Kolbermoor – Knapp 100 Betriebe sind beim Kolbermoorer Gewerbeverband organisiert. Viele von ihnen bangen laut des Vorsitzenden Giacomo Anzenberger (37) um ihre Existenz. Wie es um die Betriebe in der Mangfallstadt steht und wen es am härtesten trifft, erzählt Anzenberger im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen.
Herr Anzenberger, wie steht es um die Kolbermoorer Betriebe?
Es ist ganz unterschiedlich. Einige sagen, dass sie sich in der jetzigen Situation zwei, drei Monate über Wasser halten können. Andere erzählen, dass sie es sechs Wochen schaffen können.
Wenn man alles zusammenrechnet sind sechs Wochen Ende April vorbei…
Viele sind enttäuscht ob der Regelungen und werden in Panik verfallen.
Werden es einige nicht schaffen?
Die Existenzen der Gastronomen sind bedroht, wenn sie beispielsweise bis Juni/Juli nicht öffnen dürfen. Einige werden es sicherlich nicht schaffen.
Kennen Sie welche, die aufgeben müssen?
Keiner will aufgeben, aber sechs Wochen sind bei einigen wirklich die äußerste Grenze. Und betroffen sind nicht nur kleine Betriebe, auch große. Viele haben hier in Kolbermoor Kurzarbeit angemeldet.
Wen trifft es am härtesten?
Die Gastronomie trifft es hart – und auch gerade jetzt, nachdem es heißt, dass sie weiterhin geschlossen bleiben müssen. Und auch hier gilt: Es trifft nicht nur kleine Bars und Cafés, sondern auch große Lokale. Deren Fixkosten sind ja viel höher.
Bitten Sie viele als Vorsitzender des Gewerbeverbandes Kolbermoor um Rat und Hilfe?
Ich habe viele dabei unterstützt, die Soforthilfe-Anträge auszufüllen. Elf Betriebe haben die Bayerische Soforthilfe in Höhe von 5000 Euro beantragt. Von den elf haben schon sieben das Geld erhalten. Fünf Unternehmern habe ich bei den Anträgen zur Soforthilfe des Bundes in Höhe von 9000 Euro geholfen. Da läuft es schleppender. Von ihnen hat noch niemand das Geld bekommen.
Es gibt auch Lokale in Kolbermoor, die komplett zusperren, warum?
Bei einem Lokal habe ich mit dem Besitzer gesprochen, er sagt, dass sich für ihn auch kein Lieferservice lohnt, auch das würde die Kosten nicht minimieren. Allerdings bieten auch Stromanbieter meiner Erfahrung nach eine Reduzierung der Kosten an.
Erlassen einige Hausbesitzer den gewerblichen Mietern die Miete?
Von einigen hier in Kolbermoor habe ich gehört, dass die Vermieter einen Mieterlass geben oder die Miete halbieren. Von anderen weiß ich, dass die Mieter die Möglichkeit haben, die Miete in einigen Monaten nachzuzahlen.
Ist das eine große Erleichterung?
Zunächst ja, aber die Miete muss ja gezahlt werden – dann zu einem späteren Zeitpunkt. Und wenn bei den Unternehmern derzeit Einbrüche bis zu 80 Prozent erreicht werden, muss man das natürlich wieder reinbekommen. Darüber hinaus aber darf man nicht vergessen, dass die Unternehmer weiterhin ihre eigenen Sozialbeiträge zu zahlen haben und falls sie Angestellte haben auch deren Gehälter und Beiträge.
Bis zu 80 Prozent Einbrüche?
Ja, natürlich. Auch wenn einige, kleine Läden aufmachen dürfen, zeigt die Erfahrung, dass die Kunden Angst haben aufgrund der Infektionsgefahr.
Welche innovative Ideen raten Sie den Gastronomen?
Einen To go-Service oder Lieferservice anzubieten, beispielsweise. Denn ich denke, dass es wichtig ist, präsent zu sein, dass man zeigt, dass man da ist – auch in diesen Zeiten. Man kann Sammelbestellungen für Kunden anbieten beispielsweise. Obendrein sollte man sich in den sozialen Netzwerken engagieren – ich kann auch dabei helfen, beispielsweise eine Facebookseite einzurichten.
Was haben Sie persönlich für Erfahrungen gemacht?
Mit meiner Versicherungsagentur habe ich die Erfahrung gemacht, dass junge Kunden per Videokonferenz eine Versicherung abschließen. Aber bei Bürgern ab einem gewissen Alter sind Hemmungen da.
Interview: Ines Weinzierl