Kolbermoor – Bedächtig steigt der alte Mann mit dem wallenden schlohweißen Bart die Treppe hinauf, klingelt an der Tür und wartet. In der Wohnung rumpelt‘s gewaltig, leise Kinderrufe sind zu hören, „der Nikolaus“ – dann ist es still. Die Tür wird geöffnet, er tritt ein, wird ins Zimmer geleitet und von den Eltern freundlich begrüßt. Von Kindern keine Spur – oder doch? Da sind sie, die beiden Buben haben sich unterm Tisch verkrochen…
Diese Szenen hat der Heilige Mann alias Franz Sigl in den vergangenen 15 Jahren schon zigmal erlebt. Unzählige Male war er im Nikolausdienst des Pullacher Trommlerzugs mit weiteren Mitgliedern am 5. oder 6. Dezember in Kolbermoor unterwegs und hat Kindern eine vorweihnachtliche Freude bereitet. Aber es macht auch dem Nikolaus-Team viel Spaß. Sigl: „Die kleinen Charaktere sorgen für schöne und auch amüsante Erlebnisse. Hinzu kommt die besondere Atmosphäre, die uns jedes Jahr aufs Neue motiviert.“
Einsatz der
Situation anpassen
Darauf sollen Kolbermoorer Kinder auch heuer nicht verzichten: trotz der Corona-Pandemie und Beschränkungen. „Wir leben im Verein bayerische Werte und Traditionen, deshalb ist uns der Nikolaus-Dienst ein sehr wichtiges Anliegen“, erklärt der 38-jährige Kolbermoorer gut gelaunt im Gespräch mit dem Mangfall-Boten. „Wir müssen unseren Service halt den besonderen Bedingungen anpassen. Da wir ihn kostenlos anbieten, unterliegen wir den aktuellen Kontaktbeschränkungen im privaten und öffentlichen Raum. Zehn Personen aus zwei Haushalten dürfen zusammenkommen.“
Bisher bestand das Besuchs-Team aus Nikolaus, Engerl, Kramperl und Fahrer – da kommen Personen aus drei bis vier Haushalten zusammen. „Das geht so also nicht“, sagt Sigl. „Wir sind derzeit mit dem Gesundheitsamt in Kontakt und haben vorgeschlagen, dass nur der Nikolaus die Familien besucht.“
Eine andere Möglichkeit wäre, das Angebot kostenpflichtig zu machen, mit einem Euro als Obolus. „Aber dann bewegen wir uns rechtlich in einem anderen Raum, mit anderen Regelungen wie die Pflicht zum Mund-Nasen-Schutz“, gibt Sigl zu bedenken. „Warum das Engerl eine Maske trägt, wäre den Kindern allerdings schwer zu erklären.“ Beim Nikolaus und Kramperl sei es einfacher, „die können ihren Mundschutz unter den Bärten tragen; ich glaube nicht, dass dies den Kindern auffallen würde“.
Die Konsequenz aus all den Überlegungen: Die Trommler haben der Gesundheitsbehörde ein Hygiene-Konzept vorgelegt und warten jetzt auf eine Entscheidung. Die Eckpunkte: Der Abstand zu den Kindern wird auf zwei Meter vergrößert; der Besuch findet nur im Freien statt; vorab werden die Familien, die den Dienst geordert haben informiert, wie sie den Besuch vorzubereiten haben.
Bislang wünschen sich etwa 20 Familien den Besuch des Pullacher Nikolaus‘. „Heuer sind unsere Einsätze am Samstag und Sonntag; so müssen wir keine Rücksicht nehmen auf unsere Arbeitszeiten und können mit unserer Tour schon mittags beginnen. Um achte auf d’Nacht ist dann Schluss“, betont der 38-jährige Ingenieur, der hauptberuflich bei der Firma Alpma Käserei-Maschinen konstruiert. Die Nikolausbesuche bei seinen drei eigenen Kindern genießt Franz Sigl lieber als Papa und holt sich dabei Anregungen für die eigenen Einsätze, wie er schmunzelnd bekennt.
Einige emotionale
Begegnungen
Als Nikolaus vom Dienst wird Sigl wieder einige emotionale Begegnungen erleben, da ist er sich sicher, denn Kinder reagieren völlig unterschiedlich auf seinen Besuch. Die einen haben Angst und verkriechen sich unterm Tisch, andere dagegen drehen oftmals völlig auf. Statt der Eltern öffnen die Kinder die Wohnungstür mit einem flotten Spruch: „‚Geht’s eini, Kramperl und Nikolaus‘, bekam ich schon zu hören. Die denken sich gar nichts dabei und machen mehr Programm als der Nikolaus.“
An einen lustigen Fall erinnert sich Franz Sigl besonders gerne: Ein Vater habe ihn aufgefordert, seinen Buam in den Sack zu stecken, weil er sich so aufgeführt habe. „Der Bua ist selbst einig’schlupft mit dem Ausruf ‚Pfüad eich, bis dann’…“