Kolbermoor –Anton Hamberger (84) kennt die Baumwollspinnerei aus dem Effeff. Der Kolbermoorer hat dort als 14-Jähriger als Hilfsarbeiter begonnen. „Damals habe ich 52 Stunden die Woche gearbeitet“, erinnert er sich – „oft bis tief in die Nacht“. Sein Lohn: 50 Pfennig. Ein Spinner habe damals eine Mark bekommen. Aber Hamberger wollte sich mit dem Job des Hilfsarbeiters nicht zufriedengeben. Er hat sich hochgearbeitet – bis zum Assistenten des Spinnereileiters, erzählt er heute. Zu Beginn der 50er- Jahre habe man viele Betriebsausflüge unternommen, nach Garmisch oder Oberammergau zum Beispiel. Bis zu 1000 Mitarbeiter der Baumwollspinnerei waren dann unterwegs.
An der Spitze mit dabei: Direktor Rudolf Hausenblas (1881 bis 1962). An ihn kann Hamberger sich noch genau erinnern: „Er war sehr explosiv und sehr energisch“, erinnert sich der Kolbermoorer heute. Und wie war es damals, wenn der Direktor ihm über den Weg gelaufen ist? „Dann ist man schnell weitergegangen“, so Hamberger. Kein Grüß Gott, kein Hallo. Daran war nicht zu denken. Im Dezember 1951 wurde Hausenblas zum Ehrenbürger der Stadt Kolbermoor ernannt.
Aufzeichnungen
im Archiv entdeckt
Nach der Schließung der Baumwollspinnerei 1993, die Hamberger miterlebte – „ich kenne wirklich jeden Winkel“, hat er einen Teil des Heimatmuseums mit Spinnerei-Gegenständen bestückt. Und obendrein Archive durchforstet, unter anderem das Bayerische Wirtschaftsarchiv in München. Dort stieß er auf Notizen des Direktors Hausenblas zu Kriegsende: Die Notizen starten am 29. April 1945 und enden am 30. Mai. Im Mangfall-Boten werden diese Notizen jetzt veröffentlicht. Überschrieben ist es mit „Bericht über die Vorgänge im Betriebe bei der Besetzung von Kolbermoor durch die USA-Truppen“. Hausenblas’ Aufzeichnungen beginnen am Sonntag, 29. April 1945:
„Die Spinnerei und verschiedene Nebenbetriebe haben noch bis Samstag, den 28. April 1945, einschliesslich gearbeitet. Am Sonntag, den 29. April, gehen wilde Gerüchte über die rasche Annäherung des Feindes, der schon im Miesbach stehen und den Flugplatz in Aibling besetzt haben soll. Diese Gerüchte bewahrheiten sich jedoch nicht. Von der Verwaltung in Aibling werden grössere Mengen von Fleischkonserven freigegeben, die wir abholen und an unsere Werksangehörigen in der Konsumanstalt gegen Bezahlung verteilen. Auch ein grosser Posten von Schuhen (Bergschuhe, Arbeitsschuhe, Kinderschuhe, etc.) wird uns von Aibling aus zugewiesen und im Betrieb verkauft.“