Kolbermoor – Goethe ist für fast alles gut: „Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht“, hat er einmal gesagt und in diesem Satz steckt viel von dem, was Hans Ziegler zu seinem Ehrenamt beim Kolbermoorer Heimatmuseum gebracht hat. Gemeint ist mit dem Satz auch, dass man seine Alltagsumgebung mit ganz anderen Augen sieht, wenn man etwas mehr darüber weiß.
Zollstation mit
Schlagbaum
Ein Beispiel: Die Mangfall-
überführung beim Brückenwirt ist nie mehr nur eine Straße, sobald man weiß, dass dort mal eine Zollstation mit Schlagbaum war. Die Brücke wurde von der Spinnerei errichtet und über den Schlagbaum, von dem ein Nachbau im Heimatmuseum zu sehen ist, hat man versucht, die Baukosten wieder hereinzubringen.
Auch die Rathäuser – das alte und das neue – sieht man aus einem anderen Blickwinkel, wenn man weiß, dass zu den Kolbermoorer Anfängen in der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mal ein sicherer Ort für die Gemeindekasse vorhanden war. So wurde diese vom Spinnerei-Direktor in Verwahrung genommen.
Solche Geschichten machen Geschichte greifbar. Für den 59-Jährigen ein wichtiger Umstand: „Nur wer weiß, wo er herkommt, weiß, wer er ist.“ Ergo: „Nur wer Kolbermoors Vergangenheit als eine ,Arbeiterinsel‘ inmitten einer bäuerlichen Umgebung kennt, kann die heutige Stadt wirklich verstehen.“
Zum Heimatmuseum gebracht hat ihn sein Interesse an Geschichte. Das war schon immer da, angeregt auch durch seinen Vater, der Geschichtslehrer in Rosenheim war. Zunächst nur passives Mitglied im Förderverein des Heimatmuseums, ist er dort seit 15 Jahren Kassier. Damit ist seine Tätigkeit aber nur unvoll-
ständig beschrieben: Denn bei dem kleinen „harten Kern“ von etwa 15 bis 20 Aktiven ist jeder in alles miteingebunden: Von Führungen über die Archivarbeit bis hin zur Planung von Sonderausstellungen.
Die Vielfältigkeit macht einen großen Teil des Reizes aus, sagt er. Wobei ihm nicht zuletzt die Führungen besonders am Herz liegen. Denn auch hier passt Goe-
thes Satz: Die Exponate sprechen zwar durchaus für sich selbst. Aber so richtig zum Leben erweckt werden sie, wenn man ihre Geschichten kennt. Und Führungen sind auch deshalb wichtig, weil Geschichte im Grunde wie ein Haus ist, bei dem sich immer neue Türen auftun, sobald man den ersten Raum betreten hat.
Da findet sich im Obergeschoss des Museums eine Nachbildung einer Arbeiterwohnung aus den Anfängen der Spinnerei, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche – alles in einem Raum. Gedanklich kann man noch einen Schritt weitergehen: Ziegler erklärt, wie aus diesen beengten Lebensumständen heraus das Bedürfnis wuchs, sich außerhalb der Wohnung Spaß und Freude zu verschaffen: die meisten Vereine, die es auch heute noch gibt, sind damals gegründet worden.
Und noch einen Schritt weiter geht es. Denn die Vorstellung, dass es sich mit dem Gemeinschaftsleben und der für den heutigen Blick auch pittoresken Arbeiterwohnung doch um eine gute alte Zeit gehandelt haben könnte, ist falsch. „Was heute beschaulich und fast biedermeierlich wirkt, war damals hochmodern, die Bahnlinie, die Spinnerei, alles in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft, für die bäuerliche Umgebung eine gänzlich fremde, zum Teil wohl durchaus auch bedrohliche neue Welt.“ Für Ziegler ist das Museum jedenfalls ein Ort, bei dem man die Vergangenheit und mit ihr auch das Heute fast täglich neu entdecken kann – und er ist dankbar dafür, dass er diese Tatsache auch weitergeben darf.