Kolbermoor – Temperaturen um die drei Grad, ein Niederschlag, der nicht recht weiß, ob er noch als Regen oder doch schon als Schnee fallen soll: Keine Frage, an diesem Morgen herrschte in Kolbermoor nicht direkt das Wetter, das man sich für ein Motorradtreffen wünscht. Trotzdem waren gut 50 Biker auf den Platz vorm alten Rathaus gekommen, um an der vom Motorradclub Kolbermoor ausgerichteten Motorradweihe teilzunehmen.
Ein Zulauf, der auch Pfarrer Maurus Scheurenbrand überraschte. Der war tags zuvor noch mit einer Wallfahrtsgruppe in Bosnien unterwegs gewesen und hatte vom Bus aus Motorradclub-Chef Herbert Schmid angerufen, ob die Weihe auch stattfinden soll. Schmid bestätigte den Termin – und sollte recht behalten: Der harte Kern war vor Ort.
„Das Wetter ist
uns doch egal“
Wie zum Beispiel auf Stefan Ziegler. „Das Wetter? Egal!“, sagt der lachend. Allerdings ist er auch eher zu den Hartgesotteneren zu zählen, was die Einschätzung von Witterungsbedingungen angeht. Denn im Unterschied zu den meisten anderen melden er und seine Frau Birgit ihre Maschinen über den Winter nicht ab, sie sind Ganzjahres-Fahrer und lassen ihre Motorräder nur bei geschlossener Schneedecke stehen. Der Grund? „Ein halbes Jahr ohne Motorrad – das können wir uns nicht vorstellen“.
Anders bei Veronika Wagner. Ihre Maschine, eine Harley Davidson, ist noch ganz neu und ein Schmuckstück. So etwas, denkt man sich, wird normalerweise bei Schmuddelwetter allenfalls liebevoll in der Garage geputzt, aber sicher nicht nach draußen geschleift. Trotzdem war für die 25-Jährige, die die Motorradweihe von klein auf kennt, das Dabeisein keine Frage: „Früher fuhr ich bei meinem Vater auf dem Sozius mit. Heuer kann ich zum ersten Mal selber fahren, da war völlig klar, dass ich dabei sein muss“, verrät sie im Gespräch mit unserer Zeitung.
Keine Frage war für Veronika Wagner die Wahl der Motorradmarke: Die Liebe zu Harleys hat sie von ihrem Vater geerbt, der, wie er sagt, an dieser Marke hängt, seit er sie als Kind bei Quartettkarten entdeckt hat.
Für die anderen weiblichen Biker ist die Wahl, wie man lernt, eher von rein pragmatischen Gesichtspunkten bestimmt.
Susanne Rummelsberger zum Beispiel fährt eine „F 700 GS“ von BMW, eine Enduromaschine. Ob sie denn gern im Gelände fahre, fragt man. „Gelände?“, entgegnet sie, „überhaupt nicht, das ist nur eine der wenigen Maschinen, bei denen ich tief genug sitze, um noch mit den Füßen auf den Boden zu kommen.“ Überhaupt scheinen auch bei den Motorradfahrern die Frauen etwas weniger technikbestimmt zu sein als die Männer. Als man sich zum Beispiel bei Sonja Lindner nach den Leistungsdaten ihrer Kawasaki „Z900“ erkundigt, kann sie zwar die PS-Zahl nennen – es sind 125 – bei der Höchstgeschwindigkeit aber ist sie überfragt: „Da muss ich im Schein nachschauen.“
Ganz anders bei den Männern. Markus Nagl zum Beispiel weiß wohl, dass seine knapp 200 PS starke BMW „K 1300 R“ es auf etwa 290 Stundenkilometer bringt, aber auch er sagt: „Das macht man einmal, zweimal, um es auszuprobieren, ansonsten ist auf der Autobahn bei 140 Schluss, darüber macht es keinen Spaß.“
Was den Reiz des Motorradfahrens ausmacht, scheint – zumindest für die Anwesenden – die Tatsache zu sein, dass man mit seiner Umwelt wesentlich unmittelbarer in Kontakt kommt, als im Auto. Licht, Luft, Straße, Gerüche, alles erlebe man ganz direkt und eben nicht abgeschirmt durch eine Blechkiste, so die einhellige Meinung.
Natürlich ist da die Agilität eines Motorrads: Mit ihm durchfährt man keine Kurven, man durchtanzt sie. Dank der PS-Leistung der heutigen Maschinen schwerelos, spielerisch. Trotzdem meiden die meisten das Sudelfeld, das, so denkt man als Laie, dank seiner Serpentinen doch eigentlich die Hausstrecke sein müsste. „Sudelfeld? Da fahr i net“, sagt Sonja Lindner und spricht dabei auch für die umstehenden Männer „das ist mir viel zu gefährlich, da sind mir zu viele Zuagroaste und Narrische unterwegs.“
„Zahl der Narrischen hat abgenommen“
Dabei hat die Zahl der „Narrischen“ eher abgenommen. Das ist zumindest die Einschätzung von Peter Lindner, Ehrenvorstand des Vereins, der schon bei der ersten Kolbermoorer Motorradweihe 1976 dabei gewesen war. „Unterm Strich fahren die Leute heute viel vernünftiger, es sind nur viel mehr Motorräder als früher unterwegs und da gibt’s immer welche, die kein Maß und kein Ziel kennen.“
Die finden sich aber eher selten bei einer Motorradweihe, denn zumindest die in Kolbermoor ist schon mehr als ein reines Motorradtreffen, bei dem es nach der Weihe zu einer Brotzeit und anschließend – bei besserem Wetter – auf eine gemeinsame Ausfahrt geht. Ehrenvorstand Lindner dazu: „Sonntags in die Kirche geht von denen, die hier dabei sind, wahrscheinlich kaum einer. Aber der Segen am Anfang der Saison ist für sie durchaus was wert.“ Oder aber, wie Stefan Ziegler es formuliert: „Wer viel fährt, weiß durchaus, dass ein kleiner Segen ganz sicher nicht schaden kann.“