Darüber hinaus verfügen die Wohnungen des Hauses an der von-Bippen-Straße 10 jeweils über eine Loggia. Eine Besonderheit in der ganzen Spinnerei-Siedlung. „Die Häuser gehören zur sogenannten Gartenstadt und jedes Haus sollte anders aussehen“, erklärt Poitsch. Das könne der Grund dafür sein, dass eines der Häuser mit Loggien ausgestattet wurde.

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