Von Helene Fischer, Alphatier-Gebaren und Traktoren

von Redaktion

Duschgel im Advent: Chris Boettcher mit „s’Beste“ zum 100. Geburtstag der AWO Kolbermoor im Mareis-Saal

Kolbermoor – „Wer bin ich, und wenn ja, wieviele?“ Chris Boettcher, der als wortgewandter Kabarettist und improvisierender Tasten-Musiker bereits zwei Identitäten in sich vereinigt, brachte zum 100. Geburtstag der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Kolbermoor gleich noch ein paar alte Freunde in den Maries-Saal mit. Zunächst erinnerten Ortsvorsitzende Katharina Nebauer und Bürgermeister Peter Kloo an die Verdienste der AWO-Begründerin Marie Juchacz im Advent 1919, dann legte Boettcher einen rasanten Comedy-Parcours hin.

Kirchenschelte
und Koma-Saufen

Dass das Fernsehen als Volksverdummungsmaschine der größte Feind des Kabarettisten ist, dokumentierte er mit einem süffisanten, konsumkritischen Rundumschlag: „Bauer sucht Frau“-Peinlichkeiten und „Shopping Queen“ – Verballhornungen im ABBA- Medley brachten die Zuhörer von 0 auf 100 des Stimmungsbarometers.

In gewohnter Souveränität spielte er mit dem direkten Draht zum Publikum auf der Gender-Klaviatur und nahm Liebe, Erotik und das Männlein-Weiblein-Spielchen aufs Korn. „Ohne Dich schlaf ich jetzt besser ein!“ – die Münchner Freiheit lässt grüßen. „Wer von Euch wär jetzt lieber bei Helene Fischer?“ – Keine Meldung – „Verlogenes Pack!“

Das Testosteron gesteuerte Alphatier-Gebaren der Staatenlenker Trump – frei nach Tiger Tom Jones: „Sex-Trumps Frau ist ein Trampolin!“, Kim Jon-un – frei nach Udo Jürgens: „Ich schoss noch niemals auf Hawaii!“ sowie Erdogon respektive Putin – „Macho, Macho kannst net lerne!“ wurde mit spitzzüngigem Wortwitz auf die Parodie-Schippe genommen.

Die „überragende“ Ausstattung der Bundeswehr bekam ihr Fett weg, eine „asoziale, fremdenfeindlich-dämliche Partei“ bekam eine pointierte Kurz-Watschn ins „Bockfotzngsicht“, und auch der Landkreis Rosenheim wurde liebevoll ins Zielfernrohr genommen: „Wo der Traktor übern Hofhund rollt – das ist meine Heimat, da bin ich zu Haus.“

Kirchenschelte, Koma-Saufen, Kindersorgen in der Pubertät – enorm, mit welchem Hochgeschwindigkeits-Kabarett der Mareis-Saal von Boettcher komödiantisch torpediert wurde. Kunst kommt halt von Können! Dazu hatte er noch umfassende Hygiene-Tipps auf Lager und zauberte aus einer Kiste voller Duschgels eine witzige Wellness-Beratung. Soviel zum „Was“ der Themen – doch bei Boettcher ist ja auch das „Wie“ der Darbietung ein Ohren-Schmaus.

Denn was die Eingangsfrage („Multiple Persönlichkeitsstörung“) angeht: der Entertainer zog auch als Imitator von Promi-Stimmen alle Register: Udo Lindenberg, Herbert „Knödel“ Grönemeyer und Peter Maffay ließen sich es mit Likörchen, Currywurst und Pizza Tabaluga in der Rentner-WG gutgehen.

Boris Becker traf Dieter Bohlen und Loddar Matthäus zum gepflegten Herrenwitz, und Bundestrainer Jogi Löw konferierte mit der kaiserlichen Zwi-Lichtgestalt Franz B. über dessen dubioses Finanzgebaren.

Mit mehreren Zugaben zeigte sich Chris Boettcher in spendabler Geber-Laune, und gab am Ende noch reichlich Autogramme – als Roy Black. Christian Buxot

Artikel 2 von 7