Kolbermoor – Das waren noch Zeiten: Elf Bahnmitarbeiter stehen zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor dem Bahnhof. „Rund 20 Personen haben damals dort gearbeitet“, sagt Christian Poitsch vom Stadtmarketing. Schrankenwärter, Bahnhofsvorsteher, Fahrkartenverkäufer, Arbeiter, die die Waggons beladen haben, Elektriker und Co. Das ist lange her. Aber die historische schwarz-weiß Fotografie ist heute quasi ein Teil des frisch sanierten Bahnhofs, der am Sonntag offiziell eröffnet wird (siehe Kasten), denn sie hängt an einer Wand des Tagescafés „Gleis 2“.
Substanz und
Stil erhalten
Das Gebäude erstrahlt in neuem Glanz: „Wir wollten den Stil und die Substanz erhalten“, sagt Jörg Reinheckel, Ingenieur der Stadt, der für den Bau zuständig war. Die Außenmauern sind geblieben, das Gebäude wurde entkernt – bis auf wenige Ausnahmen. Dazu gehört beispielsweise die ovale, historische Treppe. Geblieben ist aber auch eine Wand aus Backsteinen. Auch die Sprossenfenster sind nach historischem Vorbild eingebaut worden.
Ohne Bahnhof
kein Kolbermoor
„Der Bahnhof ist das älteste Gebäude der Stadt Kolbermoor“, sagt Poitsch. Obendrein hat die Stadt dem Bahnhof ihre Gründung zu verdanken –„ohne Bahnhof kein Kolbermoor“. Der entstand 1860. Drei Jahre vorher wurde die Bahnlinie München-Rosenheim gebaut, um das Mangfalltal mit seiner Wasserkraft, Holz- und Torfvorkommen zu erschließen. Anschließend wurden insbesondere Güter – wie Torf – verladen, aber auch Güter vom Tonwerk und der Spinnerei. Aufgrund dessen wurde der Bahnhof schnell vergrößert. Aus einer anfänglichen Front mit fünf Fenstern wurden beispielsweise sieben. Am Bahnhof lassen sich auch rund 160 Jahre Wirtschaftsgeschichte der Stadt ablesen: Die Vergrößerung des Bahnhofs ging mit dem Aufschwung einher, Gleise entstanden, die direkt zu den Firmen führten. So konnten Baumwolle, Ziegel und Torf via Waggon direkt zum Bahnhof gebracht werden – „die große Blüte war in den 60er-Jahren“. Der wirtschaftliche Abschwung zeige sich laut Poitsch beispielsweise daran, dass viele Gleise stillgelegt und abgebaut wurden. Aber nicht alle: Eines dieser stillgelegten Gleise zeigt sich beispielsweise bis heute am Rande der Conradtystraße, das am Ende sogar die Straße kreuzt. Mit der Sanierung soll dem Bahnhof „seine verloren gegangene Bedeutung wiedererlangen“, so Poitsch. Langfristig soll es ein zentraler Ort für die Stadt sein: Pendler, Cafébesucher, Vereine, die einen Raum nutzen können und das Bayerische Rote Kreuz, das in den ersten Stock einzieht – und natürlich „ein Verkehrsknotenpunkt, denn auch der Stadtbus fährt den Bahnhof an“.
Ist mal eine Berühmtheit am Kolbermoorer Bahnhof ausgestiegen? Poitsch fällt adhoc keine ein. „Aber es könnte sein, dass König Ludwig II. auf dem Weg nach Herrenchiemsee mit der Bahn durch Kolbermoor gefahren ist“, sagt Poitsch.