Kolbermoor – Hochzeit, Sterben, Politik, Geld, Kindheitserinnerungen: Das sind Themen, über die Heidi Andrä (57) vom Asylhelferkreis beim „Offenen Treffpunkt Deutsch“ mit ihren Schützlingen spricht. In eineinhalb Stunden sollen die Teilnehmer einfach reden – egal, ob die Grammatik sitzt oder nicht.
Sie stammen unter anderem aus Tschechien, Bulgarien und Vietnam. Und übers Sprechen erfahren Andrä und die Teilnehmer auch etwas von der jeweiligen Kultur – „das ist spannend“, sagt sie. „Ich fahre nicht so gerne weg und so erfahre ich die Welt hier in Kolbermoor“, sagt sie und lacht.
Gemeinsam ins
Gespräch kommen
Aber wie geht sie vor? Zunächst überlegt sie sich bestimmte Themen. Kürzlich drehte es sich ums „Geld“. Als erstes sollten die Teilnehmer Nomen, Verben und Adjektive, die ihnen dazu einfallen, nennen. Andrä hatte im Vorfeld alles, was ihr in den Sinn kam, aufgeschrieben: Münzen, Scheine, Börse, Trinkgeld, klamm, flüssig, arm, reich. Aber auch Sprichwörter wie „die halbe Miete“. „Interessant ist, dass es ähnliche Formulierungen auch in den anderen Sprachen gibt.“ So komme man ins Gespräch und jeder erzählt etwas.
Einmal behandelte sie das Thema Sterben – „wir sind dann auf den Friedhof gegangen und ich habe ihnen gezeigt, wo das Grab meiner Eltern ist.“ Ein Teilnehmer fragte sie Wochen später, ob er nicht mal das Grab gießen solle. Da ging Andrä das Herz auf.
Ebenso bei Mohammed. Er war einer der ersten Flüchtlinge, die Andrä 2014 in Kolbermoor kennenlernte. Damals habe sie ihm einen Glückscent gegeben. Er fand Arbeit in einer Klinik in Vogtareuth und sie traf ihn wieder. Er öffnete sein Portemonnaie und zeigte ihr den Glückscent – „Schau mal, Heidi, was ich hier habe.“ Menschen wie Mohammed hat sie viele getroffen. Und zu vielen hat sie immer noch Kontakt.
Durch Nachbarin auf
Idee gekommen
Bei der ersten Flüchtlingswelle 2014 kam sie über eine Nachbarin auf die Idee, Deutschkurse anzubieten – dort hat sie auch Mohammed kennengelernt. Gesagt, getan. Los ging es im Bürgerhaus an der Carl-Jordan-Straße gegenüber der Tafel. Im ersten Sommer haben Andrä und ihre Tochter Tabea, die Deutsch als Fremdsprache studiert hat und Lehrerin ist, einen „Sommerkurs“ angeboten – fast täglich habe man sich getroffen. Daraus entwickelte sich der Asylhelferkreis, der bis heute besteht. Aber die Deutschkurse von damals gebe es nicht mehr. „Vielmehr kommen die Menschen, wenn sie Hilfe beim Briefverständnis benötigen oder Kinder in der Schule Hilfe brauchen.“
Zum „Offenen Treffpunkt Deutsch“, der in Kooperation mit der Volkshochschule Kolbermoor zum zweiten Mal angeboten wird, kommen rund zehn Teilnehmer. Rund eineinhalb Stunden unterhalten sich alle. Und wie schön es die Teilnehmer finden, zeigt ein tschechisches Ehepaar: „Sie haben überlegt, wann sie nach Tschechien fahren, mich aber gefragt, wann der Kurs stattfindet, denn sie wollen kein Treffen verpassen.“