Kolbermoor – Im Bayerischen Wirtschaftsarchiv in München hat Anton Hamberger Notizen des Spinnerei-Direktors Rudolf Hausenblas zu Kriegsende entdeckt: Die Unterlagen starten am 29. April 1945 und enden am 30. Mai. Im Mangfall-Boten werden sie jetzt veröffentlicht. Überschrieben sind sie mit „Bericht über die Vorgänge im Betriebe bei der Besetzung von Kolbermoor durch die USA-Truppen“.
„Freitag, den 11. Mai. Es ist heiss und wolkenlos. Wir beginnen mit der Aufräumung des Garnmagazines, in dem über 100.00 kg Garne gegenwärtig lagern. Zahlreiche Garnkisten wurden bei der Plünderung erbrochen und beraubt. Der Schaden lässt sich noch nicht genau übersehen, wir schätzen, dass ca. 1000 kg Garne gestohlen wurden.
In Aibling werden morgen Wehrmachtspferde abgegeben, die bei der Auflösung stehengeblieben sind. Verwalter Emmer erhält den Auftrag, für uns einige Pferde zu besorgen, deren Bezahlung durch die Abgabe von Schlachtvieh erfolgen soll. Ich beabsichtige, morgen zur amerikanischen Kommandantur nach Rosenheim zu gehen, um dort etwas über die Wiederinbetriebsetzung unseres Werkes zu erfahren.“
„Samstag, den 12. Mai. Ich bin froh, nicht nach Rosenheim zum amerikanischen Kommando gegangen zu sein, da ich sonst den Besuch einer technischen Kommission versäumt hätte, die gegen 1/2 11 Uhr vormittags erschien.
Sie bestand aus einem Offizier, der mir später als General bezeichnet wurde, aus einem älteren Textilfachmann (anscheinend nicht Spinner) und einem Dolmetscher, der vermutlich früher in Süddeutschland ansässig war. Die Kommission wurde mir als eine ,Mission der Shaef‘ bezeichnet. ,Shaef‘ sei die höchste Instanz für die technischen Angelegenheiten und bedeute ,supreme head quarters allied expeditionary forces‘. Die Kommission wünschte eine eingehende Besichtigung unseres Werkes, wobei auch die Räume von BMW und Roeckl durchschritten wurden. Es wurde alles genau angesehen, auch die Kraftanlagen, Färberei, Bleicherei usw.
Anschliessend wurden mir im Büro eine ganze Anzahl von Fragen vorgelegt und mir erklärt, dass die genaue Beantwortung derselben in unserem eigenen Interesse liege. Die Antwort auf die gestellten Fragen legte ich in einer sofortigen Niederschrift fest, von der die Kommission 2 Ausfertigungen erhielt. Es wurde gesagt, dass ich eine weitere Ausfertigung an eine eventuell noch später erscheinende Mission übergeben solle unter Hinweis, dass der Bericht bereits an die Mission der ,Shaef‘ ausgehändigt worden sei. Die Kommission entfernte sich etwa um 14 Uhr.
Der Dolmetscher wollte von uns einen Personenkraftwagen haben und frug ausserdem nach einem Photografenapparat. Beides war nicht mehr vorhanden. Nach Abgabe des Berichtes stellte ich die Frage, ob mit der Möglichkeit einer Wiederinbetriebsetzung unseres Textilbetriebes gerechnet werden könne. Diese Frage wurde bejaht. Ich erklärte, dass die Wiederaufnahme des Betriebes nur erfolgen könne, wenn uns die nötigen Rohstoffe und Hilfsmaterialien wie Hülsen, Öl usw. zugeführt werden. Hierzu sei, so lange der Bahntransport nicht funktioniere, die Zuweisung eines Lastzuges nötig.
Ausser dem Bericht hatten wir auch das genaue Inventurverzeichnis der am 31. März 1945 vorhandenen fertigen Garne zu übergeben. Der Sitz der Kommission ist mir nicht bekannt, es bleibt daher abzuwarten, welchen Bescheid wir bekommen werden. Wegen der Firma Roeckl wurde an mich die Frage gerichtet, ob man in der Gasmaskenfabrik auch Zelte machen könne. Ich erklärte mich für die Beantwortung dieser Frage nicht für zuständig. Sie wurde später von Direktor Baumer und Dr. Zürcher beantwortet, da die Kommission auch die Gasmaskenfabrik besichtigte. Um 1/2 6 Uhr nachmittag mussten die beiden grossen Wohnhäuser in der Carl Jordan-Strasse für die Amerikaner geräumt werden. BMW lässt nun endlich einen Wachdienst durchführen. Es heisst, dass der Betrieb insofern Schaden erlitten habe, dass fast alle Präzisionswerkzeuge abhanden gekommen sind.“