Kolbermor/Bad Tölz – „Sind Sie nicht der Flaschen-Helmut?“ So habe ihn vor ein paar Tagen eine Frau in der Tölzer Marktstraße angesprochen, und dann, so berichtet Helmut T., habe die Frau hinzugefügt: „Wir hatten gehört, Sie wären gestorben.“
Tatsächlich war der gebürtige Österreicher lange von der Bildfläche verschwunden – unter anderem war er längere Zeit in Kolbermoor. Früher, da war er eine auffällige Erscheinung in Bad Tölz, gehörte fast schon zum Stadtbild – ob im Positiven oder Negativen, daran schieden sich die Geister.
Bei Minusgraden
durch die Isar
Der Flaschen-Sammler watete bei winterlichen Temperaturen mit nackten Beinen durch die Isar, schob ein Einkaufswagerl mit einem selbst zusammengeschusterten Marienaltar durch die Stadt, sang im Dezember inbrünstig Weihnachtslieder in Tölzer Geschäften vor. Irgendwann sah man ihn nicht mehr. Nun, gestorben ist der „Flaschen-Helmut“, so sein Spitzname, nicht: Seit Kurzem ist der 54-Jährige wieder in der Stadt.
Wo war der „Flaschen-Helmut“ all die Jahre? Fest steht, dass das Jahr 2008 ein Wendepunkt für ihn war: Da wurde er nach einem handgreiflichen Streit mit Punkern in der Bauruine „Haus Bruckfeld“ zu einer einjährigen Freiheitsstrafe verurteilt, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Zu den Auflagen gehörte, dass er einen festen Wohnsitz nehmen sollte.
Den habe er zuletzt im Altenheim St. Franziskus in Kolbermoor gehabt, sich dort auch um eine alte Frau gekümmert. Glücklich sei er nicht gewesen. Daneben erwähnt er Alkoholentzüge. Einen davon, in Kiefersfelden, habe er nach drei Monaten abgebrochen. Vom Alkoholismus spricht er als „Berufskrankheit“, die er sich als Flaschen-Sammler „zugezogen“ habe. „Das ist die Einsamkeit.“
Heute sieht sich Helmut T. nicht mehr als Abhängigen. „Damals hat der Alkohol mich kontrolliert, jetzt kontrolliere ich den Alkohol.“ Er bezeichnet sich als „leidenschaftlichen Teetrinker“.
Aufgewachsen in
einer Pflegefamilie
Noch in anderer Hinsicht hat sich sein Leben verändert. Eine rechtliche Betreuerin habe ihm geholfen, in seinem Geburtsland Österreich eine Erwerbsunfähigkeitsrente zu beantragen – immerhin habe er dort 25 Jahre als Metzger gearbeitet und in die Sozialversicherung einbezahlt. Mit Flaschen-Sammeln bessert er sein Einkommen nach wie vor auf. Von dem Geld gehe er sonntags gern ins Kino. Wie früher als Kind.
Krankenversichert ist er heute auch. Nur einen festen Wohnsitz – den braucht und will Helmut T. nicht. Er liebe die Freiheit des Lebens auf der Straße, habe schließlich keine Verpflichtungen, keine Frau und keine Kinder, sagt er. Eine Familie habe er nicht gründen wollen. „Wenn, dann müssen die Umstände 100-prozentig passen.“
Seine Eltern, die hätten „vier Kinder gemacht und ins Heim gegeben“. Als Kleinkind sei er von seinen drei Geschwistern getrennt worden, zu einer Pflegemutter gekommen. „Sie war lieb – auch wenn sie eine harte Hand haben musste.“ Helmut T. wüsste gern, ob sie noch lebt. Und wo. „Dann würde ich ihr mal schreiben.“ Von seiner Betreuerin bekam Helmut T. in Kolbermoor die Nachricht, dass sein leiblicher Vater vor längerer Zeit gestorben sei. Kennengelernt habe er ihn nie. Auch von der Mutter habe er nie wieder gehört. „Sie lebt, glaube ich, nicht mehr.“
Zurzeit, sagt Helmut T., schlafe er „mal hier, mal da“, bei Bekannten offenbar. Eigentlich sucht er für die nächste Zeit aber eine Garage oder Ähnliches, um dort auf dem Boden zu nächtigen. Er möchte sich geistig, seelisch und körperlich vorbereiten auf eine lange Pilgerreise. Zu Fuß will er nach Medjugorje in Bosnien-Herzegowina. 1981 soll es dort eine Marienerscheinung gegeben haben. „Eine Wallfahrt mit dem Zug oder Bus, das kann jeder.“ Helmut T. will sich auf Seitenstraßen zu Fuß von Kirche zu Kirche, von Kloster zu Kloster, vorarbeiten, unterwegs in Höhlen und leer stehenden Hütten schlafen. Auch ein Zelt habe er sich angeschafft. Die Kälte mache ihm nichts aus. „Nur vor dem Wind und der Feuchtigkeit muss man sich schützen.“
Bevor er aufbricht, will Helmut T. noch eine nötige Operation hinter sich bringen und „warten, bis das 100-prozentig geheilt ist, da gehe ich kein Risiko ein“. Unterdessen macht er sich fit für die große Wanderung. 20 Kilometer am Tag gehe er zu Fuß, sagt der 54-Jährige, am wichtigsten ist ihm der Weg zum Bahnhof, „denn da geht es bergauf“.
Marienerscheinung
als Drama verfassen
Noch viele Pläne sprudeln aus Helmut T. hervor. Eine „Straßen-Kungfu-Tanzschule“ wolle er gründen, sagt er mit kindlichem Enthusiasmus, eine Theatergruppe auf die Beine stellen, dafür eine moderne Version der Marienerscheinung von Lourdes als Drama verfassen, seine Lebenserinnerungen unter dem Titel „Zehn Jahre auf der Straße mit der Jungfrau Maria und dem Teufel“ herausbringen, und und und. Von der Wohnungslosenhilfe der Caritas hat er hübsche Notizbücher geschenkt bekommen, die er in einer kleinen Plastiktüte mit sich trägt.
Nach Bad Tölz sei er zurückgekommen, weil er sich hier wohlgefühlt habe. „Und in Tölz bin ich jemand geworden: der Flaschen-Helmut.“ Später, nach seiner auf zwei Jahre veranschlagten Pilgerreise, wolle er in einer Holzhütte leben, mit kleinem Garten, ohne Fernseher, ohne Handy. Im Hier und Heute, sagt er, ist er vor allem eins: „Zufrieden.“