„Müssen uns der Realität stellen“

von Redaktion

Interview Pfarrer Scheurenbrand über Kirchenaustritte und bauliche Veränderungen

Kolbermoor – Es stehen große Veränderungen an: Das Pfarrzentrum Wiederkunft Christi wird jetzt auf Herz und Nieren geprüft (wir berichteten): Welche Gebäude, welche Räume werden künftig noch benötigt – im Hinblick auf die wachsenden Kirchenaustritte in der Stadt. 180 sind es jährlich. Man müsse neue Wege gehen, so Pfarrer Maurus Scheurenbrand (57). Wie man in der Mangfallstadt jetzt versucht, die rund 8100 Gläubigen zu halten, wie er Veränderungen gegenübertritt und ob Gebäude beim Pfarrzentrum abgerissen werden sollen, erzählt Scheurenbrand hier.

Herr Scheurenbrand, wie stehen Sie zu den Veränderungen hinsichtlich des Pfarrzentrums Wiederkunft Christi?

Für mich ist es kein Berg, der unüberwindbar ist. Wir müssen uns der Realität stellen und den immer weniger werdenden Gottesdienstbesuchern begegnen.

In fünf bis zehn Jahren sollen die Veränderungen kommen.

Ich glaube, dass es in drei bis vier Jahren so weit sein wird. Auch aus finanziellen Gründen, da es immer weniger Mitglieder gibt. Das Ordinariat wird früher reagieren und genau prüfen, ob man ein zweites Pfarrheim und ein zweites Pfarrhaus braucht.

Wie soll es weitergehen?

Im Pfarrheim, im Kreuzgang und im Pfarrhaus stehen größere Sanierungen an. Aber es gab einen Ortstermin mit dem Ordinariat. Es hieß, dass für größere Sanierungen keine finanziellen Mittel mehr zur Verfügung gestellt werden.

Was hat das zur Folge?

Wir müssen mit dem Ordinariat genau prüfen, ob wir bestimmte Räumlichkeiten brauchen. Man wird sich sicher von Gebäudeteilen trennen müssen. Vielleicht kann dieser Grund dann als Erbpacht genutzt werden.

Für Wohnungen?

Ja, zum Beispiel, um die anderen Angebote weiter zu finanzieren. Derzeit engagieren sich die Arbeitsgruppen, um Lösungen zu finden. Sie haben viele Ideen.

Es werden dann auch Zusammenlegungen auf die Stadtkirche zukommen, oder?

Ja, es wird überlegt, ob man Angebote nach Heilige Dreifaltigkeit verlegt. Aber es ist sicher, dass es auch einen Versammlungsort in Wiederkunft Christi geben muss.

Rund 180 Kolbermoorer treten im Jahr aus der katholischen Kirche aus. Wie erklären Sie sich das?

Warum wir sie verlieren, ist eine wichtige Frage. Ein immer größer werdender Teil hat Interesse an punktuellen kirchlichen Festlichkeiten, wie Firmung, Hochzeit, Taufe. Dafür brauchen sie einen feierlichen Rahmen – für diesen Teil sind die anderen Angebote nicht wichtig.

Aber die Stadtkirche bietet ja viel mehr an als Gottesdienste.

Das sehen einige nicht. So veranstalten wir einen Valentinstagsgottesdienst, bei dem sich die Paare segnen lassen können. Und ich wurde auch gefragt, ob zwei Frauen sich segnen lassen können. Natürlich – wir sind eine offene Kirche.

Aber wenn so viele der Kirche den Rücken kehren, kann es denn sein, dass es beispielsweise keine Gottesdienste in Wiederkunft Christi geben wird?

Das muss man sich wirklich ganz realistisch fragen. Aber wir wollen nicht einfach etwas streichen. Wir überlegen, ob man den Gottesdienst zum Beispiel am Samstagabend anders gestalten könnte – vielleicht mit Gläubigen, die ganz eigene Ideen einbringen und selber Gottesdienste gestalten. Denn hauptamtlich Seelsorger werden sicherlich weniger werden.

Schauen Sie düster in die Zukunft?

Nein. Realistisch, ohne Verbitterung. Wir werden kleiner, aber gar nicht unbedingt schlechter. Interview: Ines weinzierl

Das sagen die Seelsorgerinnen: Unbedingt Kirche und Treffpunkte beider Pfarreien erhalten

An der Seite von Pfarrer Maurus Scheurenbrand sind die drei Pastoralreferentinnen Monika Langer, Martina Mauder und Elisabeth Maier. Sie haben ein Ziel: „Die Kirche und auch die Treffpunkte beider Pfarreien zu erhalten“, sind sie sich einig. Denn im Kolbermoorer Süden „gebe es keinen anderen Treffpunkt, „wo man sich für wenig Geld versammeln kann“, sagt Mauder. Man könne nicht mal irgendwo einen Kaffee trinken. Und das wolle man auch dem Ordinariat verdeutlichen –„wir geben nicht klein bei“, sagt Scheurenbrand. Als „Kirche vor Ort“ habe man auch eine soziale Aufgabe, so Langer.

Gerade im Hinblick auf ein sichtbares Armutsrisiko. Aber warum treten die Kolbermoorer aus der Kirche aus? „Viele Austritte gab es wegen der Missbrauchsfälle und wegen der Vorfälle im Bistum Limburg.“

In erster Linie haben die Austritte mit „der Kirche“ als Institution zu tun, weniger mit der Kolbermoorer Kirche vor Ort.

Jedem Kolbermoorer, der aus der katholischen Kirche austritt, wird seitens der Stadtkirche ein Brief geschrieben. Darin bekundet sie ihr Bedauern, aber erwähnt auch, „dass unsere Tür immer offen ist“. Gibt es Rückmeldungen? „Wenige“, so der Pfarrer .

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