Kolbermoor – Die 22-jährige Elisabeth Pangerl aus Rosenheim brachte es auf den Punkt: „Es gibt in meinem Bekanntenkreis niemanden, der Europa ablehnt, im Gegenteil. Das Problem ist, dass die meisten es bei dieser positiven Grundhaltung belassen. Sich engagieren wollen nur wenige.“ Zwar wollte sie damit primär die Haltung ihrer Generation beschreiben, doch gilt diese offenbar für alle: Zum Bürgerforum „Unsere Zukunft in Europa“, das erstmalig im Landkreis stattfand, im Rathaus waren rund zehn Teilnehmer gekommen.
Engagierte,
sachliche Runde
Ausgerichtet hatte den Bürgerdialog das Pro-Europa-Netzwerk München & Oberbayern, zu dem auch der Rosenheimer Ableger der europaweiten Initiative „Pulse of Europe“ zählt. Ein Ziel ist es, den Europagedanken zu stärken, indem man Europa spürbar und erlebbar macht. „Zum Beispiel“, wie Monika Hermann von Pulse of Europe sagte, „auch durch solche Veranstaltungen, in denen man erleben kann, dass Europa wir alle sind“.
Und hier zeigte sich, dass die Qualität einer Veranstaltung nicht allein von der Teilnehmer-Zahl abhängt. In der engagierten, aber sachlichen Runde, die von Christian Baab von Radio Charivari moderiert wurde, kam fast alles zur Sprache, was man mit Europa in Verbindung bringen kann: von der Außen- und Agrarpolitik über das Problem der Bürokratie bis zu Steuer- und Sicherheitsfragen.
Der Tenor dabei: Wenn es Europa nicht gäbe, müsste man es erfinden, wenn auch in Einzelbereichen noch viele Verbesserungen notwendig seien. Ein mit einer Stimme sprechendes Europa sei die einzige Chance, um in einer Zeit, in der das Zusammenspiel zwischen den Großmächten Amerika, Russland und China komplett im Umbruch sei, nicht unter die Räder zu kommen. Diese Stimme zu finden, sei die große Herausforderung der Zukunft. Keine leichte Aufgabe, gelte es doch gleichzeitig, länder- und regionenspezifische Eigenheiten zu bewahren.
Diese Unterschiede in der Gemeinsamkeit seien es schließlich, die Europa so vielfältig und attraktiv machten. Entscheidend sei deshalb, sie kennenzulernen, zu wissen, wie man in den Regionen lebe und welche Probleme man habe.
Große Hoffnung setzte man beim Europagedanken deshalb auf die jungen Leute: Hier sei das Kennenlernen im Rahmen eines verstärkten Jugendaustausches und von im Ausland verbrachten Studienjahren am einfachsten zu verwirklichen. Überhaupt sei es von entscheidender Bedeutung, die jungen Leute für Europa zu motivieren.
Wahl: Konsequenzen
geringer Beteiligung
Ein Gedanke der, so richtig er an sich sei, leicht auf eine falsche Fährte führen könne, wie ein Teilnehmer zu bedenken gab. Schließlich seien diejenigen, die Europa derzeit in Gefahr brächten, nicht die jungen Leute, sondern die älteren. Man müsse sich deshalb an der eigenen Nase fassen, dürfe bei der Rettung des Europagedankens die Last nicht allein den jungen Leuten aufhalsen.
Eine Einschätzung, die von den Aussagen der jungen Elisabeth Pangerl bestätigt wurde. Vielleicht sei das Interesse so gering, „weil von uns niemand daran zweifelt“. Aber immerhin: „Man geht doch wenigstens wählen.“
Ein Punkt, der auch Monika Hermann besonders am Herzen lag: „Ist die Beteiligung an einer Wahl hoch, bedeutet das, dass die politische Mitte am Wahlausgang entscheidenden Anteil hat.“
Sei die Wahlbeteiligung gering – unter fünfzig Prozent wie zum Beispiel bei der letzten Europawahl – dann erlangten radikale Kräfte einen unverhältnismäßig hohen Einfluss, so Hermann. „Das sind aber genau die, die sich – egal ob von links oder von rechts kommend – die Zersetzung Europas von innen heraus zum Ziel gemacht haben“.