Kolbermoor – Im Januar soll es losgehen: das Gebäude der ehemaligen St.-Anna-Apotheke liegt dann nicht länger im Dornröschenschlaf, sondern wird von Grund auf saniert. Ein gutes Jahr veranschlagt man für die Baumaßnahmen und wenn alles gut geht, wird 2022 nicht nur das Haus „neu“ dastehen, sondern auch der Bereich zwischen der ehemaligen Apotheke und dem Heimatmuseum soll umgestaltet werden. Das ganze Ensemble mit dem Bahnhof dann ein wirkliches Schmuckstück Kolbermoors.
Matthäus Sieber
ließ Haus errichten
Das Verdienst dafür gebührt zum Teil dem Kolbermoorer Matthäus Sieber, einst Stationswärter am Kolbermoorer Bahnhof, denn er ließ 1897 das Gebäude errichten. Allerdings nicht ihm allein, denn die ersten Baupläne zeigen ein vergleichsweise schmuckloses Gebäude. In einem zweiten überarbeiteten Entwurf aus dem selben Jahr aber war aus dem 08/15-Haus dann ein stattliches Anwesen geworden, das seiner Lage gerecht wurde: Schließlich lag es nicht nur in unmittelbarer Bahnhofsnähe, also einem in dieser Zeit wichtigen Repräsentationsbau, sondern auch mitten in der Blickachse der Försterstraße. Es ist dabei aber so geschickt aufgestellt, dass es auch aus Richtung der Bahnhofstraße „wirkt“.
Baumeister
Johann Meishammer?
Vieles aus dieser Zeit aber harrt noch einer näheren Erforschung: Stimmt die Erzählung, dass Matthäus Sieber das Geld für den Bau durch einen Lottogewinn erzielt hatte? Und wer hat ihn dazu bewogen, dann gleich Nägel mit Köpfen zu machen und statt des vergleichsweise einfachen Hauses einen Blickfang zu erstellen? Möglicherweise war es der Aiblinger Baumeister Johann Meishammer, der nicht nur dieses Haus errichtete, sondern in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts dann viele stattliche Gebäude in Bad Aibling, aber auch in Rosenheim. Die zweite Fassung der Pläne trägt jedenfalls seine Unterschrift. Ob aber Meishammer allein die Umgestaltung vornahm, oder, wie in anderen Fällen, einfach den optimalen Architekten wusste, ist nicht bekannt.
Auch Glück kommt ins Spiel. Denn anders als der Bahnhof, blieb „die Apotheke“ von Modernisierungsversuchen weitgehend verschont. Während die Fassade des Bahnhofs in den 1960ern/70ern dem Zeitgeist entsprechend so modernisiert wurde, dass kaum mehr zu erkennen war, welch schönes Haus sich dahinter immer noch verbarg, hatte sich die Apotheke mehr oder weniger unverändert erhalten. Nur ein kleiner Anbau war in den 1970ern hinzugekommen. Mit eine Rolle spielt sicher die Tatsache, dass die Apotheke in den 110 Jahren ihres Bestehens nur vier Apotheker hatte, also schon von daher Kontinuität gegeben war.
„Lieb gewonnener
Bestandteil“
Für die Kolbermoorer war das Apothekerhaus deshalb anders als der „entstellte“ Bahnhof ein ebenso fester wie lieb gewonnener Bestandteil des Stadtbildes. Ein Umstand, der vor allem 2017 deutlich wurde. Damals ging es im Rahmen des ISEK – des Integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzeptes – um die Frage der räumlichen Weiterentwicklung Kolbermoors. Bezüglich des Bahnhofsareals wurde dabei durchaus auch darüber diskutiert, das Apothekengebäude, das seit 2013 im Besitz der Stadt ist, abzureißen. Eine Idee, die wie sich Bauamtsleiter Andreas Meixner erinnert, aber von Anfang an auf deutlichen Widerstand stieß: „Ihr werds doch hoffentlich net die oide Apothekn abreißen“ – das sei die Stimmung unter der Bevölkerung gewesen.
Eine Haltung, der die Stadt Rechnung trug und im Frühjahr schließlich den Beschluss zur grundlegenden Sanierung fasste. Ein Vorhaben, das mit einer Gesamtsumme von gut 1,6 Millionen Euro zwar wohl kaum günstiger ist als ein Neubau, diesem Stadtbereich aber seine gewachsene Identität belässt und einen Blickfang obendrein.