Kolbermoor –Rund hundert Schüler der Pauline-Thoma-Mittelschule Schule feierten jetzt im Mareis-Saal ihre Schulentlassung. Jetzt stehen sie quasi vor einem Neuanfang: Wie geht es bei ihnen weiter: Ausbildung oder weiter zur Schule gehen? Die junge Irakerin Tre Hassan aus der Praxisklasse hat einen Notendurchschnitt von 1,6. Sie weiß, was sie beruflich möchte: Sie wird jetzt erst einmal Krankenpflegehelferin. „Aber das ist nur eine Zwischenetappe zu ihrem Traumberuf. „Ich möchte Hebamme werden“, sagt sie gegenüber unserer Zeitung auf dem Abschlussfest. Auch Tobias Welly und Mike Spreweg haben eine klare Vorstellung, was ihre berufliche Zukunft angeht: Welly lernt Industriemechaniker, Spreweg möchte sein Abitur machen.
Einblicke in
die Arbeitswelt
Für die Konrektorin, Susanne Jägerbauer, ist diese Klarheit ein Erfolg des Mittelschulkonzeptes, bei der man spätestens ab der siebten Klasse Berufsorientierung ganz oben ansetzt. Immer wieder gibt es Unterrichtseinheiten, vor allem aber auch Praktika, die einen Einblick in die Arbeitswelt geben. Und, dass „es fast keine Grenzen“ gibt. Schließlich sei das Schulsystem mittlerweile so durchlässig wie nie. Immer noch hat die Mittelschule, wie Susanne Jägerbauer sagt, mit dem Klischee zu kämpfen, dass sie das Sammelbecken für alle ist, die irgendwo anders nicht weiterkamen oder kommen würden.
Wie es wirklich ist, dafür ist Sinem Safak ein gutes Beispiel: Die junge Frau aus türkischem Elternhaus hat auf dem M-Zweig ihren mittleren Schulabschluss gemacht, der es ihr ermöglicht auf die Fachoberschule zu gehen. An deren Ende steht das Abitur und damit ist der Weg frei für Sinems Traum beruf: Psychologin. Und warum ist sie nicht gleich aufs Gymnasium gegangen? „Weil ich zu faul war“, sagt sie. „Lernen hat mich lange nicht interessiert, das hat sich erst in der neunten Klasse geändert.“
Damit ist sie nicht allein, viele seien, was das Lernen anbelangt, Spätzünder, so die Konrektorin. Im Gymnasium sei damit schnell die Schullaufbahn gefährdet, auf der Mittelschule haben die Pflänzchen mehr Zeit zu wachsen, seien auch etwas geborgener. Aber natürlich geht es auch in der Mittelschule um Leistung, aber der Druck sei weniger ab-strakt. Hauptziel ist es, fit für den Beruf und dabei vorgeschaltet: fit für die Berufsauswahl zu werden.
Praxisklasse:
Weniger Theorie
Deshalb gibt es auch für alle, die es mit theoretischem Wissen so rein gar nicht haben, weil sie von ihrem Naturell her eher praxisorientiert sind, die sogenannten Praxisklassen.
Da ist gegenüber dem normalen Weg, den über die Hälfte der Schüler mit dem sogenannten „Quali“ beenden, die theoretische Stoff-Fülle etwas reduziert, man verbringt dafür noch mehr Zeit in Betrieben. Nicht zuletzt auch, um zeigen zu können, dass man ein wertvoller Mitarbeiter ist.
Ideal war diese Klasse mit ihrem etwas reduzierten Theorieanteil auch für Tre Hassan, die erst vor vier Jahren nach Deutschland gekommen ist. Sie hatte zunächst das Problem, dem Unterricht in einer Sprache folgen zu müssen, die sie ja erst lernen musste. Ihr Schnitt von 1,6 zeugt vom Erfolg dieses Konzeptes. Übrigens: Die beste Schülerin ist Lara Huppenberger aus der Klasse 10 M mit einem Notendurchschnitt von 1,0. „Ich will mein Abitur machen und Grundschullehrerin werden.“
Feier mit
Abschlussball
Doch ob Praxisklasse, normaler Abschluss, Quali oder M-Zweig: Die Idee des Elternbeirates, die Abschlussfeier einmal nicht in der Aula der Schule abzuhalten, sondern im festlichen Rahmen im Mareis-Saal, und gekrönt durch einen abschließenden Ball, für den es im Vorfeld extra noch einen Tanzkurs gab, war für alle ein Erlebnis.
Auch für diejenigen, die mit Bällen und Co. noch wenig anfangen können, und die das damit verbundene „sich schön machen“ vielleicht eher als unnötiges Aufbrezeln oder gar als seltsame Verkleidung empfanden: Die jungen Frauen und Männer konnten sich dem Zauber des Moments nicht entziehen, als sie klassenweise auf der Bühne standen, das Abschlusszeugnis in ihren Händen hielten und den applaudierenden Saal vor sich hatten.