Rosenheim/Kolbermoor – Das Kolbermoorer Findelkind, ein Spatzenküken, hat Alexander Hellmis aufgepäppelt. Kürzlich hat er es wieder in die Freiheit entlassen – „da bin ich auf die Felder nahe Großkarolinenfeld gefahren“, sagt er. Anfang Juni hatte eine Kolbermoorer Familie das Küken im Garten gefunden und es zu Hellmis gebracht (wir berichteten).
Er kümmert sich aber nicht nur um Vögel, sondern auch um Rehkitze und Marderjunge: Bei Alexander Hellmis ist das nichts Ungewöhnliches. Seit 20 Jahren pflegt der 43-Jährige verletzte Wildtiere wieder gesund – und hat in dieser Zeit schon einiges erlebt.
Die Hunde, die gleich vor dem Hauseingang liegen, sind vermutlich die gewöhnlichsten Tiere, die sich im Garten tummeln. Denn kaum geht man nur ein wenig hinters Haus, das mitten in einer Wohnsiedlung in Rosenheim steht, sieht man dort zahlreiche Wildtiere.
Schichtdienst
mit der Familie
„In erster Linie haben mir die Tiere leidgetan“, sagt Alexander Hellmis. Zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern arbeitet er im Schichtdienst daran, Tiere aller Art wieder fit für die Wildnis zu machen. Die Tiere hatten Unfälle, sind entkräftet oder krank und wurden von Leuten aufgelesen, die sie dann zu Hellmis bringen. „Inzwischen ist es wie in einem Betrieb.“
Eine Ausbildung für Wildtierpflege gibt es nicht. Das Wissen eignet sich die Familie über Kurse der Tierschutzakademie an. Sie arbeitet mit der Ludwig-Maximilians-Universität und dem Tierheim in Rosenheim zusammen.
Wildtierpfleger wollte Alexander Hellmis eigentlich nie werden. „Als Kind hatte ich auch mal Haustiere oder habe im Wald Frösche eingesammelt“, sagt Hellmis und fügt hinzu: „Ich hätte aber nie gedacht, dass daraus mal so eine Liebe wird.“
Der Rosenheimer ist leidenschaftlicher Angler und arbeitete ursprünglich als Elektrotechniker. Nebenbei spielt er gerne Computerspiele und hat eine beeindruckende Sammlung an Filmen. Damals hatte er Frettchen als Haustiere, bis eines Tages das Telefon klingelte: Das Tierheim fragte an, ob er nicht einen Marder aufnehmen und gesundpflegen könne. „Daraus entwickelte sich ein riesiger Selbstläufer. Irgendwann kamen Bussarde, Schildkröten oder Igel.“
Zuerst lief das noch nebenbei, in den vergangenen zehn Jahren nahm die Zahl der Tiere aber immer stärker zu. „Wäre ich nicht krankheitsbedingt aus dem Beruf ausgeschieden, könnten wir das nicht leisten.“ Während er erzählt, klingelt mindestens dreimal das Telefon wegen verschiedener Wildtiere.
Dem Grundstück der Familie mitten in Rosenheim sieht man an, dass es in erster Linie von Wildtieren bevölkert wird. Einige Müllsäcke mit Heu und Tierfutter liegen vor dem Hauseingang. Mehrere Gehege für Vögel und ein kleiner Pool, in dem Tiere schwimmen lernen können, stehen im Garten. Die meisten Pflanzen sind bis auf Kniehöhe abgefressen.
Doch so niedlich die Tiere auch sind, der Aufwand ist enorm. Wenn die Sonne aufgeht, wollen die Tiere ihr Futter und Familie Hellmis muss aufstehen – auch wenn es erst 5 Uhr ist.
Die Familie pflegt die Tiere komplett ehrenamtlich. „Meine Kinder sind damit groß geworden“, sagt Hellmis. Auch die Nachbarn hätten sich mit der Zeit daran gewöhnt, dass sie die Siedlung mit einigen Wildtieren teilen. Hellmis ist inzwischen in der Stadt bekannt. „Ich werde oft auf der Straße angesprochen, dass ich doch Tiere gesundpflegen würde.“ Auch in verschiedenen Gruppen auf Facebook werde seine Nummer – ohne sein Einverständnis – geteilt. Seine Tiere waren auch schon öfter in diversen Fernsehproduktionen zu sehen.
Im Tierheim ist man froh, wenn Privatpersonen wie Hellmis Wildtiere pflegen. „Wir sind auf diese Menschen angewiesen“, sagt Andrea Thomas, Vorsitzende des Tierschutzvereins Rosenheim.
Im Tierheim selbst sind nur Haustiere. „Wildtiere sind ein schwieriges Thema. Wenn sie eine reelle Chance haben, wieder ausgewildert zu werden, muss man ihnen natürlich helfen.“ Früher habe es laut Thomas auch offizielle Stellen von Stadt für Wildtiere gegeben.
Tierheim stellt
Futter bereit
Wenn sich jetzt Personen mit gefundenen Wildtieren an das Tierheim wenden, geben sie meistens die Adressen von Privatpersonen wie Hellmis weiter. Diese unterstütze das Tierheim dann beispielsweise, indem Tierfutter bereitgestellt wird.
Einmal habe die Polizei ein Tier vorbeigebracht und als Hellmis die Tür aufmachte, saß daneben eine Person in Handschellen. „Da habe ich mir schon gedacht, ob sie den nicht zuerst abliefern könnten“, sagt der 43-Jährige und lacht. Er erlebe öfter so kuriose Geschichten. Zum Beispiel als eine Rockergruppe plötzlich vor der Tür stand, breit gebaut und in schwarzer Lederkluft. Einer von ihnen habe laut Hellmis gesagt: „Wenn das rauskommt, hast du ein Problem“ – und zeigte ihm einen kleinen Igel, den sie auf dem Weg gefunden hatten. „Bei Tieren geht allen das Herz auf“, sagt Hellmis.
Bewusstsein für
Wildtiere soll steigen
Er würde sich wünschen, dass das Bewusstsein für Wildtiere steigt. „Hilfe haben alle verdient.“ Auch bei der Umsetzung von Tierschutzgesetzen sieht er Nachbesserungsbedarf. Aber auch jeder Einzelne könne etwas für Wildtiere tun. „Nicht jedes Tier, das alleine ist, braucht Hilfe.“ Besonders bei Rehen müsse man vorsichtig sein und dürfe sie nicht berühren, da die Mutter die Jungen nicht mehr annehme. „Auch Igel laufen manchmal tagsüber durch die Gegend, weil sie nach Fressen suchen.“
Er denke öfter mal daran, aufzuhören. Wenn er könnte, würde er die Welt bereisen. Im letzten Jahr flog er für einen Urlaub nach Kuba, aber das war eher eine Ausnahme. „Es muss immer jemand für die Tiere da sein. Hier in der Gegend macht das außer uns niemand.“ Nicht zuletzt sei es immer ein besonderer Moment, wenn er die Tiere wieder in die Wildnis entlässt. „Sie kommen manchmal hier an und man würde keinen Cent auf ihr Überleben wetten. Aber wenn sie dann wieder rauslaufen, weiß ich, dass ich etwas Sinnvolles gemacht habe.“